Samstag, 21. Oktober 2017
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Jeder soll zum Sheriff werden!

Strassensheriffs - die Strassensheriff-App

Das Pankower Ordnungsamt will unser Rechtssystem modernisieren. Falschparker und Störer der öffentlichen Ordnung sollen künftig durch „ehrenamtliche Sheriffs“ zur Disziplin ermuntert werden. Jeder Smartphone-Benutzer soll sich künftig durch das Herunterladen einer App in einen ehrenamtlichen Sheriff verwandeln können. Das Ordnungsamt Pankow unterstützt die Entwicklung einer App zur Stärkung der öffentlichen Ordnung.

Strassensheriffs - die Strassensheriff-App
Strassensheriffs - die Strassensheriff-App: Heinrich Strößenreuther (mitte) - Foto: Youtube

Die Idee stammt von dem Startup Strassensheriff, das derzeit auf der Crowdfunding-Plattform Startnext Geld sammelt. Rund 6.867 € sind schon gesammelt, rund 33.000 € werden mindestens benötigt – Ziel sind 59.000 €.

Heinrich Strößenreuther, Initiator von Strassensheriff, freut sich auf die Zusammenarbeit: „Gemeinsam lässt sich ein rücksichtsvolles Verhalten von Autofahrern gegenüber Rad-, Rollstuhl- und Kinderwagenfahrern viel pfiffiger und effektiver erreichen. Und da gerade in Prenzlauer Berg im Sommer teilweise mehr Räder als Autos unterwegs sind, haben wir mit dem Ordnungsamt Pankow den idealen Partner gefunden.“

Er sieht sich als „Political Entrepreneur“ und setzt auf die präventive Wirkung seiner App.

Ordnungsamt startet Kooperation zur Entwicklung einer neuen App

Dr. Torsten Kühne, Bezirksstadtrat und Leiter der Abteilung Verbraucherschutz, Kultur, Umwelt und Bürgerservice unterstützt die Idee: „Das Ordnungsamt Pankow unterstützt die Entwicklung einer App zur Stärkung der öffentlichen Ordnung.
Ab sofort arbeiten Bezirksverwaltung und das Startup Strassensheriff zusammen, um für mehr freie Rad- und Gehwege zu sorgen und damit auch einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Das gemeinsame Ziel besteht darin, die Mobilität für Radfahrer und Fußgänger und damit die Lebensqualität in den Stadtteilen Prenzlauer Berg, Weißensee und Pankow zu verbessern. Die neue App soll gerade auch Mitbürgerinnen und Mitbürgern helfen, die auf einen Rollstuhl bzw. Rollator angewiesen oder mit einem Kinderwagen unterwegs sind.“ Stadtrat Kühne weiter: „Mit der App können wir den zahlreichen Beschwerden und Hinweisen über falsch parkende Autos noch schneller und zielgerichteter nachgehen. Wir sehen in der App-Entwicklung ein Pilotprojekt für eine Kooperation von Bürgern und Behörden mithilfe moderner Internet- und Smartphone-Technologien. Das Projekt ist Teil unserer Bestrebungen, ein zeitgemäßes Anliegen- und Beschwerdemanagement aufzubauen. Und natürlich unterstützt das Projekt auch unsere Bemühungen, die öffentliche Ordnung zu verbessern und klimafreundliches Verhalten attraktiver zu machen. Die App soll derart programmiert werden, dass sie sich praxistauglich in die Arbeitsweise des Ordnungsamtes einpasst. Gemeinsam sollen Schnittstellen erarbeitet und das Programm bis zur Einsatzreife getestet werden. Ich hoffe, dass das Startup auf der Crowdfunding-Plattform www.startnext.de die notwendigen Mittel zur Finanzierung der App einsammeln kann, damit wir zeitnah mit dem Projekt starten können.“

Englisches Rechtssystem als Vorbild

Der Begriff des Sheriffs entstammt dem angelsächsischen und später amerikanischen Rechtssystem. In England und Wales ist ein Sheriff ein meist ehrenamtlicher Vertreter eines Shire mit hauptsächlich zeremoniellen und repräsentativen Funktionen. Bekanntester Vertreter war der „Sheriff von Nottingham“, den eine alte Grafik in einer typischen Pose eines heutigen Smartphone-Besitzers zeigt.

Sheriff von Nottingham
Sheriff von Nottingham - Buchillustration von Louis John Rhead, 1912

Die Idee, die Smartphone-Bilder von Parkverstößen per Mail an das Ordnungsamt zu übermitteln ist nach bisherigen deutschen Recht jedoch problematisch, weil die Fotos vor Gericht meist keine Beweiskraft erlangen. Zudem bekommt das Ordnungsamt wegen der Ermittlungspflicht nach einer Anzeige erheblich Arbeit, muß IP-Nummern, Smartphone-User und KfZ-Halter erfassen, überprüfen und identifizieren. Das würde erhebliche Mitarbeiter-Kapazitäten im Büro binden. Letztlich müsste man neue Mitarbeiter einstellen – oder bestehende Ordnungsamtsmitarbeiter umschulen und von der Strasse holen.

Apps als Ordnungspolitik und Anreiz zur Selbstüberwachung der Bürger

Die Grundidee, das Bürger sich gegenseitig selbst per App kontrollieren , im Zaum halten und disziplinieren, hat etwa Verlockendes für die Politik. Doch hier wird eine Grenze überschritten, die eine Stadt zum „Überwachungsdorf“ macht.

