Freitag, 15. Dezember 2017
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Kartik – Monat der hinduistischen Feste

Kuh spaziert zwischen den Pilgern, die auf ihre Mahlzeit warten © Amina Mendez

Heute, am 14. November 2016, endet der Kartik-Monat im hindustischen Indien. Es ist ein Monat, in dem viele große Feste in ganz Indien gefeiert werden. Eine Zeit, in der es lohnt, die indische Kultur näher zu erkunden. Eine Freundin lud mich ein, diese Zeit mit ihr an einem besonderen Ort zu verbringen. Nach neun Stunden Flug von Amsterdam traf die Maschine mitten in der Nacht in Delhi ein.
Im Flughafen von Delhi hatte man noch das Gefühl, in der westlichen Welt zu sein, adrett gekleidetes Personal, Duty-Free-Shops, Cola-Automaten und Starbucks-Cafes. In Indien kommt man erst an, sobald man das Flughafengelände verlässt.

Es war 3 Uhr morgens, der vorbestellte Taxifahrer holte mich am Eingang des Flughafens ab. Nachdem das Gepäck im Kofferraum eingeladen war, schlug er aus Versehen die Autotür zu. Die Automatikverriegelung griff, der Autoschlüssel lag auf dem Beifahrersitz. Schöne Bescherung! Mit einem Brecheisen öffnete der Taxifahrer pragmatisch die eigene Kofferraumtür und bahnte sich einen Weg bis zur Fensterverriegelung – die Fahrt konnte danach endlich losgehen.

Die nächtlichen Straßen von Delhi waren noch ziemlich leer, vereinzelte LKWs wurden durch lautes Hupen weggescheucht. Überholen mit Blinken – das geht nicht, hier benutzt jeder die Hupe.

Als wir zu meinem Entsetzen wiederholt über rote Ampeln gebraust waren, erklärte mir der Fahrer, Ampeln gelten in der Nacht nicht. Sie sind gegebenenfalls nur tagsüber zu beachten. Nach aufregender Fahrt und zum Teil recht holprigen Fahrtkilometern erreichten wir endlich nach dreineinhalb Stunden Vrindavan.

Kusoma Sarowara, Goverdhan © Amina Mendez
Tempelanlagen Kusoma Sarowara, Goverdhan © Amina Mendez

Vrindavan – Stadt der 5000 Tempel

Vrindavan liegt im „Goldenen Dreieck“ von Indien, ein Gebiet zwischen Delhi, Mathura und Jaipur im Bundesstaat Uttar Pradesh. Hier befindet sich auch das „Vraj-Mandala“, eine mystische Region, die während des Kartik-Monats von zahlreichen Hindus aus Indien und der ganzen Welt besucht wird. Nach der uralten Überlieferung der vedischen Schriften erschien vor 5000 Jahren Gott Krishna auf der Erde in „Vraj-Mandala“ und verbrachte hier seine Kindheit. Zahlreiche Orte und heilige Stätten geben heute noch Zeugnis von den Begebenheiten hier vor 5000 Jahren.

Der Ort Vrindavan ist ein ganz besonderer Ort, er zählt nur etwa 65.000 Einwohner, zur Zeit des Kartiks verdoppelt sich die Einwohnerzahl für einen Monat. Auf der Straße und in den Läden grüßt man sich mit „Radhe, Radhe“, ein Hochruf auf Radharani, die den weiblichen Aspekt von Krishna symbolisiert. Auf den Straßen tummeln sich Rhesus-Affen in unglaublich großer Zahl. Sie sind nicht gefährlich, haben aber auch keine Angst vor Menschen. Eine Spielerei dieser Affen ist es, offen getragene Brillen zu stehlen und sich dann auf das nächstgelegene Dach zu flüchten. Nur mit List, kann man seine Brille danach von den schlauen Affen wieder erobern: eine Banane oder ein Keks wirken recht überzeugend.

Der allgegenwärtige Staub überzieht nicht nur Vrindavan in dieser Jahreszeit sondern ganz Vraj. Er taucht das Gebiet in eine mystische und unwirkliche Atmosphäre, ein Gefühl, das die Besucher den göttlichen Ereignissen hier vor 5000 Jahren sicher näher bringt. Vrindavan wird auch die Stadt der 5000 Tempel genannt. Es gibt hier viele große Tempelanlagen wie der Sri Govinda Temple und das Prem Mandir – sowie Hunderte von kleineren Tempeln.

