Donnerstag, 23. März 2017
Home > Baugeschehen > Provokation & Dialektik zur Wärmedämmung

Provokation & Dialektik zur Wärmedämmung

3. