Sonntag, 25. September 2016
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Oder kann das weg?

Ist das Baukunst?
Oder kann das weg?

Hugenottenplatz mit Brunnenskulptur

/// Glosse /// – Am 23.10.1995 erhielt der Hugenottenplatz seinen Namen. Der Tag jährt sich in diesem Herbst zum zwanzigsten Mal. Im Herbst 1996 waren am Hugenottenplatz die großen Richtfeste. Bis zum Jahresanfang 1997 wurden die meisten Gebäude bezugsfertig. Wir können auf rund 20 Jahre Städtebau am Hugenottenplatz zurückblicken. Ein Betonklotz und ein liegengebliebener Zementsack erinnern uns heute auf besondere Art.

Hugenottenplatz mit Brunnenskulptur
Hugenottenplatz in Französisch Buchholz
Brunnenskulptur von
Karol Broniatowski, Beton, Bronze

Die Sozialwohnungen wurden damals im ersten Förderweg investiert. Es entstanden 177 Sozialwohnungen, neun Läden und 1.750 Quadratmeter Bürofläche auf dem Grundstück Hugenottenplatz 1/Rosenthaler Weg 25/Blankenfelder Straße 70-86. Aus heutiger Sicht wurden spottbillige 103 Millionen D-Mark von der R & W Immobilienanlagen GmbH investiert. Die monatliche Kaltmiete für die Wohnungen war aus heutiger Sicht ein Traum, doch auch schon damals nicht ganz billig: 7,50 D-Mark pro Quadratmeter.

Insgesamt sind nun zwanzig Jahre lang Mieten gezahlt worden. Bei einem stabilen Mietpreis wären im kommenden Jahr 2016 rund 1.800 D-Mark je Quadratmeter von den Baukosten abbezahlt. Doch nach Einführung des Euro haben sich Preise und Mietpreise noch wertmäßig nach oben angepaßt. Die Bauinvestitionen des Jahres 1996 haben sich somit schon mehr als nur bezahlt gemacht. Es wurde Gewinn gemacht, guter Gewinn – und Rendite.

Baustelle Hugenottenplatz nicht aufgeräumt?

19 Jahre später fällt uns auf dem Hugenottenplatz ein scheinbarer Rest der Bautätigkeit ins Auge: da steht ein Betonklotz mit Eisenmangan-Rostfahnen, und einem stillgelegten Brunnenrohr. Obenauf liegt ein „hartgewordener Zementsack“ – ganz so, als ob man hier vor 19 Jahren die Baustelle nicht ganz aufgeräumt hätte.

Erst auf den zweiten Blick erschließt es sich: es ist ein Kunstwerk, Kunst am Bau. Es ist eine Brunnenskulptur des aus Polen stammenden Bildhauers Karol Broniatowski, der heute in Berlin lebt und arbeitet. Ein bildhauerisches Werk aus Beton und Bronze.

Am Fuß wächst wildes Kraut, damals hätte man „Unkraut“ gesagt – ein Begrif, der heute verpönt ist. Es sind Ackerunkräuter, der einstige Acker blitzt in den Fugen des Betonklotzes durch das Pflaster durch. Die Rostfahnen rühren noch von dem Brunnenwasser her, das schon lange versiegt ist.
Der Betonklotz wirkt, als hätte er schon immer da gestanden, wie ein Grenzstein in einem Acker, der plötzlich von einem Stadtplatz umbaut wurde. Der Zementsack wurde als Überbleibsel des Städtebaus liegengelassen.

Der Künstler hat hier auch die Idee eines Brunnens konterkariert: so sieht eigentlich auch kein Brunnen aus!
Der Brunnen sollte den Marktplatz beleben, und auch Wasserstelle für die Markthändler sein. Doch die Wartung war zu aufwändig schon seit Jahren ist der Brunnen stillgelegt. Und nun kann sich auch niemand mehr einen Brunnen vorstellen!

Symbol des „Förderschienen-Städtebaus“

Das Kunstwerk mahnt heute ungeplant als ein stilles Symbol, wie in Berlin Städtebau funktioniert. Denn Französisch Buchholz war ein ambitionierter Siedlungsentwurf am Stadtrand, der aber nicht fertiggestellt wurde. Der Städtebau wurde praktisch mitten im weiteren Ausbau gestoppt, weil sich plötzlich Wohnungsbau-Förderkonditionen geändert haben, weil sich in Berlin plötzlich Leerstand mehrte, der zeitweise bis zu einer Zahl von 100.000 leeren Wohnungen anwuchs.

Der meist leere Hugenottenplatz ist etwa ein Viertel so groß, wie ein Häuserblock in Prenzlauer Berg. Es ist ein nur zeitweise genutzer Marktplatz, dem das urbane Flair eines Marktes wie am Kollwitzplatz fehlt. Es ist nicht genügend bauliche Dichte und Einwohnerdichte am Platz vorhanden, um zentrale Einkaufsfunktionen und dafür notwendige Umsätze von Läden zu tragen.
So fehlt auch jede Händlervielfalt, und jede Geschäftseröffnung ist hier am Platz eine echte Pioniertat, die kluge Anstrengungen erfordert, um Kunden aus einem größeren Umkreis anzulocken.

Struktur einer Schlafstadt

Das für Dekaden angelegte Dilemma: die Mietwohnungen stehen mitten umgeben von Einfamilienhausgebieten, deren Bewohner vorzugsweise mit dem Auto einkaufen. Meist auf dem Rückweg von der Arbeit irgendwo in der Stadt – in Zentren und Supermärkten mit Parkplatz.

