Mittwoch, 16. August 2017
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eine 2 im Zeugnis!“

„Papa, ich habe nur
eine 2 im Zeugnis!“

Grundschule am Kollwitzplatz

/// Kommentar /// – Der Bezirk Pankow ist ein Wachstumsbezirk, viele gut ausgebildete und auch hochqualifizierte Familien zieht es in den Bezirk. Inzwischen gibt es immer mehr kinderreiche Ortsteile, und erste Jahrgänge nach der Wende geborener „Pankower Kinder“ kommen an weiterführende Schulen, Gymnasien und sogar Universitäten.

Grundschule am Kollwitzplatz

Angelockt durch eine lang angelegte Kultur- und Bildungspolitik ist eine attraktive Bildungslandschaft entstanden, die genau dem Wachstumsideal sozialdemokratischer Bildungspolitik entspricht. Eine Erfolgsstory – die bundesweit ihresgleichen sucht.

Bildung zieht Bildung an – und die Stadt wächst.

Und nun kommt das Riesenproblem: die Berliner Senatsschulverwaltung unter Senatorin Sandra Scheeres (SPD), Wahlkreisabgeordnete aus Pankow, bekommt den Erfolg ihrer sozialdemokratischen Politik nicht in den Griff.

Mal ist es die Bewilligung einer einzigen „Vollzeit-Lehrerstelle“, um den griechischen Zweig der Homer-Europaschule in Pankow aufrecht zu erhalten, mal tauchen plötzlich größere Zahlen sogenannter „Schnellerner-Kinder“ auf, weil eine Rosa-Luxemburg-Oberschule ein erfolgreiches Konzept in Gang gesetzt hat, das nachgefragt wird.

Mehrere Schulen in Pankow haben Schulpreise abgeräumt, und die Schulsenatorin ist einfach nicht in Feierlaune zu bringen.

Noch immer eingezwängt von finanzpolitisch verankerten Sparzwängen, gebeutelt von einem schiefgelaufenen Zensus – mit Kürzungen im Länderfinanzausgleich – akuter Personalnot in Kernfächern, hohen Krankenstand bei Lehrern und maroden Schulen, laviert Sandra Scheeres in der Schulpolitik herum. Dazu kommt ein herausfordernder Schulausbau, weil täglich neue Familien zuziehen.

Angesichts einer drohenden Demonstration von 30 Eltern und Kindern sagte Sandra Scheeres ihre eigene Bürgersprechstunde ab, und liess die „Rasselbande“ einfach draußen stehen. Ein willkommener Anlaß, für Facebook- und Twitter-Posts und kritische Presse.

Und nun wird gegenüber einer Elterninitiative auf Zeit gespielt, die bis kurz vor Beginn des neuen Schuljahres hingehalten werden sollen. Ungewißheit, statt Planungssicherheit.

Mangelt es der Schulsenatorin an Kraft, Konfliktstärke und Durchsetzungskraft? Ist sie nicht in der Lage, die Übersicht im großen Ganzen zu wahren, und beim Finanzsenator mehr Ressourcen frei zu machen? Braucht sie gar Hilfe, weil sie als Pankower Vertreterin im Senat Angst vor einer Kritik aus anderen Bezirken hat, sie könne als Senatorin ihren Heimatbezirk bevorteilen?

Die Eltern und Kinder mit den Schnellerner-Ambitionen sind nun einfach da, und warten auf eine Entscheidung. Die wird erst für Ende August erwartet – wenige Tage vor Schulbeginn.

Derweil müssen sie sich mit „ideologischen Streber-Mobbing“ aus Prenzlauer Berg befassen. Mit einer abwegigen Kommentierung wird Neid mobilisiert, gegen „Hochbegabte“ und „Intelligenz“ Stimmung gemacht. Sogar ein fiktionales „Milieu der Hochbegabten“ wird im Kommentar erschaffen, um krude Vorurteile zu tarnen.

Wie wenig der Kommentator sich in Pankow auskennt, wird an seiner „Statistik“ deutlich: „Ein bis zwei Prozent der Menschen sind laut Statistik hochbegabt“, schreibt er. Er ignoriert, dass 112 Kinder längst den Test erfolgreich absolviert haben.

Begabtenförderung steht im Schulgesetz

Das Schulgesetz ist auch ganz flexibel, die Begabtenförderung ist in Berlin fest verankertes Ziel. Auch die Voraussetzungen sind ganz klar: ein Eignungstest muß sein. Und auch für den Fall, dass Tests die Dauerform der Schüler überschätzt haben, und Kinder den Anforderungen nicht gerecht werden, gibt es die Regelung, aus der Jahrgangstufe 5 in die Grundschule zurückgehen.

