Dienstag, 22. August 2017
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Immersive Kollisionen

Smart City - Hard City

/// Glosse /// – Berlin wird digital! Die Digitalisierung läuft auf vollen Touren! Überall kann man es sehen! „Be-Digital.Berlin“ – „Digitale Agenda“ – „Smart City“ – die Digitalisierung schlägt in die Metropole ein, wie ein Meteorit, bei dem es keine Explosion, keinen Krater, keine Schockwelle und keine Verletzten gibt.

Erst dachten wir, es hätte nur mit der vermehrten Nutzung von Smartphones zu tun, jenen hübschen bunten Geräten, bei denen bunte Bildschirmkästchen die Tastaturen ersetzt haben. Tatsächlich ist es mehr. Die Digitalisierung erfaßt die Nutzer, wertet ihre Aktivitäten und Bewegungen aus: Wer war mit Wem, Wann? Was wurde gesehen, gehört, gekauft? Wer droht, wer liebt, wer trollt nur herum?

Die Digitalisierung sieht man praktisch nicht, sie geschieht irgendwie im Hintergrund, durch Funkwellen und Internetverbindungen von den Menschen getrennt. Rechenzentren und Systemadminstratoren verarbeiten die „urbanen Daten und Digisate“. Die Digitalisierung zieht alle in den Bann.

Smart City - Hard City
Smart City – Hard City – Grafik Amina Mendez

156 Mal nimmmt der durchschnittliche geschlechtsreife Mittel- und Außereuropäer sein Smartphone täglich in die Hand. Zehntausende Buchstaben werden per Chat und Messenger-App ausgetauscht. Die Verbindung zu Liebsten, Herzallerliebsten und Freundinnen und Freunden ist virtuell, verbunden wird digital.

Ein Bildschirmfoto sorgt für emotionale Reize und Reflexe. Es ist schön den Gesprächspartner als nah zu empfinden, obwohl eine Distanz da ist. Menschlich-allzumenschlich: das Smartphone zieht Interesse und Aufmerksamkeit auf sich , zieht sogar die Seele mit in das digitale Szenario mit hinein. Immersion ist möglich! Das Eintauchen in eine virtuelle empfundene Realität.

Steigerbar noch, durch Live-Bild und Live-Ton. Das Kopfhörer-Set mit Freisprech-Taste gehört inzwischen schon zum Straßenbild. Hipster nutzen es, inszenieren wichtige Gespräche in S- und U-Bahnen. Frauen versinken im Party-Chat, künden ohne Peinlichkeit von intimsten Party-Ereignissen: „Du das war vielleicht geil!“.

Der Chat wird beim Aussteigen nicht unterbrochen, sondern fortgesetzt. Treppen werden erklommen, die Einkaufspassade wird chattend durchschritten, die volle „individuelle Immersion“ ist im Gange, die Umwelt ist dann „Scheißegal Du Wichser!“

Auch Mütter mit Kindern sind bei der Digitalisierung mit dabei. Das schreiende Kind im Kinderwagen muss noch etwas warten. Die akustische Dämpfung der Kopfhörer koppelt die Mutter vom notleidenden Kind ab. Kinder lernen, das Mitleid der analogen Leute auf sich zu ziehen.

Auf dem Bürgersteig in der Schönhauser Allee wird Fahrt aufgenommen, der Kinderwagen, das Smartphone und die Kopfhörer signalisieren: hier kommt die volle Digitalisierung! Alle weichen aus: Mütter in der immersiven Phase kann man nie gut genug ansprechen.

Doch das Drama in Prenzlauer Berg kommt unweigerlich – es ist nur eine Frage von Mütter- und Kinderwagen-Frequenz. Die digitale Katastrophe naht: zwei Mütter mit Kinderwagen – in der Schönhauser Allee – auf Gegenkurs! Die Smart City wird zur „hard City“.

Bumms! Zwei Mütter kollidieren unsanft, werden aus der immersiven Phase gerissen, ins Leben hinein! Die volle Urbanität! Die volle „immersive Kollision“ führt zum Phasenwechsel. Der digitale Chat-Traum ist aus: der Absturz ins „Albleben“ sorgt für erste Schrecken und Schreie. Zwei Kinder lernen sich kennen!

Plötzlich Lachen! Das richtige Leben in der „Smart City“ bricht sich wieder Bahn! „Lass uns mal einen Latte trinken gehen!“ Die immersive Kollision endet friedlich!

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