Donnerstag, 19. Oktober 2017
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PLATOON: Kunst & Commerz im Container

PLATOON Kunsthalle

Militärisch grün-oliv kommt die neue Kunsthalle an der alten Alten Schönhauser Allee 9 daher. Erbaut als zeitweiliges Provisorium aus einfachen, mehrstöckig übereinander gestellten Seetransportcontainern. PLATOON – der Name ist Programm: wie eine militärische Spezialeinheit werden Container abgesetzt – und Gelände besetzt – die Herzen und Köpfe der Menschen sollen erobert werden.

PLATOON Kunsthalle
PLATOON Kunsthalle in der Alten Schönhauser Allee 9

Für die Architektur zeichnet das Berliner Büro Graft verantwortlich. Angetrieben wird die Kunsthalle ganz kommerziell – eine Kommunikationsagentur für Markenkommunikation steht dahinter.

Die „Kunsthalle“ öffnet am kommenden Donnerstag, den 19. Juli 2012 – und erwartet ein illustres sensationshungriges Kunstpublikum.

Das Projekt wurde vom Platoon-Mitbegründer Christoph Frank intensiv vorbereitet. Der Dialog mit Initiativen vor Ort gehört zum Konzept von Platoon, das seit seiner Gründung im Jahr 1999 schon drei Orte belegt hatte. Jedesmal ist das Projekt gewachsen – die Kunsthalle besteht aus insgesamt 34 Containern.

Das Projekt ist global aufgestellt, man spricht die Weltsprache Englisch – die Mühen einer lokalen Übersetzung werden gespart.
In Korea ist PLATOON auch Kreativagentur für ADIDAS – und das ermöglicht üppige „Art Investments“ für das Projekt. Die Ausstellungsräume in Gwang Ju in Seoul befinden sich seit April 2009 in einem Bau aus 28 Containern.

Das PLATOON-Rezept ist denkbar einfach: Man sucht sich Brachen aus – und setzt dort die kulturelle „Container-Intervention“ ab – und inszeniert eine virale Performance mit einer ganzen Stadt.
Die Hoffnung der Investoren bleibt im Hintergrund: man schöpft Ideen, erzeugt den Hintergrund von Werbespots – und gewinnt Käufer für neue Designs. Daneben wird das identitätsstiftende Potential des Ortes für das geplante Markenimage aufgesaugt.

PLATOON ist inzwischen ein internationales Netzwerk, das in Zusammenarbeit mit über 3500 Künstlern Kulturprojekte aus Straßenkunst, Grafikdesign, Mode und Videokunst realisiert wird.

PLATOON Kunsthalle
PLATOON Kunsthalle

In Prenzlauer Berg ist die provisorische Lückenfüllung für zwei Jahre geplant. In dieser Zeit wird es eine endlose Reihe von Aktionen, Performances, Events und Diskussionen geben. Video und Musik werden als Medien eine zentrale Rolle spielen. Die Ästhetik des Augenblicks wird festhalten, für die mediale Vermittlung einfangen – und über Facebook, PR und Werbung in die Welt hinausposaunt.
Die Architekten konzipierten an dieser Stelle für die gesamte Stirnfront der einzelnen Container großzügige Fenster. Besucher stehen vor einer Fensterfront, die sich aus jeweils vier horizontal und drei vertikal angeordneten Glasquadraten zusammensetzt.

Das Innendesign der Platoon Kunsthalle betont den funktionalen Charakter der Container. Eine zweckmäßige Feuertreppe verstärkt den funktionalen Stil – und verbindet Erdgeschoss und die darüber liegenden Geschosse. Graft-Architekten integrierten in den Innenraum einfache Wohnelemente, sprödes Lagerraum-Design. Infotheke und Beistelltische der Sofalounge in der Lobby sind im Stil einer Frachtkiste gehalten. Sofas und Sitzgelegenheiten wirken aus der Ferne wie Pakete, die im Inneren eines Containers auf ihre Verfrachtung warten. Und da Pakete für gewöhnlich nicht dauerhaft lagern, entsteht hier ein Eindruck, als wäre alles nur vorübergehend. Dieses Raumkonzept zieht sich vom Erdgeschoss bis in das dritte Stockwerk.

In der ersten Etage konzipierten die Architekten vier Ateliers für Künstler. In der darüberliegenden Ebene befinden sich die Büroräume der Organisation Platoon und ein Konferenzraum. Highlight des Containerbaus dürfte die dritte Etage sein: Die großzügige Dachterrasse mit dem überdachten Bar- und Restaurantbereich soll zum Austausch mit Nachwuchskünstlern einladen.

Die üppige Facebook-Fotoshow vom ersten Eröffnungs-Event im Juni in Berlin mit Amanda „Fucking“ Palmer & the Grand Theft Orchestra gibt einen ersten ästhetischen Eindruck. Die US-Musikerin, Lyrikerin und Kabarettistin, die ihre internationale Bekanntheit als Mitglied der zweiköpfigen Band The Dresden Doll erlangte – trat im Juni in Berlin auf. Trash, Lack & Leder – dazu Graffiti und Straßenkunst – die perfekte Einstimmung und Eingewöhnung für eine karge Ästhetik urbaner Krisengebiete.

Zwei bis bis drei Events und Veranstaltungen wird es wöchentlich geben. In zwei verglasten Schaufenster-Containern wird es wechselnde Kunstpräsentationen verschiedener Künstler geben.

Als gewerbliches Unternehmen und Kommunikationsagentur spielt PLATOON auf der ganzen Klaviatur moderner Mythen.

Hinter der Kunsthalle gibt es nicht etwa „Kunstwerkstätten oder Ateliers“, sondern „Künstler-Laboratorien“ und eine „Factory“, die sich dem Geist von Andy Warhol verbunden sieht.

Militärisch grün, Kunst als kommerzieller Nährboden – Künstler als Labor-Ratten eines urbanen Art-& Design-Spektakels – so könnten Kunst-Kritiker das Unterfangen auch deuten.

Themen wie Graffiti, Straßenkunst und Gentrifikation stehen auf dem Programm – und sorgen zugleich für eine „Konfrontation“ mit dem Publikum – erzwingen Positionierungen. Die Protest-Kunst wird ganz nebenbei kommerzialisiert.

Die Eröffnung am 19.7.2012 um 19 Uhr wird in der Tradition der legendären PLATOON DONNERSTAGBAR stehen – so steht es als „Selbstzitat“ im Programm. Ein Event, der als Dauer-Format geplant ist. Clever gewählt ist das Motto des ersten „Culture Talk“: Ausverkauf? Die Beziehung zwischen Kultur und Marken! Vorsicht: PLATOON versucht, Gelände, Begriffe und Gehirne zu besetzen!

the program for the first two weeks

july 19th · PLATOON KUNSTHALLE opening
july 20th · Culture Talk: Sellout? the relation of culture and brands
july 23rd · Movie Night: Berlinized – Sexy an Eis
july 25th · Berlin Legends
july 26th · Donnerstagsbar
july 28th · Chessboxing: who is the smartest toughest guy in Berlin

Weitere Informationen:
www.platoon.org

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m/s