Montag, 23. Oktober 2017
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Migrationspolitik: die Mathematik der Überforderung

Refugee-Camp auf Lesbos

/// Kolummne /// – Gunnar Heinsohn (* 21. November 1943 in Gotenhafen) ist Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe, sowie emeritierter Professor für Sozialpädagogik an der Universität Bremen (siehe auch Wikipedia). Als freier Publizist meldet er sich immer wieder mit Thesen zur Bevölkerungspolitik, Demographie und historischen Chronologie zu Wort. Dabei betrachtet Heinsohn aktuellen Krise wie in Syrien aus seiner wissenschaftlichen Perspektive und weist auf die fatalen Zusammenhänge von Demografie und Krise hin. Es verwweist auf die schrecklichen Zahlen.

Heinsohn: „Syrien hat durch 300.000 Tote und 4,2 Millionen ins Ausland Vertriebene seine Bevölkerung gegenüber 2011 bereits um 4,5 Millionen reduziert. Das entspricht der kompletten Einwohnerschaft von 1960. Gleichwohl hat man heute innerhalb der Grenzen 18 Millionen Bürger – das Vierfache von 1960. 2050 sollen sogar 36 Millionen erreicht werden.“

Um zu zeigen, wie kritisch die Lage in Syrien ist, wählt Heinsohn einen Vergleich:

„Deutschland stände bei einer Vervierfachung seit 1960 nicht bei 82, sondern bei 290, die Schweiz bei 22 statt 8 und Österreich bei 28 statt 9 Millionen. Ungeachtet ihrer relativ dynamischen Wirtschaft ständen alle drei Länder vor unlösbaren Herausforderungen, wenn sie eine demografische Dynamik à la Syrien auffangen müssten. Dort wiederum mangelt es an ökonomischer Dynamik heute noch mehr als 1960.“

Meinung: Gunnar Heinsohn:
Warum Syrer nie mehr Deutschland verlassen werden
Gunnar Heinsohn | 16.10.2016 | WELT.

Kriegsdemografie und Kriegsindex

2003 publizierte Heinsohn sein Buch „Söhne und Weltmacht. Terror im Aufstieg und Fall der Nationen“. Für Gaston Bouthouls Befund,dass es bei einem starken Ungleichgewicht zwischen karrieresuchenden jungen Männern und verfügbaren gesellschaftlichen Positionen zu Konflikten komme, ermittelte Heinsohn für den dafür erforderlichen Youth Bulge (Jugendüberschuss) einen Anteil von mindestens 30 % der 15- bis 29-jährigen an der männlichen Gesamtbevölkerung.

2011 entwickelte Heinsohn daraus den statistischen Masstab des „Kriegsindex“,der die Relation zwischen 15- bis 19-Jährigen misst, die in den Lebenskampf eintreten, und 55- bis 59-Jährigen, die sich dem Ruhestand nähern.
Bei einem Index von 6 folgen auf 100 Ruheständler 600 junge Männer. Bei Indexwerten von 3 bis 6 seien Spannungen von steigender Gewaltkriminalität bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen wahrscheinlich.

Heinsohn spricht aufgrund seiner demographischen Statistiken vor einer ernsten Lage:

„Europa kann daraus immerhin lernen, dass es viele Länder wie Syrien gibt, die auf Jahrzehnte mit Menschen so überreich beschenkt bleiben, dass Migranten nicht nur fliehen, sondern auswandern.
Die Welt hat momentan 52 Länder mit einem Kriegsindex zwischen 3 und 7 – 3000 bis 7000 Junge müssen dort um 1000 frei werdende Positionen kämpfen. Diese prekäre Lage betrifft mit knapp 1,5 Milliarden Menschen die dreifache Bevölkerung der Europäischen Union.“

Subsistenzwirtschafti n Marokkorket
Subsistenzwirtschafti n Marokko: Länlicher Markt – Foto: pixabay

Migrationskrise und Entwicklung in Afrika

Aktuell hat sich Heinsohn zur Lage in Afrika geäußert und mit seiner Demographie-Statistik die „Mathematik der Überforderung“ offenkundig gemacht – und beschreibt so die entwicklungspolitische Herausforderung..

Migrationspolitik
Wie soll Europa 800 Millionen Afrikaner versorgen?
Gunnar Heinsohn | 4.11.2016 | WELT.

Er macht eine theoretische Rechnung auf, denn unter dem aktuellen Zustand der Unterversorgung in Nordafrika gibt es ein riesiges Migrationspotential:

„400 Millionen Afrikaner aus dem Subsahara-Raum könnten Schutz und Versorgung in Europa suchen, weil sie ihr Leben daheim für unerträglich und ausweglos halten.“

Geht das Bevölkerungswachstum bis 2050 weiter wie bisher, kommt es zu einer kritischen Dynamik. Heinsohn: „Im Jahr 2050 (mit 2,2 Milliarden Einwohnern) stünden – bei unverändertem Fluchtwunsch – 800 Millionen theoretisch „bereit“ für die Flucht in die EU. Dort müssten rund 450 Millionen Einheimische für sie aufkommen. Selbst wenn alle unterkämen, stiege Afrikas Bevölkerung immer noch um 400 Millionen.“

Heinsohns Zahlen sind eine ernste Aufforderung, die bisherigen Strategien der Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit radikal zu überdenken und zu modernisieren. Ein multinationaler „friedlicher Feldzug gegen die Armut“ ist die einzige vernünftige Option in Afrika.

Gleichzeitig müssen wir uns in Deutschland und Europa fragen, ob wir uns Millionen Menschen ohne Schulabschluß (in Deutschland 1,2 Millionen zwischen 18-29 Jahren) und rund 45 Millionen Arbeitslose noch leisten können? Arbeit, Wirtschaftspotential und Bedarf und Fähigkeiten zur Zusammenarbeit sind weltweit mehr als genug da!

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