Mittwoch, 22. November 2017
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Medienlandschaft global denken & lokal gestalten

Medienlandschaft neu ordnen!

/// Kolumme /// – Die gesamte Medienlandschaft in Deutschland und Europa steht auf dem Prüfstand. Technisch bahnen sich neue Herausforderungen an. Zugleich verändern sich Medienmix und Mediennutzung und das Publikum selbst. Globalisierung und Regionalisierung werden heute als Pole betrachtet, in denen die Alternativen „Öffnung und Weltoffenheit“ gegen „Abschöttung und Populismus“ gegenübergestellt werden. Doch die Herausforderungen bis 2025 entwickeln sich völlig anders, als es sich heute Intendanten und Ministerpräsidenten und die Medienpolitik vorstellen.

In mehrmonatiger Arbeit haben Intendantinnen und Intendanten der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender auf der Drängen der Politik Reformvorschläge von ARD, ZDF und Deutschlandradio ausgearbeitet. Alle ihre Vorschläge greifen zu kurz, und sind nicht zukunftsfest, wenn man den näheren Zeitraum bis 2025 und darüber hinaus bis 2030 betrachtet.

Innovationsfähigkeit und interkulturelle Kooperationsfähigkeit hängen in elementarer Weise von der Medienlandschaft ab. Deutschland und Europa brauchen weniger „Lokal- und Kiez-Fernsehen“ und „Unterhaltung“ – sondern mehr „Weltgespräche“.

Die globale Herausforderung der Smart Cities

Weltweit wird bis 2025 mehr als die Hälfte der Menschheit in „smart Cities“ leben und dort überleben müssen. Neben die bisherige Globalisierung durch Internet-Technologien tritt das „Internet der Dinge“, von dem immer nur als „Schlagwort“ gesprochen wird, das aber Alltag und Medien, Infrastruktur, Transport und Mobilität und alle Lebensbereiche durchdringen wird.

Alle ökonomischen Grundmuster, Arbeitsteilungen und Wertschöpfungsprozesse werden durch neue Technologien umgestaltet. Autonome Fahrzeuge, Teilung und Nutzung von Fahrzeugen und Gütern, Arbeit, Leben und Wohnen werden von „IoT“-Technologien durchdrungen und umgeprägt und auch erleichtert. Neben alle bisherigen IT-Technologien des Internets tritt eine noch wenig bekannte Technologie der universellen drahtlosen Kommunikation, die „Dinge“ miteinander kommunizieren lassen kann: Long Range Wide Area Network (LoRaWAN), die heute im Umkreis von 10 Kilometern wirksam ist.
Das neue Leitbild der Globalisierung wird sich bis 2025 herausbilden: „Smart Cities and Smart Regions“ werden sich miteinander vernetzen und als Wirtschafts-, Kulturräume und Lebensräume ausprägen. Städte und Regionen werden nur regierbar und tragfähig sein, wenn sie als offene Stadtgesellschaften organisiert sind. Städte werden auch weltweit über Kontinente und Meere hinweg Kooperationen mit Regionen bilden – und umgekehrt. Bei weltweit immer knapper werdenden Ressourcen und Umweltressourcen können nur gemeinsam neue Lösungen entwickelt werden.

Schlüssel- und Garantenstellung von Medien weltweit

Wie sollen in Städten und Regionen Polis, Märkte, Kultur und Leben demokratisch und offen organisiert werden? Haben Medien und Journalisten in aller Vielfalt ihrer Möglichkeiten und Zwecke nicht auch eine unersetzliche Schlüssel- und Garantenstellung, um „smart Cities & smart Regions“ lebenswert, tatsächlich intelligent und sozial betreiben zu könnnen? Wächst diese Bedeutung noch, wenn es künftig darauf ankommt, wWeltweite Kooperationen im fairen und komparativen Umfang auf Dauer stabil sein zu halten, und sich im Modus vivendi gegenseitig zu stabilisieren? Ist der Mensch als Individuum künftig ohne funktionierende und vertrauenswürdige Medien in Mega-Metropolen überhaupt überlebensfähig?
Müssen sich Medien weltweit und öffentlich-rechtliche Sendeanstalten in Deutschland auf neue Schlüsselfunktionen vorbereiten und so etwas wie „digitale Urbanität“ erschaffen?

