Montag, 20. November 2017
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Journalismus finanzieren #1

Zeitung der Zukunft

/// Essay /// – Wie finanziert sich die Zeitung der Zukunft? Auch für die Pankower Allgemeine Zeitung wird noch an einem tragfähigen Modell gearbeitet. Der schnelle Wandel des Internet und der steigende Anteil der mobilen Leser haben einen Strich durch ursprüngliche Kalkulationen aus dem Jahr 2011 gezogen. Heute ist es klar: Werbung kann eine Online-Zeitung allein nicht mehr tragen.

Zeitung der Zukunft
Das Projekt: Pankower Allgemeine Zeitung

Das mobile Internet bestimmt aktuell den Takt
News, aktuelle Themen, Veranstaltungsankündigungen, Kommunalpolitik, Kulturthemen und allgemeinpolitische Themen sorgen für hohe Aufmerksamkeit, hohe Leserzahlen, Klickzahlen. Aus der Perspektive des Online-Marketings also ideale Voraussetzungen, um Werbung zu platzieren.

Doch es sind immer mehr Smartphones online, die Anteile betragen zeitweise schon 81% der Zugriffe in bestimmten Tageszeiten. Online-Werbung hat einen immensen Preisverfall zu verzeichnen. Trackerdienste, Social-Media-Buttons und Videos sorgen für eine nutzungsabhängige ökonomische Verschiebung der Werbemöglichkeiten ins soziale Netz und auf die Videoportale.

Mobile Sphäre: Guckfensteröffentlichkeit
Mobile Sphäre: Guckfensteröffentlichkeit für die smarte Crowd

Der Grund ist kurz gesagt: Smartphones sind Kommunikationsgeräte. Wenn sie am Ohr angelegt sind, kann man keine Werbung sehen, wenn mit der Freundin oder dem Freund gechattet wird, ist auch kaum Platz für Werbung auf dem Bildschirm. Wenn ein Video läuft, ist es am Besten witzig, spannend – und trägt eine direkte oder indirekte Werbebotschaft, die weiterezählt werden kann.

Gedruckte Zeitungen, Online-Zeitungen und sogar das Fernsehen geraten daher immer mehr unter Druck. Viele hunderte Zeitungen sind weltweit schon verschwunden. Rund 130 Zeitungen in Deutschland haben schon Bezahlschranken eingerichtet.

Ausgerechnet in Pankow wird mit der „Pankower Allgemeine Zeitung“ der durchaus verwegene Versuch unternommen, gegen weltweite Trends und gegen das Milliardenspiel großer Internet- und Medienkonzerne, etwas Neues und Differentes in Gang zu setzen. In diesem Beitrag werden dazu erste Gedanken öffentlich gemacht und zur Diskussion gestellt.

10 Wichtige Grundsätze zum Internet
Als Herausgeber der Pankower Allgemeine Zeitung nehme ich gegenüber Internettechnologien eine aufmerksam kritische Haltung ein. Die Snowden-Affäre um die Abhörprkatiken der NSA, den Trend zu BigData und zur schleichenden Entmündigung der Nutzer sehe ich mit großen Bedenken.

Auch die Konzentration von immer mehr Kapital und Informationskapital – nach dem Muster weltumspannender Netzwerke – sehe ich sehr kritisch. Welches Gremium regiert diese Wachstumsprozesse? Wer verantwortet Ausbau, Wirkungen und Folgen? Ist es längst unsteuerbar? Werden Menschen und Kulturen davon überrollt?

Zur „Topologie des Internet“ nach dem Muster von großen „steueroasengestützten“ kalifornischen US-Unternehmen gibt es aber viele denkbare Alternativen. Weltweit wird aktiv von zahlreichen Köpfen nach diesen Alternativen, nach technologischen Bausteinen und stabilen Geschäftsmodellen gesucht.

Wichtigster Ansatzpunkt ist die Open-Source-Philosophie! Dazu gibt es eine weltumspannende Gemeinde von Programmierern, Spezialisten, Entwicklern. Auch Journalisten, Kulturwissenschaftler, Philosphen und IT-Wissenschaftler sind mit dabei. Sie suchen nach sozial verträglichen technischen Alternativen zum Bestehenden.

