Freitag, 15. Dezember 2017
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Neue Perspektive für das Kulturhaus „Peter Edel“

Kreiskulturhaus "Peter Edel"

Eine seit langer Zeit ungenutzter Altbau soll wieder zum Leben erweckt werden: Das ehemalige Kreiskulturhaus „Peter Edel“ in der Berliner Allee – nahe dem Weißen See. Nachneuesten Plänen soll daraus ein offenes Kultur-, Bürger- und Bildungszentrum werden. Das Bezirksamt Pankow von Berlin nimmt unmittelbar Vertragsverhandlungen zu einem Erbbaurechtsvertrag mit dem gemeinnützigen Träger „Kommunales Bildungswerk e. V.“ auf.

Kreiskulturhaus "Peter Edel"
Kreiskulturhaus „Peter Edel“ – Foto: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO)

Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1885 und war ursprünglich Restaurant und Ballsaal der daneben liegenden Brauerei Sternecker. Nach dem Zweiten Krieg wurde es erst unter dem Namen „Volkshaus“, später als „Café Moskau“ betrieben.

Peter Edel – ein Überlebender des KZ und Kulturschaffender
Im Jahr 1984 erfolgte die Umbennung nach dem ein Jahr zuvor verstorbenen Grafiker Schriftsteller Peter Edel. Als Jude wurde Edel in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt. Edel mu0te seine Ausbildung unter erschwerten Bedingungen absolvieren.
Peter Edel wurde 1943 in sogenannte Schutzhaft genommen und unter anderem im KZ Sachsenhausen inhaftiert.

Dramatischer Verlust in Auschwitz
Tjark Kunstreich beschreibt in der Zeitschrift BAHAMAS 25/1998 wie schwer Edel die Deportation seiner Frau Esther getroffen hatte:

„In seinem 1972 verfilmten Roman „Die Bilder des Zeugen Schattmann“ beschreibt Edel ein traumatisches Erlebnis: Die letzte Begegnung mit seiner Frau. Dieses Erlebnis ist sein zentrales Thema. Esther im Häftlingskittel auf der schneebedeckten Treppe des Todesblocks 10 in Auschwitz, diese eine Minute, bevor sie auf den Lastwagen steigen mußte mit ihren Kameradinnen, zur Abfahrt nach Birkenau – in die Kammern,beschreibt er es kurz in seiner Autobiographie. Edel will am elektrisch geladenen Zaun Selbstmord begehen, wird aber von Mitgefangenen zurückgehalten. Später, im Block, auf der Pritsche, hatte ich Esthers Gesicht gezeichnet, ihre in ein Nirgends gerichteten Augen, dieses Bildnis also. Damit begrub ich sie, darin vergrub ich meinen Schmerz. Für alle Zeit, dachte ich. Es gibt kein Wiedersehen, kein Wiederauferstehen. Edel wußte: Die Wahrscheinlichkeit, sich in Auschwitz nach der einmal erfolgten Trennung wiederzusehen, war äußerst gering. In seiner Erinnerung an den Versuch, mit dieser traumatisierenden Erfahrung weiterzuleben, bringt Edel ein Stück der Realität von Auschwitz auf den Begriff.“

Peter Edel (1921-1983)
Peter Edel als Zeuge beim Prozess gegen Hans Globke, 11. Juli 1963 – Bundesarchiv, Bild 183-B0711-0005-009 / CC-BY-SA 3.0

Edel musste in Schutzhaft Zwangsarbeit leisten und war an der „Operation Bernhard“ beteiligt, bei der jüdische Künstler gezwungen wurden, im großen Stil britische Pfundnoten zu fälschen.

Nach dem Krieg lebte und arbeitete Edel als Schriftsteller in Ost-Berlin. In den letzten fünf Jahre seines Lebens wird der ehemalige Auschwitz-Häftling mit der Nummer 164 145 als Inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit unter dem Decknamen „Thomas“ geführt. Edel war aufrechtes bekennendes SED-Mitglied und sprach sich gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann aus.

