Samstag, 16. Dezember 2017
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Menschenrechte zwischen Universalität & islamischer Legitimität

Mahmoud Bassiouni - Suhrkamp

Die Auseinandersetzung zwischen westlich geprägten Gesellschaften und islamisch geprägten Gesellschaften ist bislang von kruden Mißverständnissen und Ungleichzeitigkeiten geprägt. Es ist an der Zeit, sich der Tektur des Konfliktes zu vergewissern, und nach Wegen zu suchen, wie trotz scheinbar unvereinbarer kultureller Prägungen und Auffassungen dennoch ein friedliches Zusammenleben ermöglicht werden kann.

Ein wichtiges Buch ist gerade bei Suhrkamp erschienen, das einen Tiefenblick ermöglicht, der unseren vielen politischen Debatten bislang fehlt. Es ist keine einfache Lesekost, doch der Autor entwickelt sein Werk in einer für den Leser verständlichen Weise, und baut Schicht um Schicht mehr Verständnis für ein schwieriges Thema auf

Über den Autor

Mahmoud Bassiouni ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft sowie am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Leibniz-Forschungsgruppe „Transnationale Gerechtigkeit“ arbeitet er am Excellenzcluster „Normative Orders“, der die Herausbildung normativer Ordnungen im Verhältnis des Westens zum Islam erforscht.

66 Jahre nach Erklärung der Menschenrechte

66 Jahre nach der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte am 10.12.2948“ sind heute in vielen Teilen der Welt Menschenrechte noch immer nicht durchgehend gültig. In der Auseinandersetzung zwischen westlich geprägten Staaten und dem Islam scheint vor allem die transkulturelle Geltung der Menschenrechte in Frage zu stehen.

Die aktuellen Krisenherde und die militärischen und ideologischen Auseinandersetzungen verstellen den Blick dafür, das im Mittelpunkt des Konflikts tiefgehende philospophische und religiöse Fragen und Unterschiede stehen, die zu völlig unterschiedlichen Deutungen und Folgerungen führen.

Phänomenologie muslimisch geprägter Denkweisen

Mahmoud Bassiouni hat den Ansatz für seine Forschungen in einem wichtigen Satz festgemacht: „Tatsächlich ist es unmöglich anhand der religiösen Zugehörigkeit vorauszusagen, welche Position ein Muslim in Bezug auf Menschenrechte einnehmen wird.“

Der Autor betrachtet daher nicht nur den Islam, sondern versucht „ein Panorama der heute anzutreffenden diversen muslimischen Positionen zu Menschenrechten“ zu verstehen.

Bassiouni: „Muslimische Ansichten über die Beziehung von Islam und Menschenrechten sind so divers und komplex, dass es sehr schwer ist, eine gültige Verallgemeinerung über dieses Thema herauszuarbeiten.“

Bassiouni: „Es handelt sich bei muslimischen Denkem, Ideologen, Wissenschaftlern und Gelehrten um Personen, mit stark divergierenden Bildungsvoraussetzungen und Wirkungsbereichen, die eine Pluralität methodischer Ansätze und dementsprechend unterschiedliche Perspektiven bieten. Idealtypisch wird in der Literatur zwischen Islamisten bzw. Fundamentalisten, Traditionalisten bzw. Konservativen, Modernisten bzw. Reformisten und Säkularisten bzw. Liberalen unterschieden.

Wie dies schon verdeutlicht, leidet ein Großteil der Arbeiten zum Thema Islam und Menschenrechte vor allem unter seiner begrifflichen Unbestimmtheit und dem Phänomen, westlich geprägte Begriffe in Bezug auf nichtwestliche Prozesse verwenden zu wollen.

Zusammen mit dem Phänomen der sensationsfixierten Medienberichterstattung, hat dies zur Folge, dass unter diesen Begriffen zugleich alles und nichts verstanden werden kann. Gleichzeitig bleibt offen, nach welchen Kriterien die verschiedenen Positionen voneinander unterschieden werden, und weiter, was ihren Argumentationsinhalt ausmacht.

Positionen zum Thema Menschenrechte und Islam

Die erste Position ist die Position der Ablehnung der Menschenrechte. Für diese wird als Begründung herangezogen, dass Allah die Welt bereits perfekt geschafien habe und deshalb keine weiteren Gesetze notwendig seien.

Die zweite Position ist etwa von dem Islamwissenschaftler Bassam Tibi prominent vertreten. Er sieht eine Position einer ganz prinzipiellen Unvereinbarkeit, die dem Islam als Religion im Blick auf die Menschenrechte jegliche Anschluss- und Entwicklungsfähigkeit abspricht.

