Donnerstag, 17. August 2017
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Plant Krieger ein Designzentrum?

Rundlokschuppen in Pankow-Heinersdorf Innenansicht

Rundlokschuppen in Pankow-Heinersdorf Innenansicht

Ein zufälliger Aktenfund wirft neue Fragen zum Planungsvorhaben „Pankower Tor“ auf. In einem Bus der Linie 155 wurde in der Osterwoche eine Aktenmappe gefunden, die vertrauliche Planungsüberlegungen enthielt. Der Bus 155 fährt zwischen dem Rathaus Pankow und dem Schwarzelfenweg in Weißensee – der in unmittelbarer Nähe zum Stadtplanungsamt liegt.

Finder war ein aufmerksamer Pankower Bürger, der die „Akte“ in der hinteren Sitzreihe des Gelenkbusses auf dem Boden fand und am 29.3.2013 an die Redaktion der Pankower Allgemeine Zeitung übergab.
Die Aktenmappe war offensichtlich keine Behördenakte, eher eine „Handakte“, und enthielt eine Sammlung Arbeitspapiere, Unterlagen und Kopien zum laufenden Werkstattverfahren „Pankower Tor“.

Um den Eigentümer der Akte ausfindig zu machen, wurde die Akte gesichtet und nach Hinweisen gesucht. Neben Auszügen aus den laufenden Einzelhandelsgutachten, welche die Verträglichkeit weiterer Handelsflächen auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs untersuchen, waren auch Skizzen und Tabellen zur Verkehrsplanung enthalten.
Ferner fanden sich Arbeitskopien der städtebaulichen Pläne, die bereits von Lorenzen Architekten auf den Akteursrunden gezeigt wurden, und inzwischen im Internet veröffentlicht sind.
Die Aktenmappe enthielt aber keinen Hinweis auf den Eigentümer. „War es nur eine unbedeutsame „Sammlung von Arbeitspapieren“ – oder steckte mehr dahinter?“

Bei der Sichtung fand sich ein brisantes, mit „Entwurf – vertraulich“ gekennzeichnetes 10-seitiges Papier, das weder eine Paginierung noch einen Autorvermerk trägt. Es weckte das redaktionelle Interesse, weil es brandheiße neue Untersuchungen und Ideen enthält.

Schon die Überschrift und die Titelseite hatten es in sich:

Machbarkeitsstudie für ein Gründer-, Design und Kultur-Zentrum in Pankow-Heinersdorf
– Möbel- und Homedesign im 21. Jahrhundert – Art & Industry 4.0

Darunter ein Bild des unter Denkmalschutz stehenden Lokschuppens am S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf (siehe Titelbild).

Im ersten Abschnitt beschreibt der unbekannte Autor den bevorstehenden Wandel des Möbelmarktes, dessen Chancen und Risiken.

Der Möbel-, Küchen- und Einrichtungsfachhandel konnte sein Wachstum der letzten Jahre fortsetzen und schloß 2012 mit einem Umsatzzuwachs von mehr als zwei Prozent ab und setzte dabei über 31,2 Milliarden Euro (inklusive Mehrwertsteuer) um. Die positive Entwicklung von 2011 setzte sich damit in 2012 fort.
Die 31,2 Milliarden Euro umfassen auch die von den Möbelhäusern angebotenen Fachsortimente wie Teppiche, Heimtextilien und Tisch- und Küchenaccessoires im Volumen von sechs Milliarden Euro. Pro Kopf macht das rund 380 Euro, die die Deutschen insgesamt für Möbel und Küchen und Einrichtung im Jahr ausgeben.

Die Konzentration im Handel entwickelte sich weiter: Die Top-Ten im deutschen Möbelhandel erwirtschafteten 2012 rund 14 Milliarden Euro Umsatz (= 44 Prozent des Branchenumsatzes) und haben weiter Marktanteile hinzugewonnen. Branchenprimus ist und bleibt Ikea. Die Schweden betreiben allein in Deutschland 46 Möbelhäuser und etliche weitere sind in Planung.
Trotz eines guten Ergebnisses liegt die Höffner-Gruppe, zu der auch Möbel Kraft und Möbel Sconto gehören, auf Platz 2 weit hinter dem Spitzenreiter der Möbelhäuser – wobei insgesamt 45 Standorte betrieben werden.