Blumen-Puja am Narada Kund, Goverdhan © Amina Mendez
Blumen-Puja am Narada Kund, Goverdhan © Amina Mendez

Schon um 4 Uhr morgens, zwei Stunden vor Tagesanbruch beginnen die Aratis, die Lobpreisungen und Ehrerbietungsrituale in den Tempeln, und in den umliegenden Straßen hört man den Gesang der Gläubigen, der die Atmosphäre der ganzen Stadt erfüllt.

Während des gesamten Monat Kartik werden in Vrindavan Pilgerungen von Tempel zu Tempel von vielen Priestern durchgeführt. Viele dieser Tempel erzählen von Begebenheiten, die der angebetete Gott Krishna in seinen Kindheits- und Jugendtagen hier durchlebt hatte. Die transzendentalen Geschichten werden Jahr für Jahr von den Priestern durch lebendige Erzählungen neu zum Leben erweckt und bezaubern die aufmerksam lauschenden Zuhörer.

Vrindavan ist das Zentrum der Krishna Verehrung. Die Überlieferungen sind mehr als 5000 Jahre alt:

„Lord Krishna war Kind aus einer Königsfamilie. Sein Onkel Kamsa war schon vor der Zeit seiner Geburt ein grausamer Herrscher. Durch eine Prophezeiung erfuhr Kamsa, dass durch seine Schwester ein Nachkomme geboren würde, der ihn töten und seine Herrschaft beenden würde. Kamsa fürchtete sich davor und ließ seine Schwester mit ihrem Gemahl ins Gefängnis sperren. Alle Kinder, die sie gebar, tötet er gleich nach der Geburt. Wunderbare Kräfte verhalfen dem jungfräulich geborenen Lord Krishna jedoch, am Leben zu bleiben. Zunächst unbemerkt von den grausamen Spähern seines Onkels wuchs er in einem kleine Dorf, Vrindavan, in der Familie des Dorfvorstehers auf. Dort verbrachte Krishna eine wunderbare Kindheit. Als Kuh-Hirtenjunge führte er mit seinen Freunden täglich die Kühe auf die Weide und vertiefte sich im freundschaftlichen Austausch, erlebte Abenteuer und traf die Mädchen von Vrindavan beim Wasserholen, Blumenpflücken und Spazierengehen.“

Die Kühe waren Krishna sehr lieb und werden deshalb bis heute in Indien als heilige Tiere verehrt.

Der Hinduismus kennt als älteste Religion auf unserem Planeten nur einen Gott, den Gott der Liebe. Der hat allerdings viele Namen. Hindus feiern auf viele unterschiedliche Arten und pflegen viele Glaubenstraditionen. Sie verehren auch den Schöpfer Brahma, die Göttin Saraswati und Shiva, den Zerstörer der Welten. Harmonie, Toleranz und Gelassenheit prägen die hinduistische Lebensphilosophie.

Diwali-Fest

Während der dunkelsten Nacht im Kartik wird in Vraj, aber auch in ganz Indien, Diwali, ein besonderes Lichterfest gefeiert. Zahlreiche Öllampen, elektrische Lichterketten, Leuchtraketen erhellen dann die Stadt. Wohnhäuser bleiben vielerorts geöffnet und die nächtlichen Spaziergänger können in die Hauseingänge und Wohnräume blicken, die dann stimmungsvoll illuminiert sind.

An den stufigen Ufern der Kundas, der Seen und Flüsse, brennen Reihen von Öllichtern flackernd im Wind. Gesang ertönt von den Menschen, die den göttlichen Vorstehern des Wassers ihre Ehrerbietung erbringen. Diwali bedeutet den Sieg des Lichtes über die Dunkelheit, des Guten über das Böse und des Wissens über die Unwissenheit.

