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Mathias Greffrath: Die Arbeit im Anthropozän

Matthias Greffrath (2014)

Zum Jahresbeginn 2016 sind orientierende, wegweisende und aufmunternde Worte gefragt. Doch welche Worte soll man wählen? Welche Worte haben in unserer medialen Welt und unserem Alltag Bedeutung und Gewicht? Oder findet man diese Worte, als Beiträge und wegweisende Zeitdokumente in den Medien selbst? Wie können nach einem derart turbulenten Jahr 2015 überhaupt jetzt schon am dritten Tag des Jahres überhaupt bedeutende Worte gesprochen und geschrieben werden, die Orientierung vermitteln können?

Wie soll Orientierung in einer komplexen und dynamischen Welt gefunden werden, was ist die Basis und der Standpunkt, und was sind die „Betrachtungsebenen“, mit denen überhaupt noch Orientierung erzeugt werden kann? Eurokrise, Finanzkrise, Struktur- und Wirtschaftskrisen, das Griechenland-Drama, die weltweite Flüchtlingsbewegung und Weltklima-Konferenz sind noch nicht verarbeitet und verstanden.

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Ein Essay von Mathias Greffrath, heute morgen im Deutschlandfunk, räumte auf. Greffrath schaute aus historischer Perspektive auf die Gattung Mensch und durchstreifte die Weltgeschichte der Arbeit, die in der Gesamtschau ins Zeitalter des Anthropozän führt. Der Beitrag ist auch in der Mediathek des Deutschlandfunk zu finden.

Die Arbeit im Anthropozän
Eine knappe Weltgeschichte der Arbeit in praktischer Absicht

Mathias Greffrath | 3.1.2016 | Deutschlandfunk

Über den Autor

Der Schriftsteller und Journalist Mathias Greffrath (* 1945) studierte Soziologie, Geschichte und Psychologie an der FU Berlin. Er war danach Lehrbeauftragter der FU Berlin, arbeitete als freier Journalist für die ARD und im Feuilleton der Wochenzeitung Die Zeit. Von 1991 bis 1994 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Wochenpost in Berlin. Als freier Journalist schreibt er seit 1995 für Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung, die deutsche Ausgabe von le monde diplomatique, die tageszeitung, die Zeitschriften GEO und Theater heute, vor allem über die „Zukunft der Arbeit“ und die Auswirkungen der Globalisierung auf Kultur und Gesellschaft. Für die Kolumne Das Schlagloch in der taz schrieb er früher regelmäßig Essays. Des Weiteren ist er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac und im PEN-Zentrum Deutschland. 2014 erhielt er den Otto Brenner Preis „Spezial“ für sein journalistisches Lebenswerk.

Orientierung und Aufruf zur Instandbesetzung

Homo sapiens ist der Primat, der Werkzeuge herstellen kann, vom Faustkeil und Pflug über Windmühle und Dampfmaschine bis zu den Computersystemen, die die geistige Arbeit automatisiert und die Fantasieproduktion standardisiert haben. Und wie es scheint, ist der neuerliche Automatisierungsschub erst am Anfang.

Der Autor führt in die neue Perspektive ein, in das Zeitalter des Anthropzän, und klärt über die Zusammenhänge der heutigen Krisenlage der Menschheit auf, in der wir möglicherweise „… in eine Epoche des Abschieds vom Menschenbild nicht nur der Neuzeit, sondern auch des homo sapiens eintreten.“

„Die Werkzeuge, die er geschaffen hat, wären zum gigantischen Apparat einer zweiten Natur geworden, und sein Schöpfer zum

„Knotenpunkt konventioneller Reaktionen und Funktionsweisen zusammenschrumpfen, die sachlich von ihm erwartet werden.“

Doch Greffrath verfolgt eine Absicht, er will nicht nur orientieren, sondern aufwecken und zur Instandbesetzung anregen:

„Angesichts der Skepsis auch der informiertesten Bürger, ob ihre Repräsentanten die Gestaltungsmacht über die Form der zukünftigen Technik und Lebenswelt gegen die global agierenden privatwirtschaftlichen Konzerne, Kartelle und Finanzoligarchien zurückgewinnen können; angesichts des anschwellenden, dumpfen Zweifels, ob sie das überhaupt noch wollen; angesichts der grassierenden Furcht vor einem technischen Totalitarismus und angesichts der hartnäckigen Furcht vor Konsumbeschränkung in den reichen Ländern ist die wichtigste Arbeit im Anthropozän die Instandbesetzung der erodierenden demokratischen Institutionen auf allen Ebenen. Und die wichtigste, aber derzeit knappste Ressource dafür, die Neugier, der Optimismus, die Wut und die Energie des zoon politicon. Und die optimistischste Hoffnung ist diejenige, dass es sich dabei um eine demokratische, dezentrale, erneuerbare und rechtzeitig nachwachsende Energie handelt.“

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m/s