Platz 1: Ikea:
Umsatz: 3.650 Millionen Euro (im Jahr 2010/11; 2009/10: 3.480 Millionen Euro)
Mitarbeiter: 14.447 (in Deutschland; Weltweit: 131.000)

Platz 2: Höffner:
Umsatz: ca. 1.980 Millionen Euro (im Jahr 2011; 2010: 1.950 Millionen Euro)
Mitarbeiter: ca. 8.900

Überraschend ist der Onlinehandel auf dem Vormarsch. Die neue Vertriebsform gewinnt sehr schnell an Bedeutung: Der Möbelverkauf im Netz ist bereits Alltag geworden. Vor einigen Jahren waren es noch kaum messbare Marktanteile. doch inzwischen werden nach Feststellung des BVDM rund 1 Milliarde Euro, also 3 Prozent des Gesamtumsatzes online erzielt. Weitere Zuwäche sind hier möglich, vor allem, wenn es innovativen Anbietern gelingt, Online-Marketing, Logistik und Anlieferung und Montage vor Ort zu bündeln.

Droht der Blitzkrieg gegen das Möbelhaus?

In dem vorliegenden Papier warnt der Gutachter ausdrücklich vor „neuen disruptiven Geschäftsmodellen“, die sich schnell und umsatzstark ausbreiten konnen – so wie es etwa ZALANDO im Bereich Mode und Schuhe bereits vorgemacht hat.

Und dann folgt eine konkrete Warnung: ausdrücklich wird auf die sogenannte „Blitzkrieg-Mail“ Bezug genommen, die 2011 die gesamte Möbelbranche erstmals erschreckte:

Im Oktober 2011 richtete der finanzstarke Unternehmer Oliver Samwer deutliche Worte an das Team der Rocket Internet GmbH, die über 15.000 Firmenbeteiligungen in 40 Ländern verfügt und so den Weltmarkt gut kennt.

„Lediglich drei Geschäftsfelder gebe es, in denen man Milliarden-Firmen aufbauen könne: Amazon und Zappos (Kleider- und Schuhversand) gebe es schon, nun seien nur noch Möbel übrig, schrieb er in der E-Mail, die durch ein Informationsleck an „TechCrunch“ gelangte und veröffentlicht wurde.

Das Online-Geschäft mit Mobiliar sei die letzte Chance, dafür müsse groß investiert werden. Er selbst sei bereit, aber er verlange auch von seinen Leuten vollen Einsatz, Aggressivität, „deutsche Aufmerksamkeit fürs Detail“. Und: Die Zeit für den „Blitzkrieg“ müsse genau gewählt sein. Für die verschiedenen Länder – Indien, Türkei, Australien, Südafrika, Südostasien – erwarte er detaillierte Pläne, „unterschrieben mit Blut“.

In der Möbel-Branche verursachte die Mail zuerst nur gelassenes Achselzucken, Größenwahn eines Startups wurde vermutet. Doch die Rocket Internet ist kein Nobody-Unternehmen, sondern hat ZALANDO in einer steilen Wachstumskurve zum wichtigsten Player im Online-Handel mit Mode und Schuhen gemacht. ZALANDO sitzt in Prenzlauer Berg in der Sonnenburger Strasse 73. Oliver Samwer hat sich nach dem bekanntwerden der Mail öffentlich für den Tonfall entschuldigt (siehe SPIEGEL Netzwelt) – blieb aber in der Sache am Ball.

Im Herbst 2012 begann dann ausgerechnet auch in Prenzlauer Berg der bislang größte und frechste Angriff auf das „Geschäftsmodell Möbelhaus“. Die von der Rocket Internet AG finanzierte Firma Home24 startete durch. Mit über 30.000 Artikeln verfügt das Startup HOME 24 über ein Sortiment wie ein großes Möbelhaus – und liefert Möbel versandkostenfrei bis nach Haus.
Die von den Samwer Brüdern finanzierte Rocket Internet GmbH finanzierte das Startup Home24 GmbH und positionierte es erfolgreich mit dem schon von ZALANDO erfolgreich umgesetzten Prinzip: online kaufen – versandkostenfrei anliefern. Schon in kurzer Zeit konnten über 300.000 Kunden gewonnen werden. Die innovative Konkurrenz sitzt auch in Prenzlauer Berg – in der Greifswalder Str. 212-213.