Go-Puja © Amina Mendez
Go-Puja- die Verehrung der Kuh © Amina Mendez

Go-Puja – Verehrung der Kuh

Gleich am nächsten Tag fanden im nahegelegenen Ort Goverdhan, zwei weitere Festlichkeiten statt: Die Go-Puja und die Goverdhan-Puja. „Go“ bedeutet Kuh, und an diesem Tag wird die Kuh als die Mutter der Menscheit verehrt. Es ist ein sehr farbenfrohes Fest, das alle Sinne anspricht. Frauen sind in bunte Saris und Gewänder gekleidet.

Gleich nach den morgendlichen Aratis liefen die Bramacharis, zeitweilige spirituelle Schüler, in den Kuhstall und ließen den schönsten Kühen und Kälbchen eine besondere Reinigung zukommen. Alle Kühe erhielten an diesem Morgen ganz besonders schmackhafte Speisen und wurden noch liebevoller als sonst behandelt.

Bramacharis geleiteten sie zur Zeremonie in oder vor den Tempel, wo eine große Menschenmenge erwartete und sie umringte. Priester übernahmen weiteren heilige Handlungen. Sie rieben die Kühe mit duftenden Essenzen ein, dekorierten sie mit Farben und schmückten sie mit Blumen für das gemeinsame Ritual. Die ganze Gemeinde stimmte schließlich in ihren Mantrengesang ein. Kleine Öllämpchen wurden herumgereicht und Räucherstäbchen wurden um die Kühe herum gekreist.

Die Go-Puja, die Anbetung der Kuh, ist ein uralter Brauch. Kühe verdienen nach Ansicht der Hindus eine besondere Verehrung, denn sie versorgen die Menschen mit kostenbaren Nahrungsmitteln, wie Milch, Butter, Joghurt und Käse. Auch der Kuhdung ist in Indien kostbar, denn er dient als Brennmateriel und wird zum Bau von Hütten verwendet. Kühe werden besonders verehrt, geschützt und gepflegt. Sie leben auf den Straßen gleichberechtigt mit den Menschen und auch der Eintritt in die Tempel wird ihnen gewährt.

Der Berg Goverdhan © Amina Mendez
Der Berg Goverdhan © Amina Mendez

Ehrung des Bergs Goverdhan

Noch prunkvoller als die Go-Puja wird am Nachmittag das nächste Fest in Goverdhan begangen. Goverdhan ist ein großes Dorf, das sich wie ein Band um den Fuß des gleichnamigen Berges schmiegt. Heute ist der Berg Goverdhan nur noch ein erodierter flacher Bergrücken in der Form eines Pfaus. Vor 5000 Jahren aber, als hier Krishna lebte, soll es ein stattlicher Berg mit saftigen grünen Wiesen, üppigen Bäumen und kristallklaren Flüsschen und Teichen gewesen sein.

Der Berg hat eine besondere überlieferte Geschichte:

„Vor rund 5000 Jahren führte Krishna im Alter von sieben Jahren die Verehrung des Berges ein. Damals überzeugte er mit großer Intelligenz Dorfbewohner und seine Eltern davon, dass nicht dem Wettergott Indra sondern dem Berg Goverdhan die höchste Verehrung gilt. Der Berg Goverdhan versorgt die Menschen mit Nahrung und allem was sie zum Leben brauchen. Der Zorn des Wettergottes ließ es danach sieben Tage über Goverdhan regnen und stürmen.
In dieser Zeit hob Krishna den Berg mit seinem linken kleinen Finger empor und beschützt die Bewohner des Ortes vor dem peitschenden Unwetter. Nach sieben Tagen erkannte Indra seinen Hochmut und verbeugte sich demütig vor Lord Krishna.“

Abishek-Zeremonie zu Ehren des Bergs Goverdhan © Amina Mendez
Abishek-Zeremonie zu Ehren des Bergs Goverdhan – Foto: © Amina Mendez

Zur Ehrung des Berg Goverdhan hatten Festteilnehmer kleine Preparationen und Speisen vorbereitet, um sie dem Berg Goverdhan zu opfern. Die Zubereitungen wurden im Tempel von eifrigen Helfern auf Teller verteilt und mit glänzendem Geschenkpapier verpackt. Danach bekam jeder einen Teller in die Hand gedrückt, um ihn zum Berg zu tragen. Die Pilgerung zum Berg startete gegen 12 Uhr, singend und musizierend bewegte sich der Menschenstrom durch die staubige, hupende und geschäftige Stadt. Der Verkehr stand teilweise still, denn Autos, Rikshas, Pferdewagen kamen nicht so einfach vorbei. Viele Pilger trugen die glänzenden Gaben auf dem Kopf, manche schafften es sogar, noch gleichzeitig zu tanzen.