Das Mozilla-Manifest mit seinen 10 Grundsätzen bildet den Ausgangspunkt und die ideelle Ausgangsbasis, um das geistige und konzeptuale Fundament für die neue Zeitung zu formulieren. Die Prinzipien von Offenheit, Innovation und Chancen im Internet werden befolgt.

Distanz zu Facebook und Social Media
Für die Pankower Allgemeine Zeitung wird daraus eine Haltung abgeleitet, ganz grundsätzlich auf Facebook und Social Media bisher bekannter Art zu verzichten. Der Leser darf nicht heimlich ausgeforscht werden. Information muss frei zugänglich sein. Das Geschäft „Information gegen persönliche Daten“ wird als unlauteres Gebaren wahrgenommen. Information muß auch auch ohne Datenschutzbeschränkungen gelesen werden können.

Die innere Autonomie einer Redaktion benötigt eine eigene digitale Infrastruktur um eine eigene Kommunikationssphäre zu setzen. Branchenübliche Tracker- und Werbetechnologien werden ganz bewußt ignoriert, weil längst Alternativen entwickelt werden.

Pragmatisch gesagt: die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook & Co und die geheimnisvollen Dienste von Tracker-Diensten werden als Zumutungen, als Hintergehen der Leserschaft – und als störende, immense Zeitfresser empfunden.

Auch die von den „Masters of the digital Universe“ ausgedachten Prinzipien werden hinterfragt, weil sie weltweit Kulturen entgrenzen, ökonomisch einebnen – und damit lokale Ökonomien und Lebensschancen zerstören.

Datenschutz, Privatheit und Persönlichkeitsrechte dürfen nach meine ganz persönlichen Auffassun nicht per Mausklick oder Wischgeste hinter digitalen Schranken von Zeitungen abgegeben werden!

Diese grundlegende Positionierung ist zugleich eine wichtige Operationsbasis, um disruptive Ideen und Innovationen zu erdenken, zu disktutieren – und zu entwickeln.

Privatheit – Vertrautheit – Öffentlichkeit sorgen auch dafür, das der Mensch als Indiviuum und als soziales Wesen über eine eigene Autonomie gegenüber dem Internet der Dinge verfügt! Diese Automomie gilt es zu schützen und zu entwickeln!

Digitalismus - totale Transparenz
Privatheit – Vertrautheit – Öffentlichkeit konstituieren die Autonomie des Menschen über das Internet der Dinge

Privatheit – Vertraulichkeit – Öffentlichkeit
Die Sphären „Privatheit“ – „Vertraulichkeit“ – „Öffentlichkeit“ bilden eine informelle und soziale Sphäre, in der sich der Mensch als Mensch, als Indiviuum – und als soziales Wesen und geistiges Wesen entfalten kann.

Wird die gewachsene Ordnung von „Privatheit“ – „Vertraulichkeit“ – „Öffentlichkeit“ durch Internet-Dienste gestört, verändert und entgrenzt – dann verändern sich nicht nur die Entfaltungsmöglichkeiten des Indiviuums, sondern auch alle davon abhängigen Entfaltungsmöglichkeiten einer Kultur und Gesellschaft.

Unsere seit der Idee der griechischen Polis gewachsene europäisch geprägte Kultur ist heute durch Internet-Technologien auf das Höchste und auf das Tiefste bedroht. Von Außen bedroht, und vom Innern her – weil große Internetkonzerne mit ihren Diensten auch das Denken, das Informieren, das Schulen und sogar Begriffe und Konventionen verändern.

Zeitungen sind die letzte Verteidigungslinie, um diese schleichenden Prozesse erkennen und kommunizieren zu können, zu kritisieren, und einer neuen Steuerung durch Politik und Gesellschaft zugänglich zu machen.

Als Herausgeber der Pankower Allgemeine Zeitung ist es meine Überzeugung: eine Zeitung und Redaktion muss sich selbst gegen Entgrenzungseffekte und klammheimliche Hintergehung durch „Meta-Technologien“ schützen.

Öffentlichkeit – ein hohes Gut
Aus der Perspektive Bürgergesellschaft und offene Stadtgesellschaft stellt eine Zeitung das hohe Gut „Öffentlichkeit“ her. Sie transportiert damit auch Fakten, Wissen, Kultur, Meinungen, Diskurse und sichert die Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen.
Nach meinem Verständnis ist eine europäisch geprägte Kulturstadt nur mit einer funktionierenden Öffentlichkeit denkbar. Öffentlichkeit konstituiert sogar in Zeiten des Internet eine Kulturstadt, und im politischen Sinne die neue „digitale Polis“.