Eine freche Marketing-Kampagne griff den von der Möbelbranche propagierten „Möbeltourismus“ zum Möbelhaus auf der grünen Wiese an:
Möbel kaufen am Arsch der Welt? Nein, der TV-Spot von Home24.de zeigt die Vorzüge des Online-Einkaufens von Möbeln und Wohnaccessoires im Internet.
„Warum Möbel am Arsch der Welt kaufen? Das beste Möbelhaus ist bei dir zuhause“, bringt es der TV-Werbespot auf den Punkt, in dem der Schauspieler Oliver Korittke mitspielt. Home24 will die künftig Plattform sein, für alle die genervt davon sind, in großen Möbelhäusern und Abholmärkten, irgendwo in Industriegebiet oder auf der grünen Wiese – eben am „Arsch der Welt“ einzukaufen.

Das TV-Video ist nach Ansicht des Gutachters ein ernster Anlaß, um über die Zukunft der HÖFFNER Möbelhäuser nachzudenken – auch wenn diese heute an verkehrsgünstigen Lagen zu finden sind.

Die Eroberung eines Umsatzanteils von 3 % stellt aus Sicht des Gutachters zwar derzeit noch keine ernste Herausforderungen dar – jedoch befindet sie MÖBEL HÖFFNER im starken Wettbewerb mit IKEA und ringt um den Spitzenplatz im deutschen Markt.

Der Gutachter fragt: „Was, wenn IKEA auch in den Online-Handel einsteigt – um weitere Wachstumspotentiale neu zu besetzen?“

Der Gutachter rät daher, sich auf kommende neue Herausforderungen einzurichten, zumal inzwischen Erfahrungen vorliegen, wie die einst erfolgreichen METRO Töchter Media Markt und SATURN durch den Onlinehandel in die strategische Defensive gedrängt wurden. Die METRO AG sucht inzwischen nach einem neuen tragfähigen Geschäftsmodell für beide Marken und verzeichnet 2012 einen dramatischen Gewinneinbruch.
Auch das Möbelhaus als erfolgreiches Geschäftsmodell der siebziger Jahre könnte „in die Jahre kommen“ – und bedarf einer nachhaltigen Modernisierung.

Konzept für ein Designzentrum für Möbel- und Home-Design und Art & Industrie 4.0:

In der Machbarkeitsstudie wird die Auffassung vertreten, Krieger müsse sein Geschäftsmodell proaktiv verteidigen. Insbesondere auch aus symbolischen Gründen müsse man sich am „Heimatstandort Pankow“ auf vorausschauende Weise gegen „disruptive Geschäftsmodelle“ aus Prenzlauer Berg wappnen. Der Gutachter rät, selbst zum Innovationsführer zu werden, und ein eigenes „disruptives und zukunftsfestes Geschäftsmodell“ aufzubauen und den „Möbelmarkt der Zukunft“ mit neuen eigenen Marktpositionen zu gestalten.

Neben der Option „Online-Versandhandel“ gilt es nach Ansicht des Gutachters auch grundlegende Technik-Innovationen, Nachhaltigkeit und veränderte Kaufgewohnheiten und moderne Design-Entwicklungen zu berücksichtigen – die unter dem Begriff „Industrie 4.0“ zusammengefasst werden. Ferner könne das kreative Potential der Pankower genutzt und zur Entfaltung gebracht werden.

Industrie 4.0 - Die 4 Stufen der industriellen RevolutionIndustrie 4.0 – Die 4 Stufen der industriellen Revolution – Quelle: IFKI 2011

Design-Exklusivität wird künftig als ein Wert-Treiber für die Warensortimente angesehen: exklusiv für die HÖFFNER-Gruppe produzierte Artikel, die „direkt auf Kundenwunsch“ oder in „exklusiven limitierten Auflagen“ produziert werden. Um schnell und flexibel im Markt agieren zu können, wird die Einrichtung eines „Gründer-, Design und Kultur-Zentrums in Pankow-Heinersdorf“ empfohlen.

Dazu wird auf das Umfeld des geplanten Baugeländes für das HÖFFNER-Möbelhaus am „Pankower Tor“ verwiesen. Mit dem alten Rund-Lokschuppen und dem Gelände des ehemaligen Ausbesserungswerkes entsteht eine Jahrhundertchance, um Design, Kultur und produktionsnahe Entwicklung und Dienstleistungen zu verbinden – und ein Leuchtturmprojekt der „Creative Industries“ zu entwickeln:

– Design-Technologien, Computer-Animation und Rapid-Prototyping
– 3 D-Druck und und 3-D Möbeldruck mit nachhaltigen Werkstoffen
– Design-Robotik und fortgeschrittene Produktions-Robotik
– Recycling-Design und Cradle-to-Cradle-Design für Möbel- und Homedesign-Produkte.
– fortgeschrittene industrieelle Produktionsmethoden (Industrie 4.0).