Am Fuße des Berges angekommen, legten die Pilger ihre Teller nieder und warteten auf die Durchführung des Opferrituals. So wie der Halbgott Indra Gott Krishna seine Reue zeigte, so führten die Priester heute die Ehrung des Berges Goverdhan mit einer „Abishek“-Zeremonie durch. Denn Goverdhan wird auch als eine Personifizierung Krishnas selbst betrachtet.

„Lasst Milch und Honig fließen“ – unter diesem Motto steht die Abishek-Zeremonie. Denn dabei werden Milch, Joghurt, flüssige Butter und Honig als flüssige Trankopfer der Göttergestalt dargeboten. In diesem Fall war es ein heiliger Stein des Berges Goverdhan. Während der Zeremonie werden die Flüssigkeiten in einem Gefäß gesammelt und anschließend in der Gemeinde verteilt.

Das Trinken der Opfergaben gilt als besonders glücksverheißend. Nach der Zeremonie brachte die Pilgergruppe die Speisen wieder zurück in den Tempel. Diese waren nun besonders gesegnet und wurden abschließend als Mahlzeit im Tempel gereicht.

Vimala Kund, Vraj Mandala © Amina Mendez
Pilger am Ufer des Vimala Kund in Vraj Mandala – Foto: © Amina Mendez

Das soziale Anliegen der Tempel

Indische Tempel dienen auch sozialen Zwecken. Sie unterstützen je nach finanziellen Kapazitäten Hilfsprojekte, zum Beispiel Krankenhäuser und Altenheime oder Wohnhäuser für elternlose Kinder.

Es gibt auch viele Frauen-Ashrams, Tempel in denen Frauen zusammenleben und ihr Leben dem Dienst Gottes widmen. In Vrindan leben auch viele Witwen in solchen Ashrams. Viele Landbewohnerinnen kommen heute nach dem Tod ihres Mannes in die heilige Stadt, anstelle sich wie noch vor einigen Jahrzehnten aus falsch verstandenen religiösen Vorstellungen selbst zu verbrennen.

Mahlzeiten gibt es traditionell umsonst im Tempel und wird dreimal täglich an alle Besucher ausgeteilt. Die im Tempel ausgeteilten Speisen heißen „Prasadam“ und werden vor der Verteilung zuerst Gott geopfert.

Indische Tempel werden von staatlicher Seite nicht unterstützt, sie erhalten sich durch die Zuwendungen und Spenden der wohlhabenderen Gläubigen. Je nach Geldbeutel gehört es in Indien zum guten Ton, einen entsprechenden Anteil des Verdienstes regelmäßig für den Tempel zu spenden.

Kettenverkäufer in Vrindavan © Amina Mendez
Kettenverkäufer in Vrindavan © Amina Mendez

Mit Ende des Kartik Monats kehrt wieder Ruhe in die kleinen Orte von Vraj-Mandala ein. In Vrindavan reisen die Touristen und Besucher ab, der karge Alltag kehrt wieder ein. Während des Kartik haben Ladenbesitzer, Riksha-Fahrer und Hoteliers gute Gechäfte gemacht, und konnten in dieser Zeit einen kleinen Vorrat für die kommenden Monate ansammeln.

Mit den abreisenden Gästen verändern sich auch Stadtbild und die Machtverteilung auf den Straßen: die Affen übernehmen wieder ihr Regiment und heischen nach Brillen, Futter und Bananen und Handtaschen.

Die farbenfrohen, lauten und erlebnisreichen Eindrücke im Vraj-Mandala werden dann zu kostbaren Erinnerungen, die Pilger, Touristen und Gäste von Vrindavan noch eine ganze Zeit bewegen, und durch das Jahr tragen.

Affen in Vrindavan © Amina Mendez
Affen in Vrindavan © Amina Mendez

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a/m