Demografischer und wirtschaftlicher Wandel – Herausforderung für Deutschland

Bis zum Jahr 2035 wird die Weltbevölkerung nach UN-Prognosen auf rund 9 Milliarden Menschen wachsen. Deutschland wird mit rund 84-87 Millionen Menschen nur noch einen kleinen Anteil an der Weltbevölkerung haben. In vielen Schlüsselbranchen werden China und Indien jährlich mehr Menschen ausbilden, als in Deutschland insgesamt in ganzen Branchen arbeiten.

Mehr noch als heute werden Wirtschaft und Wohlstand davon abhängen, ob Bürger in Deutschland sich weltweit verständigen und sich für fairen wirtschaftlichen Austausch umfassend ausbilden.

Wir wissen schon heute, unser Schulsystem ist darauf unzureichend ausgerichtet. Es ist eines der teuersten Bildungssysteme weltweit.Ganz nebenher betreibt Deutschland eines der teuersten öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Mediensysteme weltweit.

Was ist der Grundauftrag der Zukunft?

Die Frage lautet heute: was wird der künftige Auftrag öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten in „Smart Cities und Smart regions“ sein? „Ein „Weiter so“ ist kein Programm“.

Müssen ARD un ZDF ihren Auftrag der Grundversorgung vielleicht völlig neu definieren? Sind Regionalität, Effizienz und Sparsamkeit die richtigen Leitlinien? Oder kann man die Struktur auch „wertvoller und wertschöpfender“ machen als bisher?

Muss man das System und die Medienlandschaft nicht völlig neu ordnen, und nebenbei auch Wettbewerbsverzerrungen im Zeitungsmarkt und grundsätzliche digitale Systemschwächen beseitigen? Vertragen sich BigData-Technologien mit der humanen Anforderung einer vertrauensfördernden digitalen Umwelt?

Brauchen wir nicht auch eine längst überfällige Neuordnung der Medienlandschaft, weil z.B. das flache Land von den Städten abgehängt wird? Muß auch ein neues Leitbild des „mündigen Bürgers“ in digitalen Umfeldern mit ihrem veränderten Medienmix bedacht werden? Ist eine Entwicklung haltbar, die Citizens zu „digitalen Mündeln“ macht, und sie erwerbslos und ängstlich zwischen Hochhaus-Schluchten zurück läßt?

Müssen Bildung und Persönlichkeitsentwicklung, Toleranz und Offenheit, und die Fähigkeiten zur weltweiten Kooperation und Kollaboration gestärkt werden. Muß die Übererfüllung des Unterhaltungsauftrags beendet werden, und ein neuer Grundauftrag formuliert werden, der „Geselligkeit in ungleichen Gesellschaften“ zum Ziel hat? Ist „Conviviality in Unequal Societies“ das neue Menschheitsziel, das neben der UNESCO-Toleranzkonvention ganz alltagspraktisch zum medialen Grundauftrag wird? Muss Multiliguarität in der Alltagspraxis der Medien eine größere Rolle bekommen? Müssen aus Sendeanstalten künftig internatioale „Kommunikations-Plattformen“ mit öffentlich anerkannter Garantenstellung werden?

Medienlandschaft global denken & lokal gestalten

Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sollte im Rahmen der digitalen Agenda der neuen Bundesregierung neu verhandelt werden. Die Zuständigkeit der Bundesländer für die Landesrundfunkanstalten muss verändert werden, weil die Bundesländer selbst für die kommenden Herausforderungen zu klein sind.
Die Wirtschaftlichkeit von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hängt von ihren Reichweiten, dem Wert ihrer Medieninhalte und von ihrer kulturellen Wertschöpfung ab. Unterhaltung allein begründet keinen öffentlich-rechtlichen Sendeauftrag.

Der neue Sendeauftrag muss ganz anders aussehen, als heute:

Der öfffentlich-rechtliche Rundfunk zählt zur digitalen Ínfrastruktur und sollte auch so geordnet werden. Demokratisch geführte Plattform-Ökonomien müssen dabei in den Formaten und Kanälen entstehen können, die Vielfalt, Regionalität, Toleranz, Aufklärung und Transparenz herstellen.

Statt einzelner Rundfunkräte sollte es künftig vielfältige, demokratische Lenkungsgremien für einzelne Sendeformate geben, auch Bürgerbeiräte, die für Innovation, Vielfalt und „Demokratisierung des Vordenkens“ und „Enkulturierung“ in der Gesellschaft stehen.

