Mittwoch, 23. August 2017
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Kultur- und Kreativwirtschaftsindex Berlin-Brandenburg 2013

Kunst im Hof der Kunstgießerei Flierl

Im Mai legten die Länder Berlin und Brandenburg gemeinsam mit der IHK Berlin und der IHK Potsdam den neuen Kultur- und Kreativwirtschaftsindex (KKI) vor. Der KKI gibt einen Einblick in die wirtschaftliche Lage der Kultur- und Kreativwirtschaft der Region und reflektiert das aktuelle Stimmungsbild innerhalb ihrer Branchen.

Kunst im Hof der Kunstgießerei Flierl
Kunst im Hof der Kunstgießerei Flierl: „Der nichtzuständige Beamte“ (l.) und „Der große Stürzende (m.) – Bronze, Marco Flierl

Die Kultur- und Kreativwirtschaft wird durch 11 Branchenfelder und Teilmärkte geprägt:

Musikwirtschaft, Buchmarkt, Kunstmarkt, Filmwirtschaft, Rundfunkwirtschaft, Markt für Darstellende Künste, Designwirtschaft, Architekturmarkt, Pressemarkt, Werbemarkt und Software-/Games-Industrie.

Branchen der Kultur- und Kreativwirtschaft
Branchen der Kultur- und Kreativwirtschaft – Grafik: Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung

Das Berliner Forschungsinstitut House of Research hatte dazu Vertreter von insgesamt 949 Unternehmen und Selbständige in den elf Teilmärkten der Kiltur- und Kreativwirtschaft befragt.

Amtliche Statistik plus Geschäftsklimafaktoren

Der nach 2011 nun zum zweiten Mal durchgeführte Kultur- und Kreativwirtschaftsindex Berlin-Brandenburg erweitert die Zahlen der amtlichen Statistik zu Anzahl und Umsatz der Unternehmen um wichtige „weiche“ Merkmale wie Geschäftsklimafaktoren, der Standortzufriedenheit, der Einschätzung der wirtschaftlichen Situation, den Zukunftsperspektiven der Unternehmen.

Zentrales Ergebnis der Erhebung:

„Berlin-Brandenburg bleibt danach attraktiver Anziehungspunkt kultur- und kreativwirtschaftlicher Aktivitäten. Über alle Teilmärkte des Clusters hinweg sehen sich die Befragten in Berlin-Brandenburg gut aufgestellt: 64 Prozent aller befragten Betriebe mit mehr als einem Mitarbeiter geben dem Standort ein gut oder sehr gut auf der sechsstufigen Schulnotenskala.

Besonders schätzen die Befragten die Internationalität des Standortes. Hierunter fallen das internationale Image der Region sowie die touristische Attraktivität von Berlin und Brandenburg.

Den wohl wichtigsten Grund für die positive Bewertung Berlin-Brandenburgs sehen die Befragten allerdings in den vielen Möglichkeiten des Austausches und der Kooperation mit anderen Kreativen oder angrenzenden Branchen. In für Deutschland einzigartiger Weise bilden dabei die Unternehmen, kreative Selbstständige, Forschungseinrichtungen und Verwaltungen in Berlin und Brandenburg ein stark verwobenes, länderübergreifendes Cluster.

Die hohe Attraktivität der Region ist Magnet nicht nur für Beschäftigte in der Kultur- und Kreativwirtschaft, sondern vieler Branchen.

Kehrseiten der Attraktivität

Die Kehrseite der Attraktivität sind gestiegene Mieten in den Innenstadtlagen Berlins. Gegenüber der letzten KKI-Untersuchung 2011, bei der günstige Mieten noch als Standortvorteil gelobt wurden, wird jetzt eine angespanntere Situation am Wohnungsmarkt wahrgenommen und zunehmend als Problem gesehen. In gleicher Weise wird auch ein zu geringes Angebot an günstigen Gewerbeimmobilien, Ateliers, Ausstellungsflächen etc. bemängelt.

Die gegenwärtige wirtschaftliche Situation wird von 39 Prozent der Betriebe gut oder sehr gut bewertet, etwa halb so groß der Anteil derjenigen, die sie schlecht oder sehr schlecht einschätzen (21 %).

Deutlich anders ist jedoch die Situation bei den Einzelunternehmen bzw. Selbständigen: hier halten 57 Prozent ihre Lage für schlecht/sehr schlecht und nur 17 Prozent für gut/sehr gut.

Starke Unterschiede in den Teilmärkten

Deutliche Unterschiede in der Einschätzung gibt in den verschiedenen Teilmärkten: Während in den Branchen Games/Software/Multimedia, Architektur, Rundfunk und Werbung/PR/Marktforschung die positiven Einschätzungen die negativen teils deutlich überwiegen, ist die Situation in anderen Branchen umgekehrt, insbesondere in der Bildenden Kunst, dem Presse- und Buchmarkt oder der Darstellenden Kunst.

Sucht man nach strukturellen Ursachen dieser Disparitäten, so fällt auf, dass vor allem „unvernetzt“ arbeitende Kreative und Künstler in der Gefahr sind, in prekären Nischen zu verharren.

Architekten sitzen praktisch an der Spitze von Wertschöpfungspyramiden, und organisieren das Baustellen-Netzwerk. Sie profitieren von der Wertschöpfung ihrer Tätigkeit.

In der Games- und Software-/Multimedia-Branche bestimmen inzwischen Unternehmen mit vielen vernetzt arbeitenden Mitarbeitern das Bild und entsprechend hohe Entwicklungsbudgets.

