Donnerstag, 29. September 2016
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Kultureller Kipp-Punkt am Senefelder Platz

Eckhaus Kollwitzstraße 2

/// Kommentar /// – Die Gentrifizierung und Mieterverdrängung in Prenzlauer Berg geht weiter. Am Senefelder Platz ist eines der wichtigsten stadtbildprägenden Eckhäuser betroffen, das Eckhaus Kollwitzstraße 2 / Saarbrücker Straße. Zwei Gaststätten, die in vielen Stadtführern zu finden sind, befinden sich in dem Haus: das „Courage“ und das „Chagall“. Auch der wilde Wein an der Fassade hat dieser Ecke in einen einprägsamen Ort verwandelt. Nun droht eine Katastrophe für Prenzlauer Berg.

Eckhaus Kollwitzstraße 2
Eckhaus Kollwitzstraße 2: stadtbildprägend und „szeneprägender“ Bestandteil der Kulturszene

Die beiden Gaststätten prägen nicht nur eine Straßenszene, sondern sind wichtige Bestandteile der urbanen Kulturszene. Genauer: sie konstituieren eine Kulturszene, die sich hier am Senefelder Platz tagsüber, nachmittags, abends und in der Nacht in unterschiedlicher Weise entfaltet. Für den gegenüberliegenden Pfefferberg sind das „Courage“ und das „Chagall“ zwei „komplementäre Treffpunkte“, die draußen in der Abendsonne zum Verweilen einladen, bis im Pfefferberg-Theater das Programm beginnt. Für Touristen sind es die wenigen noch verbleibenden Orte in Prenzlauer Berg, an denen noch ein Rest der einstigen Szene erlebbar wird.
Es sind auch seltene Spiel-Orte für reisende Musiker, die in Berlin immer mehr an den Rand gedrängt werden, oder den fixen Gema-Gebühren weichen.

Und für Bassy Club, 8mm Bar und andere Orte des nächtlichen Lebens sind die beiden Gaststätten auch „After-Show“-Treff, „Atempause“ und stille Refugien für menschliche Zweierbeziehungen, die eine Tanz- und Gesprächspause suchen.

Wie wichtig „Courage“ und das „Chagall“ für die Kulturszene sind, muß man noch begreifen lernen.

Ein Immobilienhändler will das Eckhaus modernisieren und neu vermarkten, konkrete Pläne über die Nutzung des so wichtigen Erdgeschoß hat er noch nicht. Urbanität scheint ihn nicht zu interessieren – nur maximaler Profit.

Der Bezirk Pankow steht nun vor einer schwierigen Entscheidung, denn noch kann ein Vorkaufsrecht wahrgenommen werden. Der Erwerb und die Übertragung an einen Dritten wäre wohl der beste Weg, nicht nur soziales Erhaltensrecht, sondern auch „kulturelles Entfaltungsrecht“ mit in Einklang zu bringen.

Das Eckhaus Kollwitzstraße 2 gehört zu den „kulturellen Kipp-Punkten“, die darüber entscheiden, ob Prenzlauer Berg noch so etwas wie ein Kulturbezirk bleibt, bei dem sich eine Szene auch öffentlich im Straßenland zeigt. Ein Klimawandel ist längst im Gange, eine bedrückende Entwicklung, in der Öffentlichkeit und Urbanität immer mehr schrumpfen.

Beide Gaststätten sorgen für eine funktionierende „Kulturökologie“ und Urbanität. Entsteht hier eine Lücke, werden es auch die anderen Kulturorte und Clubs zu spüren bekommen.

Die Kulturszene Berlins ist ohnehin in Gefahr, Leichtigkeit und Unbeschwingtheit gehen immer mehr verloren. Soziale Netzwerke und Apps sorgen dafür, dass Spontanität und spontane Kommunikation verloren gehen. Und die Angst vor Diebstahl und Schlimmeren sorgt dafür, dass sich immer mehr Frauen nur noch in geschlossene Gesellschaften, eingeladene Events und Clubs begeben.
Das Klima weltoffene Klima der Kulturstadt Berlin ist längst beschädigt.

Öffentliche Orte und Straßencafés konstituieren Urbanität und den Übergang von der Öffentlichkeit in das private Gespräch. Ohne diese Orte geht eine Stadt kaputt. Ohne „Courage“ und das „Chagall“ geht auch Prenzlauer Berg kaputt.

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