Donnerstag, 14. Dezember 2017
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Merkels Krieg ohne Strategie

Kampfflugzeug Panavia Tornado im Anflug

/// – Kommentar /// – Der deutsche Bundestag hat mit großer Mehrheit über die Beteiligung am „Kriegseinsatz“ gegen den sogenannten „IS-Staat“ abgestimmt. 445 Abgeordnete stimmten dafür, 145 sagten Nein, sieben enthielten sich, wie das Bundestagsradar zeigt. Gegen den Beschluss waren die Oppositionsparteien von Bündnis 90/Grüne und DIE Linke. Dagegen war auch Cansel Kiziltepe (SPD), die im Wahlkreis Friedrichshain/Kreuzberg und einem Teil von Prenzlauer Berg „Ost“ gewählt wurde.

Kampfflugzeug Panavia Tornado im Anflug
Kampfflugzeug Panavia Tornado im Anflug – ohne Reccelite-Aufklärungsbehälter – Foto: YouTube

Wie soll man den „Kriegseinsatz“ bewerten?
Ein Einsatz, bei dem die Fregatte Augsburg „maritime Solidarität“ für den französischen Flugzeugträger „Charles De Gaulle“ zeigt und zu dessen Schutz abkommandiert wird. Ein eines deutschen Airbus A310 Multi Role Transport Tanker (MRTT) zur Luftbetankung, der hoch über das Kriegsgebiet führt. Beide Komponenten sind eher ein „Kriegsbetreuungseinsatz“, der den französischen Freunden Unterstützung signalisiert.

Gefahrgeneigte Tätigkeit: Luftaufklärung
Die Luftunterstützung mit sechs Tornado-Aufklärungsflugzeugen ist gefährlich. Denn Aufklärungseinsätze werden in Abhängigkeit von den genutzten Sensoren und der vermuteten Bedrohung in geringer oder mittlerer Höhe geflogen. Hier droht auch ein Abschuss mit Flugabwehrkanonen und Raketen. Es wäre sehr mißlich, wenn dabei deutsche Piloten in Gefangenschaft geraten.
Zunächst sind zwei Recce-Tornados abkommandiert worden, noch ohne den wichtigen Aufklärungs-Behälter, dem „RecceLite Pod“ mit Sensoren und Kameras. Erst im Januar werden vier weitere Tornados folgen. Dann wird aus Übungsfügen Ernst.

Vor allem aber: die deutschen Tornados werden die „Augen des Krieges“. Das „RecceLite Pod“ hängt unter dem Flugzeug an der zentralen Aufhängestation und produziert hochauflösendes digitales Bildmaterial bei Tage und Nacht, aus niedrigen und mittleren Höhen mit Hilfe von Infrarot- und optischen Sensoren.

Die gesammelten Bilddaten und Aufklärungsergebnisse können nicht nur im internen Massenspeicher abgelegt werden, sondern auch mit einer „Line-of-Sight-Breitbandübertragung“ in nahezu Echtzeit während des Fluges an die Bodenauswertungsstation (Recce-Ground-Station) übermittelt werden. Von hier aus müssen Ziele und Koordinaten schnellstens ausgewertet, nach Priorität geordnet und an die Alliierten Partner übermittelt werden.

Was sind die Ziele?
Doch was sind die Ziele? Sind es Waffen, Fahrzeuge, Panzer – so ist die Lage schnell klar. Sind es Tankfahrzeuge, dann rückt sofort das Kundus-Desaster in Erinnerung, bei dem es viele unvorsichtige zivile Opfer gab, weil es zwischen Zielerkennung und Angriffszeit eine zu große Entscheidungslücke gab, die den Bomberpiloten die letzte Entscheidung erschwert.

Ähnliche Desaster können folgen, zumal die Terroristen auch tarnen und täuschen und zivile Schutzschilde einsetzen. Die deutschen Tornados werden vor allem der französischen Luftwaffe helfen, eindeutige Ziele zu bekämpfen und zivile Opfer zu schonen.

