Mittwoch, 18. Oktober 2017
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Berliner Bären

Kunststreit um den
Berliner Bären

Berliner Bär in München

Zwischen dem Bezirk Pankow und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt gibt es Streit um ein wichtiges Symbol: den Berliner Bären, der auf den Mittelstreifen der Bundesautobahnen an der Berliner Landesgrenze die fahrenden Besucher begrüßt. Die Bronze wurde von der Berliner Bildhauerin Renée Sintenis (*1888- †1965) geschaffen.

Berliner Bär in München
Berliner Bär in München – Bronze-Skulptur von Renée Sintenis – Foto: CC BY-SA 3.0 von Hcii

Berliner und gesamtdeutsches Symbol

Im Jahr 1957 wurde Sintenis‘ Statue des Berliner Bären als lebensgroße Bronzeplastik zuerst auf dem Mittelstreifen der heutigen Bundesautobahn 115 zwischen Dreilinden und dem Autobahnkreuz Zehlendorf aufgestellt. Ein weiteres Exemplar weihte der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, am 23. September 1960 auf der Berliner Allee in Düsseldorf ein.

Die Darstellung des Berliner Wappentieres steht seit 1962 auch im Mittelstreifen der Bundesautobahn 9 auf Münchener Stadtgebiet, nördlich der Autobahneinfahrt München-Freimann, auf Höhe der heutigen Anschlussstelle München-Fröttmaning-Süd, in Sichtweite der Allianz-Arena. Auf dem Steinsockel steht die Inschrift MÜNCHEN BERLIN.

Die Skulptur wurde hier nach der Errichtung der Berliner Mauer aufgestellt, und wurde so auch zu einem wichtigen gesamtdeutschen Einheits-Symbol, das eng mit der kulturellen Identität Berlins verknüpft ist.

Der Berliner Bär ist auch ein Symbol der Filmstadt Berlin: 1953 bis 1959 gab es eine Vorläuferversion des Berliner Bären in Bronze. Seit 1956 wird die Skulptur auch als vergoldete oder versilberte Miniatur an die Berlinale-Preisträger verliehen, heute einer der weltweit begehrtesten Filmpreise. Die Skulptur des Berlinale Bären wird übrigens von der Bildgießerei Hermann Noack gefertigt, die früher in Berlin-Friedenau beheimatet war, und heute mit dem neuen »Skulpturenzentrum am Spreebord« in Charlottenburg-Nord auch größte Dimensionen dvon Skulpturen und Architekturelementen herstellen kann.

Renée Sintenis Leben und Wirken

Renée Sintenis stammte aus einer hugenottischen Familie. Von 1907 bis 1910 studierte sie Dekorative Plastik an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin bei Wilhelm Haverkamp. Das Studium musste sie abbrechen, um als Sekretärin beim Vater mitzuarbeiten. Sie entzog sich durch den Wegzug aus dem Elternhaus und zog mit einer Freundin in Berlin zusammen. und Mit ersten kleinformatigen plastischen Arbeiten gelang ihr ab 1913 künstlerischer Erfolg und war seitdem auch in Ausstellungen der Berliner Secession vertreten.

Renée Sintenis wurde schnell bekannt. Zu ihrem Freundeskreis zählten die Schriftsteller Rainer Maria Rilke und Joachim Ringelnatz.
1917 heiratete sie den Schriftkünstler, Buchgestalter und Maler Emil Rudolf Weiß. In den 1920er Jahren hatte sie ihre größten Erfolge. Ihre Bekanntheit verdankte sie vor allem kleinformatigen Bronzen, die junge Tiere darstellten; außerdem entstanden Darstellungen von Sportlern (Boxer, Fußballer, Läufer) und einige Porträtbüsten. Ihr Kunsthändler Alfred Flechtheim präsentierte ihre Arbeiten unter anderem in Paris und New York. 1931 wurde sie als erste Bildhauerin Mitglied in der Berliner Akademie der Künste.

Von den Nationalsozialisten wurde sie 1934 wegen der Herkunft ihrer Mutter aus rassischen Gründen aus der Akademie der Künste ausgeschlossen. Als sogenannte „Vierteljüdin“ konnte sie Mitglied der Reichskulturkammer bleiben und weiterarbeiten. Der Tod ihres Mannes 1942 stürzte sie in eine tiefe Krise. Bei der Zerstörung ihrer Wohnung 1945 verlor sie ihre ganze Habe und große Teile ihres Werkes.

Ab 1947 arbeitete sie als Professorin an der Berliner Hochschule für Bildende Künste, 1955 wurde sie in die neu gegründete Akademie der Künste Berlin (West) aufgenommen.

Im Georg-Kolbe-Museum in Charlottenburg gab es Ende 2013 eine große Werkschau von Renée Sintenis, der Katalog ist dort erhältlich.

