Sonntag, 17. Dezember 2017
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Letze Warnung vor der neoliberalen Schule!

Lehrerdämmerung - auch in Berlin

Vor 52 Jahren, am 31. Januar 1964, veröffentlichte der Lehrer Georg Picht in der evangelischen Wochenzeitung Christ und Welt den ersten von mehreren Artikeln zum Zustand des deutschen Bildungswesens. Er warnte darin vor einer „Bildungskatastrophe“, die nur mit einem „Notstandsprogramm“ verhindert werden könnte. Picht löste eine Debatte aus, die sich bis heute fortsetzt, in immer neuen Facetten und Reformansätzen nachklingt. Am 10. Februar 2016 erschien ein Buch, das eine neue Debatte auslösen wird, und das als letzte Warnung von der neoliberalen Schule verstanden werden kann.

Lehrerdämmerung - auch in Berlin
Fehlende Schulen – fehlende Lehrer – fehlende Standards – Modulbauten und „neue Lernkultur“ – wohin driftet die Schule?

Das bildungspolitische Menetekel vollzieht sich längst in der Realität Berlins, der Hauptstadt einer Hig-Tech-Nation, einer Haupstadt der Start-Ups und der Wagnisfinanzierung – in einer der größten Kulturstädte Europas. Beruf und Sachkompetenz zählen nicht mehr – selbst in wichtigsten Ämtern der Stadt. Fehlende Prognosefähigkeiten, fehlende Schulen, fehlende Lehrer, und fehlende Antworten einer Pankower Sozialstadträtin auf Pressefragen – die schulpolitischen Artisten tanzen längst ratlos in der Zirkuskuppel der Politik.

Lehrerdämmerung

Der namhafte Philosoph Christoph Türcke, und (bis 2014) Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, hat ein wichtiges Buch veröffentlicht, in dem er vor der katastrophalen Fehlentwicklung der Pädagogik warnt.

„Lehrer? Deren Zeit läuft ab. Gelernt wird heute eigenständig, beweglich, kreativ, weder Lehrern zuliebe noch nach Schablonen. So etwa klingt der Sirenengesang der „neuen Lernkultur“. Wie sehr dieser Weg in die Irre führt, zeigt die Streitschrift des Philosophen Christoph Türcke. Mit der Rolle der Lehrer stehen zugleich entscheidende politische und pädagogische Grundeinstellungen zur Debatte. Wenn die Lehrer für den Erhalt und das Ethos ihres Berufs wirklich kämpfen, können sie eine Orientierungsdebatte auslösen, die an die Grundfesten der neoliberalen Welt rührt. Es geht um weit mehr als einen Schulstreit. Alles, was in Sach- und Fachkompetenzen nicht aufgeht, soll in der schönen neuen Lernwelt keinen Ort mehr haben.“

Im Klappentext zum Buch ermuntert er die Lehrer, sich zu widersetzen:

„Wenn die Lehrer für den Erhalt und das Ethos ihres Berufs wirklich kämpfen, können sie eine Orientierungsdebatte auslösen, die an die Grundfesten der neoliberalen Welt rührt. Es geht um weit mehr als einen Schulstreit. Alles, was in Sach- und Fachkompetenzen nicht aufgeht, soll in der schönen neuen Lernwelt keinen Ort mehr haben. Menschen aber nur auf ihre Kompetenzen hin anzusehen, das heißt, sie wie Maschinen anzusehen. Lehrer zu Kompetenzbeschaffungsgehilfen zu reduzieren heißt, sie zu entwürdigen. Das müssen sie sich nicht bieten lassen. Sie sind zu ihrer Selbstdegradierung und -abschaffung nicht verpflichtet, wohl aber zur Rückbesinnung darauf, was Lehren eigentlich ist.“

Warnung vor der Degradation des Abiturs

Türcke wendet sich heute auch in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung an die Öffentlichkeit, und warnt vor der modernen Entwicklung, die mit der Verbreitung des Smartphones einhergeht:

„In frühkapitalistischer Zeit hatten die Beschäftigten Lebensmittel und Heizmaterial gefälligst selbst in die Fabrik mitzunehmen. Sie mussten auch selbst fürs Alter vorsorgen und Ärzte bezahlen. Erst lange gewerkschaftliche Kämpfe nahmen die Betriebe nach und nach in die Pflicht: für angemessene Ausstattung des Arbeitsplatzes, für Beteiligung an Alters- und Krankenversorgung, für Lohnfortzahlung bei Urlaub, Krankheit und bei Fortbildungen. All diese Verantwortlichkeiten stehen wieder zur Disposition, seit es jene kleinen Universalmaschinen gibt, die heute nahezu jeder in der Akten- oder Hosentasche mit sich führen kann.“

Schule
Das Abitur erledigt sich von selbst
Christoph Türcke | 16.2.2016 | Süddeutsche.de

Die Gefahr hat längst Arbeitswelt und Lebenswelt ergriffen, wie lange ist die Institution Schule unter den Bedingungen staatlicher Mangelverwaltung, Nicht- und Fehlplanungen noch dagegen gefeit?

„Sie lassen sich in einem Firmengebäude genauso bedienen wie in der Privatwohnung. Wohn- und Arbeitsraum, Privat- und Berufssphäre, Freizeit und Arbeitszeit gehen wieder ineinander über. Warum soll man für Arbeiten, die feste kollektive Arbeitsräume gar nicht mehr erfordern, feste Lohnverpflichtungen eingehen? Warum nicht jeden Computerbesitzer als Selbständigen erachten, den man als Lieferanten von Arbeitsleistungen bezahlt, statt ihn dauerhaft einzustellen? Der hübsch selbst für seine Infrastruktur und Versicherungen aufkommt, dafür aber auch seine Arbeits- und Freizeit völlig frei und selbständig organisieren darf – wenn er seine Leistungen nur vertragsgemäß erbringt?“

Literaturhinweis:

Christoph Türcke: Lehrerdämmerung

Christoph Türcke:
Lehrerdämmerung
Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet
C.H.Beck Paperback; 6240
2016. 159 S.: Klappenbroschur
ISBN 978-3-406-68882-9
14,95 €

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