Wenn nun die Zahlen über den geplanten Bedarf liegen, so ist das ein „Bildungs- und Ansiedlungserfolg“, dem mit einem geeigneten
Schulangebot entsprochen werden muß.

Eigentlich entspricht das sogar den vereinbarten Zielen im Koalitionsvertrag von SPD und CDU im Abgeordnetenhaus!

Performance der Schulsenatorin

Wenn die Schulsenatorin herumlaviert, weil sie kein geeignetes Lehrpersonal hat, oder zu wenig Geld, dann muß das auch klar gesagt werden. Fehlende Ressourcen dürfen nicht einfach versteckt werden. Es würde die politsche Performance der Senatorin erheblich verbessern, wenn sie ihre beachtlichen Schwierigkeiten im Amt offenkundig macht, und die Beseitigung von Defiziten konkret angeht.

Eltern und Kinder haben das Recht, auf einen geregelten Bildungsweg – und auch die Inanspruchnahme gesetzlich geregelter und zugesagter Leistungen und die Deckung des „Bildungsbedarfs“ gehören dazu.

Wenn die Regierungskoalition aus SPD und CDU nicht genug Ressourcen bereit stellt, muß eine Schulsenatorin im Interesse der Kinder auch einmal auf den Tisch hauen!

Das Recht der Kinder

Als Vater einer neugierig-begabten und schnellernfähigen Tochter weiß ich, wieviel Schmerz und Leid Kinder erfahren müssen, wenn sie zuerst als Streber ausgebremst werden, und hernach als „Lehrers Liebling“ vereinsamt und kritisch beäugt werden – und so ihren Schulweg beschreiten müssen. Schnelle Auffassungsgabe und ein ständig bremsendes Umfeld bremsen Lebensfreude und Entwicklung aus.

Ich kenne auch die schwierige Phase, wie das junge Selbstbewußtsein in der Pubertät in eine schwere Krise gerät, bloß weil das Kind dem Leistungsdurchschnitt enteilt ist, und in ständige Diskrepanz zu den MitschülerInnen gerät.

Die Spannung löst sich erst kurz vor dem Abitur, wenn sich die krisenvolle Schulzeit langsam auflöst, und ganz eigensinnige Auswege aus langjährigen Schul- und Gruppenstreß gefunden werden.

„Papa, ich habe nur eine 2 im Zeugnis!“ – eine frech grinsende Tochter, nach vielen ernsten Tagen – eine Schulzeit die sich in Selbstironie auflöst. – „Hast Du etwa gewonnen?“ – „Ich kann jetzt einfach ich sein!“

Weitere Informationen:

www.berlin.de/sen/bildung/foerderung/begabungsfoerderung/schnelllerner.html

Homer-Schüler möchten in Pankow bleiben! 14. 5. 2014 – Pankower Allgemeine Zeitung

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One thought on “„Papa, ich habe nur
eine 2 im Zeugnis!“

  1. Vielen Dank für diesen Artikel! Ich kann nur zustimmen: die Senatsverwaltung muss den Kindern, die das Verfahren und den Begabungstest bestanden haben, auch einen entsprechenden Schulplatz zur Verfügung stellen.
    Und auch richtig ist: wir brauchen endlich mehr Vision, Entscheidungskraft und klare Linien bei der Schulentwicklung. Eine klare Linie ist für mich: die Schulen organisch weiter entwickeln und wachsen lassen, wo das möglich ist, statt ideologisch am Reißbrett zu planen. Hinschauen! wieviele Kinder es wo und für welchen Schultyp gibt, sich nach dem Bedarf richten: das muss die Maßgabe sein. Das gilt für die Rosa-Luxemburg-Oberschule genauso wie für die Wilhelm-von-Humboldt Gemeinschaftsschule und ihrem Wunsch nach einer Oberstufe.
    Ja, und auch den Kampf um den Erhalt des Europaschulzweigs an der Homer Grundschule habe ich noch nicht aufgegeben: morgen bringen wir drei Oppositionsfraktionen – Grüne, Linke, Piraten – einen Dringlichkeitsantrag zum Erhalt in das Plenum hier im Abgeordnetenhaus ein. Drücken Sie uns die Daumen!
    Beste Grüße, Stefanie Remlinger

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