Die Pankower Bärenstory

Die Geschichte um eine Aufstellung eines Bären begann im Frühjahr 2011. Die Pankower BVV-Fraktion der CDU mit ihrem Fraktionsvorsitzenden Johannes Kraft und dem damaligen Bezirksverordneten Dr. Philipp Lengsfeld reichte am 22.03.2011 eine Vorlage mit dem Betreff: „Berliner Bär auch an der Pankower Einfahrt nach Berlin“ ein:

„Die BVV möge beschließen:

Die BVV spricht sich dafür aus, dass im Zuge des Umbaus des Autobahndreiecks Pankow auf der Bundesautobahn A114 unmittelbar an der Landesgrenze zu Brandenburg in Richtung Innenstadt zwischen den Richtungsfahrbahnen eine Plastik „Berliner Bär“, wie es sie an den Einfahrten nach Berlin an der BAB A115, der BAB A111 und der BAB A113 bereits gibt‚ errichtet wird.
Die BVV ersucht das Bezirksamt, sich bei den zuständigen Stellen für die Errichtung einer solchen Plastik einzusetzen.“

In der Begründung führte Kraft an: „Es wäre sehr wünschenswert, wenn auch der nicht minder wichtige Pankower Zubringer nach Berlin (Ein-fahrt für BAB A11, BAB A24, BAB A12, u.a.) als erste Visitenkarte des Bezirks Pankow und des Landes Berlin durch eine solche Plastik einen schönen und markanten Grenzstein erhalten würde.“

Der Berliner Bär von Renée Sintenis ist ein starkes Kunstwerk, „ein Vierbeiner, der sich auf die Hinterläufe stellt, ist weniger eine Naturstudie als ein Symbol – ein Symbol für Berlin natürlich, aber auch ein Symbol für außerordentliche persönliche und historische Anstrengungen,“ schrieb Kunsthistorikerin Lisa Zeitz 2012.

Die Drucksache – VI-1305 erfuhr danach eine aufwändige Behandlung, die schon in der ersten Sitzung des Ausschuß für Kultur und Weiterbildung am 25.5.2011 eine wichtige „kunstpolitische Umdeutung“ erfuhr. Unter der damaligen Ausschußvorsitzenden Dr. Clara West (SPD) wurde die „Bärenstory“ in Gang gesetzt. Mit 9 Ja-Stimmmen, bei 4 NEIN und O Enthaltungen wurde „Kunstpolitik“ im Nebensatz betrieben:

„Die BVV möge beschließen:

Das Bezirksamt wird ersucht, sich dafür einzusetzen, dass an der Bundesautobahn A 114, unmittelbar an der Landesgrenze zu Brandenburg eine Plastik „Berliner Bär“ errichtet wird, analog zu den Plastiken an den Einfahrten der BAB 115, A 111 und A 113. Hierbei sollte möglichst eine neue Pankower Variante entstehen, die möglichst im Rahmen eines Verfahrens entwickelt wird, bei der die Kunsthochschule Weißensee eine aktive Rolle einnimmt.“

Mit der Formulierung wurde offenbar eine Durchführung eines Kunstwettbewerbs intendiert, doch wie man in den nachfolgenden Jahren sah: es fehlte das Geld und eine Drittmittelfinanzierung für die „Pankower Variante des Berliner Bären“ wurde ins Auge gefaßt.

Berliner Bär - das Original
Berliner Bär von Renée Sintenis im Mittelstreifen der BAB A115,
kurz vor dem Kreuz Zehlendorf
Bildquelle: Ansichtskarte o.N., ca 1980, Sammlung H. Schneider

Pankower Bärenvariante

Im Sommer 2014 wurde die BVV im 3. Zwischenbericht informiert, dass zwischen zeitlich ein Kunstwettbewerb durchgeführt wird, der mit Hilfe der Förderung der landeseigenen Wohnungsgesellschaft GESOBAU AG durchgeführt wird und nach dem Herbstsemester 2014/15 abgeschlossen sein wird. Gleichzeitig berichtete man, dass die Senatverwaltung „… eine Pankower Variante des Bären wird ausdrücklich abgelehnt.“

Im Herbst 2014 wurde das Vorhaben wieder aktuell. Das Bezirksamt vermeldete in seinem 4. Zwischenbericht, dass es sich zwischenzeitlich hinsichtlich der Finanzierung auch an den Deutschen Bundestag gewandt hatte.

Die stille Ironie der Geschichte: der Berliner Abgeordnete Dr. Philipp Lengsfeld (MdB-CDU) war auch Einreicher des Ursprungsantrags in der BVV-Pankow im Jahr 2011.