Vor allem Autobesitzer dürften nachdenklich werden, wenn amtlich dazu aufgerufen wird, das Recht am eigenen Bild und den Datenschutz auf die Probe zu stellen.
Auch gerät die Handy-Nutzung damit selbst in eine Grauzone, in der Bürger gegen Bürger um das Foto und die Verfügungsgewalt des Smartphonefotos in Streit geraten.

Gerade in Prenzlauer Berg mit seiner beständigen Parkplatzknappheit und Halteplatznot gibt es ein gespanntes Verhältnis zwischen Autofahrern und Ordnungsamtsmitarbeitern, insbesondere, wenn als lebensnotwendig empfundene Be- und Entladevorgänge zum Streitpunkt werden.

Der „political Entrepreur“ Heinrich Strößenreuther greift mit seiner App tief in das Verhältnis von Freiheit, Selbstverantwortung ein – und verwandelt auch das Verhältnis freier und mündiger Bürger untereinander. Der unternehmerische Impetus des „Was wir wollen“ transportiert einen politischen Willen in eine „soziotechnische Schwarmsteuerung“ der Menschen untereinander hinein.

Es ist nicht nur eine Technik – die App entfaltet ein soziales Feld der Verhaltenssteuerung.

Das Smartphone mag allein mit der technischen Funktionalität einer Sheriff-App eine innovativen Anreiz bieten. In großer Zahl jedoch wird es zum „politischen Instrument“.

Denn auch Autofahrer können sich aufrüsten:

Park Sheriff Alarm
Park Sheriff Alarm Austra - by www.iloveddg.com

In Wien wurde von der DDG Design & Communication GmbH für Autobesitzer eine ebenfalls kostenlose App entwickelt: Park Sheriff Alarm. Die kostenlose App hilft Autofahrern, sich an die eingestellte Parkzeit zu erinnern und wie in einem sozialen Netzwerk warnen sich Autofahrer per Google-Map, wenn heranrückende Ordnungsamtsmitarbeiter „geolokalisiert“ werden.

Die Antwort auf die Frage, ob auch eine Version für Prenzlauer Berg erhältlich ist, lag bis zum Redaktionsschluß noch nicht vor. m/s

Weitere Informationen:

www.strassensheriff.de

PARK SHERIFF ALARM

Buchillustration (Public Domain) aus:
Rhead, Louis: „Bold Robin Hood and His Outlaw Band: Their Famous Exploits in Sherwood Forest“.
New York: Blue Ribbon Books, 1912, page 129

Louis Rhead (1857–1926) Link back to Creator infobox template

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m/s

3 thoughts on “Jeder soll zum Sheriff werden!

  1. Schönen Dank für die historische Abhandlung zum Sheriff – wir sprechen also über „ehrenamtlichen“ Vertreter mit eher „repräsentativen“ Funktionen. Das passt ja zur Grundidee der App – das Falschparken von Autofahrern zu verringern. Durch Posten der Orte auf Karten, mit der Ergänzung von kleinen Erlebnisberichten, mit direkten Nachrichten an den Autofahrern. Sollte es sich um einen unbelehrbaren Wiederholungstäter handeln, dann und nur dann, ist die Online-Meldung ans Amt gedacht. Da haben Sie offensichtlich absichtlich drüber hinweg gelesen, sehr schade.

    Wer es sich genau anschauen will – was wir genau vorhaben, ist bestens unter http://www.startnext.de/die-Strassensheriff-App beschrieben. Wir freuen uns über jeden, der für mehr freie Rad- und Gehwege steht. Bitte finanzieren Sie die App mit Ihrem Taler, sonst wird es die App nicht geben und alles bleibt so, wie es ist. Denn bessere Konzepte hat noch keiner vorgeschlagen.

    Einig bleiben wir jedoch beim Wort „ermuntern“ Ihrer ersten Sätze. Die einfache Botschaft heißt: „Runter vom Radweg, vom Gehweg oder Behindertenparkplatz“. Würden alle Autofahrer sich dran halten, hätten wir kein Problem. Und da nur noch jede dritte Fahrt mit dem Auto unternommen wird, haben Sie vermutlich auch kein ganz mehr aktuelles Bild über Ihre Leserschaft. Gerne bieten wir Ihnen ein Gespräch zu den weiteren Fakten an.

  2. „als lebensnotwendig empfundene Be- und Entladevorgänge“ – Ich frage mich ja, warum die Fahrer wegen der Be- und Entladevorgänge meinen, dass es weniger verwerflich ist, auf dem Geh- oder Radweg zu parken. In Pankow sind die meisten Straßen mit Radwegen vierspurig, auf der Straße ist also mehr Platz als auf dem Rad- bzw. Gehweg. Trotzdem wird zum Zweck des Be- und Entladens mit Vorliebe auf den Radwegen (der häufig eher schmal sind) geparkt.
    Als ich letztens eine Fahrerin, deren Auto im südlichen Teil der Berliner Straße (zur Schönhauser) quer auf dem Rad- und Fußweg fragte, warum sie nicht auf der Straße parken würde, bekam ich zur Antwort, dass dies verboten sei. Es gab da ja nicht mal ansatzweise ein Unrechtsbewusstsein, dass Parken auf Rad- und Fußwegen genauso verboten ist. Erst die Drohung mit dem Ruf der Polizei hat die Dame bewegt, ihr Auto wegzufahren. In solchen Fällen kann die App wohl wirklich hilfreich sein.

  3. Mir bleibt die Luft weg wenn ich sowas lese. Wurden die ganzen
    Geschichten unserer Väter und Mütter vergessen?
    Denunziantentum staatlich gefördet. Danke, genau das brauchen wir.
    Spontan fällt mir der Blockwart ein. Wer vergessen hat was das
    ist, Wikipedia hilft.

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