Ist es überhaupt ein Krieg?
Was für ein Krieg ist das? – Ein Krieg, bei dem die „Daesch“ (für لدولة الإسلامية في العراق والشام oder ad-daula al-islāmiyya fī l-ʿIrāq wa-š-Šāmauch – auch Eiferer und Verrückte genannt) gegen aus deren Sicht „Ungläubige“ kämpfen?

Unsere Bundestagsabgeordneten und Politiker sind noch nicht so weit, die Gegner als das zu bezeichnen, was sie in Augen unserer britischen und französischen Alliierten längst sind: „Daesch“! Erst im Generalstab der Bundeswehr hat man das Bild zurecht gerückt, und die Aktion „Counter Daesh“ genannt, wie sie auch in neueren Militärtaktikschriften für „small wars“ genannt wird.

Der Begriff „small wars“ beschreibt einen Krieg, bei dem die USA aus der Luft Präzisionsziele mit Bomben und Raketen angreifen, und Verbündete Truppen die Landnahme gegen restliche Gegner vornehmen. 53 Bombenangriffe auf 100 befreite Quadratkilometer, so sah die Bilanz im Oktober-November aus. Die Zahl der verfügbaren zielgenauen Bomben und Raketen wird daher längst knapp.

Hielte man sich an Clausewitz Grundsätze, ist die Strategie falsch. Clausewitz: „Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“

Demnach müsste den Terroristen und Daesch zuerst die Bewegungsfreiheit genommen werden. Denn deren Terror und deren Fähigkeit, anderen ihren Willen aufzuzwingen, hängt an ihrer Beweglichkeit. Nur weil es eine weltweite Bewegungsfreiheit für Kämpfer gibt, und weil eine kleine Kampftruppe von weniger als 45.000 Kämpfern riesige Gebiete schnell mit Jeeps und PickUps durchqueren kann, haben die Daesch Macht entfaltet. Bewegungsfreiheit kann man aber nur mit kampfstarken Bodentruppen nehmen.

Was wäre eine geeignete Kriegsstrategie?
Die Grenzen zu Türkei müssen gesperrt und überwacht werden, nur noch Lebensmittel und Wasser dürfen ins Land gelassen werden. Ausreisen nur nach Kontrollen – mit Haft für identifizierte Kämpfer.

Es würde auch die propagandistischen Maßstäbe zurecht rücken, wenn die Terroristen endlich richtig als „Daesch“ benannt werden, und man ihnen mit den richtigen Mitteln entgegen tritt: schwer bewaffnete Soldaten, Polizeieinheiten und Grenztruppen.

Sowohl Kurden als auch Iraker und syrische Rebellen wären stark genug, sich gegen die Daesch durchzusetzen. Sie benötigen nur militärischen Rückhalt, Abstandswaffen, gepanzerte Fahrzeugen und Aufklärung aus der Luft.

Vor allem aber wäre psychologischer Rückhalt wichtig, den mobile Spezialkräfte und Kampftruppen bieten können.

Info-Krieg gegen Daesch – Internet-Verbindungen kappen
Die Internet-Versorgung in Syrien und Irak ist auf französische und europäische Satelliten-Dienste gestützt. Es würde reichen, ein Cyber-Abwehr-Team bei den Betreibern von EUTELSAT und anderen Internet-Betreibern einzusetzen und die Propanda- und Kommunikationsverbindungen zu kappen. Die Daesch würden die informelle Kommandostruktur verlieren, die heute ausgerechnet von französischen Firmen sichergestellt wird.

Ganz so, wie die IS-Sturmbrigaden die irakischen Truppen allein mit Mitteln des Info-Kriegs kampflos in die Flucht geschlagen haben, könnte der „Info-War“ auch gegen die Daesch eingesetzt werden. Schon Mao Tse-Tung hat das Ziel des „Psychological Warfare“, den Geist des Gegners zu lädieren, als vorrangig gegenüber seiner realen Zerstörung angesehen.