Den Bewohnern der Mietshäuser bleibt nur die Möglichkeit, es den Einfamilienhausbewohnern gleich zu tun, denn das Netz der Nahversorgung ist nicht sonderlich dicht geknüpft.

Zu Fuß ist es etwas zu weitläufig, die Straßenbahn hält deshalb die Stadt zusammen, weil man notfalls zwei drei Stationen zum nächsten Supermarkt fahren kann. Ein Leben und Treiben wie in der Innenstadt wird sich hier jedoch nicht entwickeln, weil sich ein typisches „Schlafstadt-Bewohnerverhalten“ als Ergebnis des städtebaulichen Konzepts ausprägt. Das Wohnen und Leben kommt im Tageslauf kürzer, als in der belebten Innenstadt der kurzen Wege. Das Schlafen und Arbeiten ist geregelt, längere Pendelzeiten und längere Wege nagen am Alltag.
Das sind zugleich schlechte Lebensbedingungen für Künstler, Kreative und alle Berufe der Kreativ- und Kulturwirtschaft, die doch gerade in Berlin stürmisch wächst. Kneipen, Cafés, Treffpunkte und Schankgärten sorgen für Begegnung, Kommunikation und „kulturellen und kreativwirtschaftlichen Austausch“ – und schaffen die Basis für Kultuökonomien der Stadt.

Wohnungswirtschaftler, Betriebswirte und Investoren haben hier am heutigen Bedarf vorbeigebaut. Vor allem für Ältere werden Schlafstädte aufgrund langer Wege und Einsamkeit auf Dauer zum Problem.

Keiner regt sich über den Brunnen auf

Würde der Hugenottenplatz in Prenzlauer Berg liegen, gäbe es längst eine Spielplatzinititive, eine Kümmererinitiative und eine Petition zur Inbetriebnahme des Brunnens. In der Schlafstadt Französisch Buchholz scheint sich niemand um den Platz zu scheren.

Der Betonklotz mit dem Zementsack ist eine treffliche Allegorie. Sie zeigt, wie es endet, wenn man achtlos und planlos, nur nach fiskalischen Prinzipien Stadtentwicklung betreibt, allein wirtschaftlichen Kräften ungeplante Gestaltungskräfte überlässt.

Der Betonklotz mit dem scheinbar liegengelassenen Sack Zement wird in Französisch Buchholz kaum beachtet. Es gibt auch nach der Stillegung als Brunnen keine Pläne. Die Brunnenskulptur wird nun langsam zum Mahnmal einer eilig verlassenen Baustelle, mit scheinbar vergeßlichen Bauherren und Bauarbeitern.

Der Hugenottenplatz sollte eigentlich ein urbanes Zentrum werden, aber es wurde nie vollendet … .

Wappen von Französisch Buchholz
Wappen von Französisch Buchholz

Vergangenheitspflege statt Zukunftsvisionen

Auch die engagierten Bürger in Französisch Buchholz scheint der kaputte Brunnen nicht groß zu interessieren. Im Bürgerverein befasst man sich lieber mit Vergangenheit, Historienfesten und Trachtenumzügen. Eine neue Initiative KULTURGUT–Französisch Buchholz–BIENCULTUREL kümmert sich neuerdings um die Ortschronik und die wichtigen Traditionen der Hugenotten.

Doch wer kümmert sich um Zukunft? Kultur und Baukultur?

Währenddessen kreisten schon Schreibstifte im Pankower Rathaus, um in wenigen hundert Meterm Entfernung vom Hugenottenplatz das nächste Baufeld und übernächste Baurechte zu verteilen – eine nächste Zukunft zu verplanen. – Wo doch eine vor über 20 Jahren begonnene Zukunft noch nicht zu Ende gebaut und vollendet ist.

In den Pankower Parteien blicken inzwischen alle Köpfe auf die nächste Wahlkampf-Nominierungs-Kämpfe – für große Ideen ist nun bis zum Frühjahr 2016 kaum Platz.

Der Betonklotz und der liegengebliebene Sack Zement sehen aus, als ob der Künstler es schon damals gewußt hat, dass es so kommen wird. Die Skulptur ist heute Mahnmal, das die Gesamtsituation in Französisch Buchholz auf besondere Art in Frage stellt.

Der stillgegte Brunnen, und der rostfahnengetränkte Betonklotz haben eine ungeheuer schlichte Banalität. Ein nicht verwittern wollender liegengelassener Betonsack verhöhnt geradezu die städtebauliche Intention dieses Platzes:

„Architekten, Städtebauer, Bürgermeister … ihr habt bei den Richtfesten von Urbanität geredet und alle angelogen!“

Ein Betonklotz und ein „nicht verwittern wollender“ Zementsack aus Bronze klagen falsche städtebauliche Eile und fehlende Sorgfalt an – werden auf dem Hugenottenplatz zu einer Klage für eine bessere Baukultur.

Kann „das“ weg?

Ist es Baukunst? Oder kann der Brunnen weg? – Es ist wohl eines der intelligentesten Kunstwerke für Kunst im Stadtraum in Berlin. Ein schrecklich banales und tiefsinniges Mahnmal für eine bessere Baukultur – für eine bessere Zukunft der Stadt!

Es ist eine Frage an alle Bürger: gibt es einen würdigen Umgang mit einem Stadtplatz, vielleicht auch mit Stadtgeschichte und Identität dieses Ortsteils Französisch Buchholz?

Das Kunstwerk sollte deshalb bleiben, bis Antworten gefunden sind!

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m/s