Auch Politik, Kommunalpolitik können nur mit einer informierten Öffentlichkeit, mit Stellungnahmen und persönlichen Beiträgen von Politikern funktionieren. Ein wenig ist es auch schon in der Vergangenheit gelungen, einige politische Köpfe öffentlich als Autoren zu präsentieren. Doch noch ist das Projekt zu klein, um mehr zu leisten.

Vielfalt, Kreativität, Kultur und Themenvielfalt in Pankow
„Pankow ist groß genug für eine eigene Zeitung“ – mit diesem Claim ist die Zeitung vor 3 Jahren gestartet. Die Idee dahinter: es sollte eine Zusammenwachsen des Bezirks Pankow mit seinen 13 Ortsteilen gefördert werden.

Zugleich sollten intellektuelle und kulturelle Vielfalt, und möglichst alle „Farben der Politik“ öffentlich werden können. In Pankow gibt es dazu auch eine weite parteiübergreifende Basis des politischen Gesprächs, dazu eine weitgehend sachbezogene Politik.

Es gibt daher auch eine parteiübergreifende Einladung, persönlich mit Kommentaren, Beiträgen, Autorenbeiträgen und Kommentaren zu aktuellen Fragen beizutragen. Auch „Köpfe & Federn“ sind eingeladen, an der Zeitung mitzuwirken.

Mehr Mut und Mitarbeit zur aktiven Gestaltung der Öffentlichkeit ist gewünscht!

Kulturöffentlichkeit in Pankow
Auch für die Kulturszene ist Öffentlichkeit ein Elixier: eine Galerie, eine Bühne, ein Theater – ohne Öffentlichkeit und ohne Kulturankündigungen und ohne Kritik können sie nicht zum Stadtgespräch werden.
Ohne Stadtgespräche gibt es keine Empfehlungen, und am Ende auch nur leere Plätze, anstelle eines interessierten Publikums.

Die Pankower Kulturschaffenden können heut auf einen digitalen Standortvorteil bauen: mit dem Zusammenspiel von Kulturportalen und Zeitung kann inzwischen eine große Reichweite in Berlin kostengünstig hergestellt werden. Die großen politischen Themen sorgen auch für eine überreginale Beachtung.

Der Grund ist einfach: die Pankower Allgemeine Zeitung strebt aus dem hyperlokalen Fokus heraus, und lotet das Potential für eine große Regionalzeitung aus.

Der wichtigste Effekt ist schon eingetreten: Pankow ist zunehmend in den Blick der medialen Öffentlichkeit gerückt. RBB, Radiosender, TAGESSPIEGEL, BZ, Morgenpost und andere Medien schicken jetzt sogar „echte Journalisten“ in die BVV. Bis 2012 wurde fast nur aus der Distanz und viel seltener über Pankow geschrieben.

Die Wolke der „Pankow-Themen“ bei den Google-Page-Impressions ist seitdem explodiert, sagen Online-Marketing-Experten. Die Kulturöffentlichkeit treibt auch Anziehungskraft und das Wachstum des Bezirkes Pankow an.

Der strategische Hintergedanke wird auch ganz offen ausgesprochen:

Durch das Engagement für die Kulturstadt sollen kreative Prozesse vierter Ordnung angeregt werden! Kulturökonomie 4.0 – das heißt: Kreative, Künstler und Kulturbetriebe können selbst tragende Biographien und Ökonomien entwickeln.

Tatsächlich treibt die Kunst-, Kreativ- und Kulturwirtschaft das Wachstum der Stadt. Von Pankow aus soll „Investitions- und Attraktivitätsdruck“ entfaltet werden, damit auch in anderen Berliner Bezirken und in der Region kreative Projekte in Gang kommen.