Ein Umbau in eine Netz-, Lizenz- und Medienplattform für Technik/Sender/Studios/Lizenzen würde den heutigen Wert der technischen und personellen Infrastruktur künftig für viele Zwecke und Gestaltungsmöglichkeiten erhalten.

GEZ und technische Sendeausstattungen sollten in eine Netz-, Infrastruktur- und Lizenzvergabegesellschaft umgewandelt werden. Die Bundesländer bekommen kümnftig anteilige GEZ-Einnahmen für öffentliche Landesstudios und Landessender/Lizenzen – und könnten öffentliche, privaten und landeskulturelle Sendeformate nach Bedarf „zubuchen“.

Globalisierung und internationaler, interkultureller Austausch müssen mehr als bisher gefördert werden, mit umfassenden Bildungsaufrägen und Projekten, die auch internationale Begegnungen organisieren.

Ein Beispiel, das die Herausforderung deutlich machht: in wenigen Monaten werden mehr als 1.000 afrikanische Fußballmannschaften trainieren, die vom Deutschen Fußballbund gemeinsam mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung gefördert werden. Wäre es wert, davon zu berichten? Sollen wir Jungen und Mädchen aus der Lausitz, der Uckermarck, aus Ostfriesland und anderen Regionen zu deutsch-afrikanischen Freundschaftsspielen entsenden, und eine Sendereihe dazu auflegen?

Zukunfts-Chancen & Stabilität in der Medienlandschaft – statt Verdrängungswettbewerb

Alle Sendeformate werden künftig öffentlich ausgeschrieben und im Wettbewerb vergeben. Grundformate und öffentlich-rechtliche Kernformate werden weiter nach Intendantenprinzip mit Rundfunkrat dirigiert. Rundfunkräte müssen mehr öffentlich tagen. Publikumsformate werden auch nach Publikumsabstimmung mit Regelförderungen aus GEZ-Gebühren ausgestattet.

Der Wettbewerb mit lokalen und regionalen Zeitungen sollte fair reguliert und neu geordnet werden. Journalisten und Medienmacher mit kommunaler, regionaler und nationaler Garantenstellung müssen arbeitsrechtlich gleich gestellt werden.

Zeitungen und Verlage erhalten für Bereiche lokaler journalistischer Grundversorgung einen „Selbstkosten-Deckungsbeitrag“ nach VO Pr/30/53, der einen Mindestlohn für anerkannte Redaktionen absichert. Dieser Selbstkosten-Deckungsbeitrag“ nach VO Pr/30/53 ist aus den GEZ-Gebühren zu finanzieren. Verdrängungswettbewerb wird druch kommunale, regionale und nationale Kooperation abgelöst.

Zwei Sende-Aufträge für Inland und Ausland

Das ZDF sollte künftig für die nationale öffentlich-rechtliche Grundversorgung positioniert werden. Nachrichten, EU- und Weltthemen rücken an zweite Stelle vor – in allen regionalen „Formaten.“ Das ZDF wird zum Plattformsender, der regionale Formate und auch Regionalzeitungsinhalte einbindet.

Die ARD wird für internationale und weltweite Berichterstattung und internationale Vernetzung positioniert und kann das weite ARD-Korrespondenten-Netz weiter ausbauen.

Zwei zentrale Sendeaufträge werden im Interesse einer breiten und vielfältigen Medienlandschaft formuliert:

– How do we make democrazy creative, intercultural, sexy and prosper again!

– How to make intercultural collaboration work better!

Die ARD sollte im Inland sparen und künftig im Ausland wachsen. Studios sollten in den aufstrebenden und krisenhaften Smart Cities der Welt eingerichtet werden. Bangalore, Kalkutta, Kigali, Nairobi, Peking, Islamabad, Dubai, Tokyo und São Paulo sind nur einige der Städte, die mehr Sichtbarkeit und Interkommunikation verdienen.

Politik, Wirtschaft, Umwelt, Sicherheit, Kultur und Entwicklung sind die Leitthemenfelder. ARD, Außenhandelskammern und Auslandsinstitute und auch die Internationale wirtschaftliche und interkulturelle Zusammenarbeit können künftig mehr und besser zusammen arbeiten, um für eine friedliche, demokratische und prosperierende Welt und ein zusammenwachsendes Europa einzutreten!

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