Drittens gibt es die Position der Aneignung, die sehr verbreitet ist und die Diskussion um die Menschenrechte zu einer Diskussion um die Urheberrechte des Islams an ihnen macht. Diese Position ist schlicht und dogmatisch; demnach hat der der Islam bereits vor 14 Jahrhunderten die Menschenrechte in der Scharia festgelegt. Es gibt danach auch kein höheres Gesetz.

Positionen, die Kriege motivieren und befeuern

In der Nach- und Gesamtbetrachtung sind die drei skizzierten Positionen heute zugleich Triebkräfte für politische Strategien, und sorgen aufgrund unauflösbarer Spannungen und Differenzen für die ständige Energiezufuhr für Konflikte. Die Frage muß gestellt werden, ob es noch eine andere denkbare Position geben kann, die Auswege des Handelns, der Verhandelns und der Akzeptanz und Toleranz eröffnen kann.

Die vierte Position

Mahmoud Bassiouni baut auf Vorarbeiten von Antonius Liedhegener und Ines-Jacqueline Werkner auf, die den Blick auf die außereuropäischen Menschenrechtsdiskurse in den Weltreligionen untersucht haben. Beide Autoren haben den Blick auf den Zusammenhang von Religion und Menschenrechten gelenkt, der sich als eine reale politische Kraft eignet, und haben dazu Christentum und die anderen Weltreligionen Islam, Hinduismus umd Konfuzianismus verglichen.
Sie fragten dabei nach dem Potential von Religionen zur Stärkung oder Schwächung des Menschenrechtsgedankens. Sie fanden dabei in überaschende Fallstudien heraus, in welchem Maße Religionen selbst menschenrechtsrelevante Politik betreiben.

Mahmoud Bassiouni setzt hier an, und betrachtet den Islam in seiner historischen und kulturellen Spannweite.

Menschenrechte befinden sich im zeitgenössischen islamischen Diskurs in einem normativen Spannungsfeld. Einerseits müssen sie islamisch legitimiert werden, andererseits sollen sie aber auch universal konsensfähig sein. Mahmoud Bassiouni entwickelt in seinem bahnbrechenden Buch eine neue Möglichkeit, diese beiden Ansprüche gleichzeitig zu erfüllen, indem er Menschenrechte als Institutionen zum Schutz grundlegender menschlicher Bedürfnisse konzipiert.

Er lehnt sich dabei an die Theorie der islamischen Rechtszwecke (arab: مقصد الشريعة ; maqāṣid al-sharīʻah) an, die er als Institutionen zum Schutz grundlegender menschlicher Bedürfnisse konzipiert.

Bassiouni bezieht hier als vierte Position diejenige einer letztlich unproblematischen normativen Vereinbarkeit.

Im Gegensatz zur ahistorischen Betonung einer homogenen Scharia erkennen die Vertreter dieser Argumentation die historische Bedingtheit rechtlicher Überlieferungen an und halten es für unerlässlich, das Religiöse und das Geschichtliche mit größter Sorgfalt voneinander zu trennen.

„Unvereinbar mit den Menschenrechten sei demnach nicht die islamische Religion, sondern das islamische Recht“, das in seiner überlieferten Form als autoritär angesehen wird.

Bassiouni liefert mit Buch eine umfangreiche Analyse zum Verhältnis von Islam und Menschenrechten. Im dritten Kapitel entfaltet er auch die Gedanken zu „Islamischen Grundlagen einer universalen Menschenrechtskonvention“, die er in der islamischen Rechtslehre sieht.
In dem er mit dem Konzept der menschlichen Bedürfnisse und der anthropologischen Grundlegung der Scharia einen Begriffsrahmen bereitstellt, ermöglicht Bassiouni eine unabhängige Bestimmung des Menschen, und öffnet einen Weg, der eine transkulturelle Diskussion der Menschenrechte zulässt.

Der Autor liefert mit seinem Buch nicht nur eine gute Analyse der aktuellen Konfliktlinien, sondern öffnet einen Weg, um über gruppen-, kultur- und epochenspezifische Vorstellungen der Menschen hinaus zu gelangen, und einen universalen und kulturunabhängigen Begriff vom Menschen und seinen universalen Rechten zu entwickeln.

Bassiouni baut dabei anstelle des Naturrechtskonzeptes auf ein „Bedürfniskonzept“ und stellt damit auch den Eurozentrismus auf kluge Weise zur Disposition.

Mahmoud Bassiouni - Suhrkamp

Literaturhinweis:

Mahmoud Bassiouni
Menschenrechte zwischen Universalität und islamischer Legitimität

Erschienen: 08.12.2014
suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2114, Broschur, 390 Seiten
ISBN: 978-3-518-29714-8 | 18,00 €

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m/s