Als das „Volkshaus Berlin-Weissensee“ in „Kulturhaus Peter Edel“ umbenannt wurde, ehrte ihn die DDR – doch es kam auch Kritik auf. Als Verfolgter der Nazi-Regimes und später Stasi-Informant trug Peter Edel die schweren biografischen Brüche der Kriegsgeneration mit sich.

Unsichere Perspektiven nach der Wende
Zu DDR-Zeiten war „Jazz im Edel“ angesagt, gerade die ostdeutschen Jazz-Szene trat hier auf. Viele kennen auch noch den „Tanztee für Senioren“ und die Disco-Abende für Singles. Zur Wende tagte hier sogar ein Elvis-Club und gab eine Party, deren Defizit vom Elvis Club Lüneburg gedeckt wurde. Doch nach der Wende wurde Weißensee abgehängt. Die Kulturlobby in Prenzlauer Berg eroberte die Fördertöpfe. Für ein anspruchsvolleres Programm war im Pankower Bezirksetat kaum Geld vorhanden. Das ehemalige Kreiskulturhaus wurde nach und nach in öffentlicher Verwaltung abgewickelt. Unter Stadtrat Dr. Michail Nelken ging auch die erfolgversprechende Zwischennutzung mit Berliner Schule für Schauspiel zu Ende. Ein Abschied mit Protest, denn man wollte sich nicht gegen einen Investor ausspielen lassen. Am politischen Willen lag es wohl nicht – hohe Bauzinsen und eine strenge Sparpolitik verhinderten in der Zeit viele Projektideen.

Denkmalauflagen und wirtschaftliche Bedenken verhinderten eine Lösung – das Kulturhaus stand lange Zeit leer, mehrere Versuche der Umnutzung scheiterten am hohen notwendigen Investitionsaufwand. Pankow hatte als Konsolidierungbezirk keine Finanzkraft. Und Weißensee lang lange im Windschatten von Investoren in Prenzlauer Berg und Alt-Pankow.

Neuer Anlauf – neue Pläne – gute Erfolgsaussichten

Inzwischen ist ein neuer Partner gefunden. Ausschlaggebend für die Entscheidung zum Vertragspartner „Kommunales Bildungswerk e. V.“ waren die klare Vorstellung zur Instandsetzung des stark sanierungsbedürftigen Gebäudes und eine realistische Aussage zur Finanzierung der Baumaßnahmen.

Geplant sind der Abriss des in den 1970er Jahren angefügten Anbaus und die Sanierung der historischen Bausubstanz im 1. Bauabschnitt. Im 2. Bauabschnitt soll das Gebäude durch einen Neubau ergänzt werden. Nach der Grobkostenschätzung wird allein der 1. Bauabschnitt 4,5 Mio. € verschlingen. Niedrigen Bauzinsen machen derartige Pläne heute möglich.

Neben den Kurs- und Bildungsangeboten des Trägers soll das Haus auch für eine große Palette von Kultur-, sozialen und Nachbarschaftsangeboten zur Verfügung stehen. Im Erdgeschoss ist Gastronomie vorgesehen.

Bezirksstadträtin Christine Keil (Die Linke) für Jugend und Facility Management ist glücklich, dass es voran geht: „Nach Schließung des Kulturhauses im Jahr 2007 gibt es jetzt die Chance, die historische Bausubstanz und den denkmalgeschützten großen Saal zu sanieren und für Bürgerinnen und Bürger wieder einen Ort zur Einkehr zu schaffen“, erklärt sie.

„Im großen und kleinen Saal werden Theateraufführungen, Kleinkunst, Musikveranstaltungen und Lesungen möglich sein“, ergänzte Keil.

Weißensee bekommt damit einen alten, neuen Kulturort in attraktiver Lage. Auch für die weitere Entwicklung der Berliner Allee als Geschäftsstraße ist das eine gute Nachricht, denn Kultur lockt Besucher und Kunden in die Berliner Allee.

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