In Verbindung mit einem Gründerzentrum sollen auch junge Produktdesigner, Künstler und Entwickler unternehmerische Chancen aufbauen können – und modernste Technologien für den Aufbau der Modelle und Pilotprodukte nutzen können. Gleichzeitig kann sich die HÖFFNER Gruppe im Rahmen der Hightech-Strategie der Bundesregierung, mit der Informatisierung der klassischen Möbel-Industrie und der Verbindung von „Art, Design & Industries“ eine zukunftssichere Schlüsselposition aufbauen.

Machbarkeitsstudie für ein Designzentrum Pankow-Heinersdorf

Die multifunktionale Nutzung des Rundlokschuppens als Event- und Designmarkt und als Kulturzentrum mit regelmässigen Produkt-Neupräsentationen und zwei jährlichen Möbelmessen könnte Pankow zum Wachstumsmoter von „Creative Furniture & Home Industries“ werden lassen. Moderne Marketing-Strategie verknüpfen heute Design, Event und Kultur – und statten neue Produkte mit einem innovativen „Marktmythos“ aus. Im Möbelmarkt werden auf diese Weise kürzere Designzyklen und Designkollektionen erfolgreich im Markt positioniert.

Ein wirtschaftlich arbeitendes Design- und Entwicklungszentrum könnte für den Möbelhandel der Zukunft und für die gesamte HÖFFNER-Gruppe einzigartige Imagegewinne und Synergie-Effekte hervorbringen und ein ständiger Innovationsmotor sein.

Ausdrücklich wird auch eine Zusammenarbeit mit der Kunsthochschule Weißensee angeregt – die stetig mit neuen Ideen und Köpfen Kunst, Design und Produktdesign inspirieren kann.

Um dem künstlerisch geprägten Design und Produktdesign eine technisch-wirtschaftlich breitere fachliche Basis zu verleihen, wird auch die Gründung eines An-Institutes für „Art & Industry“ angeregt – das die mathematischen und informationstechnischen Grundlagen für eine Robotik-Produktion von Möbeln und Home-Design-Produkten zu schaffen hat.
Nicht zuletzt kann mit der Schlüsselinvestition in Pankow eine Erneuerung der HÖFFNER Gruppe eingeleitet werden, und das erste „Möbelhaus der Zukunft“ gebaut werden.

„Die unmittelbaren Effekte für den Pankower Arbeitsmarkt sind immens. Zusätzlich zu den etwa 650 Arbeitsplätzen für das HÖFFNER Möbelhaus, können rund 200 Arbeitsplätze für das kombinierte Design- Messe- und Kulturzentrum geschaffen werden. An-Institut und technologie- und Gründerzentrum bieten ein Potential für weitere 400 Arbeitsplätze und können mittelfristig mehrere tausend Arbeitsplätze in vernetzten Produktions- und Dienstleistungsbereichen und bei Zulieferern schaffen,“ schreibt der unbekannte Gutachter.

In Pankow könnte so ein Standort für „Creative Industries“ als ein erstes Leuchtturmprojekt mit europaweiter Ausstrahlung geschaffen werden, das für den globalen Wettbewerb gerüstet ist ….

Die Machbarkeitsstudie fasst danach noch Innovations-Projekte und Strategien von bekannten Möbel-Herstellern und Home-Design-Firmen zusammen und stellt eine Übersicht her. … an diesem Punkt endet das Arbeitspapier.

Mit dem zufälligen Aktenfund wird nun eine wichtige Zukunftsfrage für ganz Pankow aufgeworfen: Plant Krieger auch ein Designzentrum? m/s

Update 2. April 2013:
Einige Leserinnen und Leser dieses Artikels haben es schon vermutet, das Erscheinungsdatum 1. April 2013
deutet auf einen Aprilscherz hin. Tatsächlich: es gab KEINEN ominösen Aktenfund. Die ausgewählten Personen
sind aber echt und nicht zufällig ausgewählt worden. Das 10-seitige Papier ist nicht nur frei erfunden,
sondern auf Basis realer Tatsachen und Trends entwickelt worden, und beschreibt eine offene und mögliche Zukunft.
Das fertige 10-seitige Papier wird als offener Vorschlag für das laufende Werkstatt-Verfahren eingereicht. m/s

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m/s