In der bildenden Kunst gibt es eine hohe Konkurrenz und eine Bilderflut, der nur wenige Künstler und Galerien entkommen können. In der Kunst prägt nach wie vor das künstlerische Individuum das Bild. Doch gibt es auch hier Licht und Schatten. Manche Künstler verkaufen binnen 6 Stunden eine komplette Ausstellung, noch während der Vernissage, während andere sich für weniger als einhundert Euro pro Bild auf Kunstmärkten durchschlagen.
Unter den über 500 Galerien gibt esaktuelle Erfolgsstories, in denen der Galerist schon im ersten Jahr nach Eröffnung nach New York und Miami eingeladen wird. Aber leider auch viele Aufgaben, die mit Verlagerung des Wohnsitz ins Berliner Umland enden.

Zukunftsaussichten positiv

Die Studie sieht in Berlin und in Brandenburg insgesamt deutlich positive Zukunftsaussichten, wobei diese Tendenz unabhängig von der Betriebsgröße ist. Negative Salden sieht man jedoch noch im Presse- und Rundfunkmarkt.

Im Hinblick auf die künftige Geschäftsentwicklung sind die Befragten eher zuversichtlich. Die Gesamtperspektive: immer noch steigende Absatzmöglichkeiten und immer noch gute Produktionsbedingungen gemessen an den – im Metropolenvergleich – noch immer relativ geringen Lebens- und Arbeitskosten.

Besonders im Games- und Softwaremarkt wird in den nächsten Monaten mit steigenden Beschäftigungszahlen gerechnet. Damit rechnen zumindest Angestellte und Unternehmer in Betrieben mit mehr als einem Mitarbeiter.

Digitalisierte Wertschöpfung stockt

Viele der untersuchten Branchen leiden nach wie vor an den Folgen der Digitalisierung. Grundlegend ist z. B. die Schwierigkeit, durch digitale Güter angemessene Vergütungen zu erzielen.

In der Studie wird dazu geraten, den globalen Herausforderungen durch „weitere Anstrengungen“ und „Markenbildung“ gerecht zu werden:

„Diese globalen Herausforderungen erfordern auch in Berlin-Brandenburg künftig weitere Anstrengungen, um das kreative Potenzial der Region noch besser zu nutzen. Geeignete Maßnahmen hierfür sind z. B. die stärkere Nutzung des positiven Images der Region als „Herkunftsmarke“, um überregionale und internationale Absatzmärkte für die hiesige Kultur- und Kreativwirtschaft besser zu erschließen.“

Hier bleibt House of Research leider verschwommen, und spürt nicht möglichen tiefer liegenden Ursachen nach, die zum Beispiel in der Startup- und Gründerkultur in der Kreativ- und Kulturwirtschaft liegen.

So wird möglicherweise übersehen, welche Rolle heute der Kredit- und Kapitalzugang hat, der praktisch in allen Branchen der Kreativ- und Kulturwirtschaft über Innovationshöhe, Projektgröße und Durchhaltevermögen und Markterfolg entscheidet.

Der nichtzuständige Beamte, Bronze
„Der nichtzuständige Beamte, Bronze – Marco Flierl – im Hintergrund: die Schöne und der große Stürzende – eine Allegorie auf die Kreativ- und Kulturwirtschaft?

Kreatives Potential & Cross Innovations

Die volkswirtschaftliche Perspektive des KKI 2013 verdeckt noch einen weiteren wichtigen Aspekt, der künftig genauer betrachtet werden muß. Die Autoren folgern:

„Kreativität ist der Grundbaustein für Innovationen. Es gilt auch, im Sinne sog. „Cross-Innovations“ das kreative Potenzial dort zu fördern, wo es sich produktiv entfalten kann, und z. B. durch außerordentliche Design-Ideen zu helfen, neue Märkte für klassische Produkte zu öffnen. Der jetzt beginnende „quartäre Sektor“ der hochkomplexen Dienste, dem „Internet der Dinge“ oder der Digitalisierung der Produktion („Industrie 4.0“) bieten hierfür Chancen“.

Hier driften die Autoren in die Technologiepolitik ab, und blenden dabei aus: Cross-Innovations und der Sektor der hochkomplexen Dienste (Internet der Dinge) benötigen ganz andere Strukturen, als die weitgehend von einzelnen Köpfen, Entrepreneuren und Startups geprägte Kreativ- und Kulturwirtschaft.

Kreativität und kulturelle Performativität

Der „Kultur- und Kreativwirtschaftsindex Berlin Brandenburg 2013“ ist noch immer von den Geburtswehen und Mißverständnissen geprägt, mit denen versucht wird, aus volkswirtschaftlicher Sicht eine Beurteilungsbasis zu schaffen.

Leider verstehen Volkswirtschaftler bis heute nicht, die ökonomischen Effekte von Kreativität und kultureller Performativität zu deuten. Und so bleibt der „Kultur- und Kreativwirtschaftsindex Berlin Brandenburg 2013“ ausgerechnet im Feld der Kultur seltsam blind. Wichtige Fragen der „kreativen und performativen Ökonomie“ sind für Ökonomen bis heute noch nicht beantwortbar:

Wieso schafft es etwa eine kanadische Truppe von Obdachlosen und Straßenkünstlern, ein Weltunternehmen wie den „Cirque de Soleil“ zu gründen? Wieso verharren Freie Theatergruppen in prekären Bedingungen, während sich andere in selbststragende Strukturen entwickeln?

Wieso wird eine Galerie nach Miami zur SCOPE eingeladen – wieso verharrt die andere zwischen den Kreisen einer virtuellen Facebook-Community – und bleibt prekär im Kiez?

Die eigentliche Herausforderung besteht daher für die Ökonomen: sie müssen selbst erst noch lernen, die Ökonomie einer „Creative City“ genau zu verstehen. m/s

Weitere Informationen:

Kultur- und Kreativwirtschaftsindex Berlin-Brandenburg 2013

www.house-of-research.de

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m/s