Freitag, 20. Oktober 2017
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Neue Rubrik: „Bipolare Realitäten“

Vexierbild: Rubinsche Vase / Quelle: Ch. Rudlof

Kennen Sie Vexierbilder? Ihren Namen verdanken sie dem lateinischen Verb vexare, das auf Deutsch „plagen“ heißt. Vexierbilder plagen scheinbar das Auge, in Wahrheit aber unser Gehirn!

Es sind „Bilder mit mehrdeutigen Darstellungen, die derart gestaltet sind, dass darin teilweise versteckte Informationen sich erst bei einer sich ändernden, intensiven Betrachtung zu erkennen geben. Hierzu gehören auch die Kippbilder, Such- oder Rätselbilder.

Die Darstellung ist nicht sogleich als Motiv zu erkennen, weil die Umrisse und die Binnenzeichnung mit anderen, auf dem Bild deutlich sichtbaren Darstellungen zusammenfallen. Das Wesen der Vexierbilder besteht darin, dass sie zwei- oder mehrdeutig sind.

Unsere Augen spielen unserem Gehirn dabei einen Streich: in der Bild-Darstellung eines Vexierbildes ist entweder das eine oder das andere Motiv zu sehen. Nahezu unmöglich ist es hingegen, alle Bedeutungen gleichzeitig in der Darstellung zu erkennen.

Es braucht jeweils ein ‚Umschalten‘ von einer Deutung auf die andere Bedeutung. Erst nach dem Umschalten wird dem Betrachter bewusst, dass es möglich ist, verschiedene Sujets in die gleichen Umrisse hineinzuprojizieren.

Vexierbild: Rubinsche Vase / Quelle: Ch. Rudlof
Vexierbild: Rubinsche Vase /
Quelle: Ch. Rudlof

Für das Titelbild der Rubrik „Bipolare Realitäten“ wurde das Abbild der Rubinschen Vase gewählt, das als gif-Datei animiert wurde, und den Umschaltvorgang automatisch herstellt. Es stammt von dem dänischen Psychologen Edgar John Rubin (* 6. September 1886 – † 3. Mai 1951), der damit wichtige Arbeiten zur Gestalttheorie begründete.

Warum nur? – Warum so eine Rubrik?

Warum tut das die Redaktion der Pankower Allgemeine Zeitung ihren Leserinnen und Lesern an? Ist die Welt nicht schon schwarz-weiß genug? Oder ist sie grau-bunt? Entweder – Oder? Oder?

Auch unsere Logik tendiert gern zum Binären! Unsere Computer arbeiten binär – und das bipolare JA und NEIN bestimmt die Welt unserer bürokratischen Vorschriften! Kopf oder Zahl – Plus – Minus – Krise oder Chance? Wer entscheidet was?

Es gibt eine Hypothese – sogar einen schrecklichen Verdacht!

Unsere Bildwelt und die Welt unserer Sprache sind von Vexierphänomenen geprägt!

Oder besser: unser Wahrnehmungssystem aus Auge und Gehirn und unser Sprachhirn konstruieren die mehrdeutige „Realität“, und gaukeln uns etwas vor! Schlimm: das Phänomen begleitet uns auch unbemerkt, und es drängt bis in unsere Welt des Alltags und der Politik!

Viel schlimmer noch, es kann unser Leben bestimmen, wie wir Dinge, Worte, Phänomene sehen. Und auch das, was Psychologen bisher als „bipolare Störung“ begreifen, wird im Lichte moderner Sprach- und Medienwissenschaften zu einem Problem gestörter Wahrnehmung und Interpretation. – Müssen wir uns mehr mit den geheimen Mächten um „Vexierkräfte“ befassen? Handelt es sich um ein grundlegendes Problem von Sprache?

Können Sie sich vorstellen, wieviel Streit um ein Glas Wasser enstehen kann, das zu 50% mit Wasser gefüllt ist? Ist es halbvoll – oder ist es halbleer? – Und warum gewinnen in der Politik immer die, die sagen: „Halbvoll“?

Wir werden diesem Thema und den Vexierphänomenen noch näher auf die Spur kommen!

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