Die Daesch haben in der Anfangsphase große irakische Truppenverbände einfach mit Gräueltaten und einer Medienoffensive in Angst und Schrecken versetzt, sodass diese die Flucht antraten. Die Terroristen gelangten kampflos an gewaltige Mengen Waffen, Munition, Panzer und gepanzerte Fahrzeuge. Die scheinbare Übermacht der damals noch ISIL und IS genannten Gruppen beruhte vor allem auf „Psychologie“ und der Bereitschaft, Selbstmordattentäter in befestigte Stellungen zu schicken.

Das Schreckensregime der Daesch kann ohne Internet und Bilder nicht aufrecht erhalten werden. – Die verbliebene Bevölkerung greift deshalb auch nicht selbst überall dort zur Waffe, wo die Daesch nur noch in kleinen Gruppen agieren.
Nur dort wo sich eine Niederlage der Daesch abzeichnet, wird sich wachsender Widerstand aufbauen. Wo es kein Internet gibt, kann sich auch informelle Macht vor Ort nicht mehr halten.

Glaubwürdige Truppen-Bereitstellung
Mit wenigen mobilen schweren Infanteriebrigaden könnten im Irak und Syrien strategisch wichtige Punkte besetzt werden – und einfach abgewartet werden, bis den Terrorkämpfern die militärischen Versorgungsgüter ausgehen.

Statt anonymer Bombenangriffe aus großer Höhe, mit großen Kosten, zivilen Opfern und hohen Schäden, sollten „die Mittel des Krieges“ nach und nach in einen „small War“ mit „polizeilichen Operationen“ überführt werden.

Allein die Ankündigung, mehrere mobile Kampfbrigaden (mit je 3900 Soldaten mit schnellen vierachsigen Stryker-8×8-Radpanzern) bereitzustellen, würde der Kriegsführung der Terroristen die Siegesgewißheit entreißen. Leichtbewaffnete Terroristen mit ihren schnellen Toyota-Pickups sind auf Beweglichkeit angewiesen. Gegen Kontrollpunkte mit Schützenpanzern und Panzern und Abstandawaffen wie Panzerabwehrraketen wären sie völlig machtlos.

Die rund 30.000-45.000 Kämpfer der Daesch-Terroristen wären schon durch 15-20 befestigte Kontrollpunkte zu Felde strategisch überlastet. Indem wichtige Straßenverbindungen mit unüberwindbaren Kontrollpunkten gesperrt und passiv verteidigt werden, wird der einzige militärische Trumpf der schnellen Beweglichkeit beseitigt.

Bundeswehr Ausbildung in Erbil
Bundeswehr Ausbildung in Erbil – Foto: © Analisi Difesa

Friedensziele – statt Kriegsziele: Raum und sichere Städte gewinnen
Statt „Luftmarschällen“ sind „Feldmarschälle“ in den Generalstäben einzusetzen! Der Krieg muss auf den Boden der Tatsachen geholt werden. Luftkriegsführung darf nur noch gegen Panzer und Fahrzeuge und Munitionslager gerichtet werden. Vor allem aber sollte es gemeinsame militärische Führungen mit Kurden, Iraker und Syrern geben – denn nur so kann das Netz einer nachhaltigen Friedenssicherung entfaltet werden.

Ziel muss es sein, Raum, Straßen und Gelände zu gewinnen, und abzusichern. Es ist die einzige Voraussetzung, die vor einem Frieden unerläßlich erfüllt werden muss.

Sichere Zonen und Zukunftssicherheit
Die Bevölkerung sollte in sichere Zonen zurückkehren können. Zugleich sollte es Sicherheitsgarantien für die Zukunft geben, die durch Schutztruppen und Polizei gesichert wird.

Zukunftsicherheit ist das wichtigste „Produkt“ von Friedenseinsätzen. Zu jeder Sicherung gehört, irgendwann nicht mehr ängstlich zum Himmel blicken zu müssen, weil diese Angst die größte Masseninkubation für eine politsche Radikalisierung erst ermöglicht.

Die Bevölkerung der Krisengebiete muss ihren Blick auf eine Polizei und einen örtlichen Bürgermeister richten können, bevor eine Region endgültig befriedet ist.

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m/s