Öffentlichkeit öffnet die Sphäre von Geltung und Ruhm

Neugier, Interesse, Spannung, Atmosphäre wachsen in der Öffentlichkeit. Beachtung, Geltung und Ruhm entstehen und wachsen nur in der medialen Sphäre. Die „Stufenleiter der PR“ kann von Kulturschaffenden nur erklommen werden, wenn es Empfehlungen, echte Kontakte zwischen ihnen und dem Publikum gibt. Presse und Kulturpublizistik tragen dazu bei, eine breite interessierte Öffentlichkeit mit Persönlichkeit und kulturellem Muster des Künstlers, und seinen Äußerungen und Bildern bekannt zu machen.

Kulturpublizistik hat sogar das Potential, eine ganze Kulturstadt zu inspirieren, anzutreiben – und zur Blüte verhelfen. Doch ausgerechnet Kulturpublizistik und Kulturkritik bleiben ökonomisch auf der Strecke.
Sie sind neben der Vor-Ort-Recherche die wohl teuerste journalistische Form. Sie können nur durch ökonomische Stabilität, Geduld und wachsende Kenntnis zu einer gewünschten Qualität auflaufen.

Journalismus und Kulturjournalismus brauchen Geld und Zeit
Journalismus und mediale Vielfalt sind zugleich Voraussetzungen´für pluralistische Meinungsbildung und politische Teilhabe in einer demokratisch verfaßten Bürgergesellschaft. Journalismus kostet Zeit, Produktionszeit, Honorar, bzw. Mindesttariflohn.

Doch das Kapital fehlt, um in „Köpfe und Federn“ investieren zu können. Es ist das Grundproblem aller Zeitungen – das nur durch disruptive Ideen und Innovationen lösbar ist.

Die unmittelbare betriebswirtschaftliche Existenzfrage lautet: „Wie können Journalismus, Kulturjournalismus und Kulturkritik bei Mindest-Produktionskosten von rund 30 € (inkl. MWST.) pro Stunde finanziert werden?

Pankower-Payment-Policy (Newspaper-PPP)
Unter der Oberfläche der Pankower Allgemeine Zeitung wird herumgeschraubt, es wird ein flexibles Bezahlmodell „eingebaut“. Die Pläne und der selbstprogarmmierte Online-Shop waren eigentlich schon 2013 fertig. Doch die zuerst gescheiterte und dann verspätete SEPA-Umstellung hat die Inbetriebnahme des Systems verhindert.
Hinzu kam eine fatale bürokratischen Wirkung der SEPA-Umstellung: die Bevollmächtigung für Lastschriftverfahren verteuert die Kosten von Vertrieb und Vertragsabschluß. Die Kosten von Vertrieb, Vertrags- und Zahlungsabwicklung übersteigen den Aufwand für einzelne Leistungen. Die strukturellen Kosten fressen praktisch die mögliche Wertschöpfung auf – ein Problem – das praktisch alle Zeitungen betrifft.
Die Lösung besteht darin, alle Leser mit dem Problem zu konfrontieren:

„Journalismus ist aus sich selbst heraus wirtschaftlich nicht mehr lebensfähig!“

Eine Zeitung benötigt daher ein neues ökonomisches Gesamt-Konzept für einen „selbsttragfähigen Businessplan“. Für die Pankower Allgemeine Zeitung kommt eine „harte Bezahlschranke“ nicht in Frage. Das Prinzip „Öffentlichkeit und digitale Polis“ benötigt eine „Kulturökonomie“, die auf breite Akzeptanz treffen kann, und zugleich ein Modell für alle Zeitungen der Welt sein kann.

Zugleich soll es ein Modell sein, das auch im sich entwickelnden Internet der „Screens“ & „Dinge“ tragfähig und ausbaufähig bleibt, und die tragenden Strukturen und das kulturelle Konzept einer europäisch geprägten Kulturstadt auch in die künftige „digitale Polis“ überträgt.

/// – Dieser Beitrag erscheint in eigener Sache ///
Der Beitrag ist all jenen Köpfen und Mitmenschen gewidmet, die Auswege aus dem modernen Dilemma des Journalismus suchen!

Lesen Sie demnächst im zweiten Teil:
Journalismus finanzieren #2
– die digitale Zeitung im Internet der Screens & Dinge
– Zur Konstruktion der „Pankower-Payment-Policy“ (Newspaper-PPP)
– die Kulturökonomie der digitalen Stadt (Kulturökonomie 4.0).
– digitale Feinarbeiten am traditionellen Presse-Kodex.

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