Lengsfeld hatte mit Schreiben vom 07. Juli 2014 eine Stellungnahme des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur, Alexander Dobrindt (CSU) übermittelt, dem offensichtlich nicht kar war, welches symbolpolitisch heiße Eisen hier behandelt wird. Im besten Verwaltungsdeutsch wurden mitgeteilt:

„… dass eine Bärenskulptur im Zuge der BAB 114 auf Höhe der Berliner Stadtgrenze zusammen mit den anderen Bären-Gedenksteinen im Zuge der BAB 115, BAB 111 und BAB 113 an die Überwindung des geteilten Deutschlands und die Rolle Berlins erinnern würde. Der Bund steht dem Anliegen vor diesem historischen Hintergrund grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber, sofern keine Gründe der Verkehrssicherheit entgegenstehen. Von Seiten des Bundesministeriums wird zwar allerdings ebenfalls aus wirtschaftlichen Aspekten eine Kopie der Sintenis-Skulptur bevorzugt. Ein andernfalls notwendiger Kunstwettbewerb müsse daher anderweitig finanziert werden.“

In seinem 5. Zwischenbericht „Berliner Bär auch an der Pankower Einfahrt nach Berlin“ wurde erstmals die grundsätzlich unterschiedliche Sicht zwischen dem Bezirk Pankow und dem Berliner Senat deutlich:.

„Der Ideenwettbewerb an der Kunsthochschule Weißensee zur Erarbeitung einer eigenen Pankower Variante des „Berliner Bären“ läuft.
Für den Kunstwettbewerb wurde auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (SenStadtUm) zu den Fragen der Verkehrssicherheit eines Kunstwerks an der Bundesautobahn A 114 um Mitarbeit gebeten.

Auf die entsprechende Anfrage hin wurde durch SenStadtUm erneut mit Nachricht vom 9. Oktober mitgeteilt, dass eine Pankower Variante des „Berliner Bären“ generell abgelehnt wird.“

Offensichtlich hat man sich noch im April unzureichend verständigt, und mußte sich nochmals an den Verkehrsstaatssekretär wenden, un herauszufinden, „ob wirklich nur die Skulptur von Renée Sintenis an der Bundesautobahn zugelassen wird und ggf. mit welcher Begründung.“ –

Nun wurde aber offenbar: im Pankower Bezirksamt hatte bis dato noch niemand die „kulturpolitische Brisanz“ der Bärenstory begriffen. Auf der anderen Seite aber gab es offensichtlich auch niemanden, der bereit war, „Nachhilfeunterricht“ zu geben. Und so drängt nun die Bärenstory in die Medien.

Die BZ – Berlin zitiert Petra Roland, Sprecherin der Senatsverwaltung, sie will sich das nicht bieten lassen: „Die Bären, die Berlin-Besucher auf den Autobahnen begrüßen, sollten gleich aussehen. Schließlich sind sie Symbol für unsere Hauptstadt.“

CDU-Kultur-Stadtrat Dr. Torsten Kühne entgegnet. „Kühne trotzig: „Dann stellen wir unseren Bären eben auf Bezirksland auf.“:

Fehlende kulturpolitsche Umsicht in Pankow

Die „Bärenstory“ wirft ein peinliches Bild auf die Pankower Kulturpolitik, weil hier ohne ausreichende Umsicht eine „Pankower Variante des Berliner Bären“ in einer Kulturausschuß-Sitzung kreiert wurde.

Ein Kulturausschuß übrigens, der sich fachlich seit Jahren von der Fachbereichs-Leiterin des Kunstamtes und ihren intransparent ausgewählten Beiräten und Kommissionen „an der Nase herumführen“ lässt.

Insbesondere Dr. Torsten Kühne steht nun als Kulturpolitiker an einer ganz falschen Front. Einmal weil er in die Disziplin des Bezirksamtes eingebunden ist, und sich gegen die Intention seiner CDU-Fraktion stellen muß.

Zum Anderen, weil er als Förderer der Idee einer Wiederbelebung der Filmstadt Weißensee noch große Ideen hat, und dringend auf die große kulturpolitische Zusammenarbeit in der Filmbranche angewiesen ist.

Zudem müssen sich die Kulturpolitiker im Bezirk fragen, ob das Kulturamt hier ganz ohne Expertise und Umsicht – oder still verschmitzt mit viel Hintersinn beraten hat.

Hoffentlich hat niemand in Pankow bisher die Schnapsidee gehegt, man könne den Internationalen Filmfestspielen „Berlinale“ mit einer „Pankower Variante des Berliner Bären“ eine Filmstadt Weißensee neu schmackhaft machen.

Die Pankower SPD hat nun ein Problem, weil sie sich darüber verständigen muß, ob Pankow auf Dauer eine Kulturpolitik „neben Berlin“ machen kann. Und der neue Regierende Bürgermeister Müller ist wohl erstmals auch als Kultursenator gefordert.

Weitere Informationen:

Berliner Bär – München – wikipedia

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m/s

One thought on “Kunststreit um den
Berliner Bären

  1. Was soll dieser Unsinn? Hat Pankow mittlerweile soviel Geld übrig????
    Der Bezirk benötigt dringend Geldmittel für notwendigere Rep.Arbeiten
    und sollte es auch dafür einsetzen.
    Der Bär zur Begrüßung an der Autobahn von R. Sintenis ist ein Wahrzeichen wie das Brandenburger Tor und ist sei jahrzehnten ein Symbol!!!!und muß unbedingt bestehen bleiben.

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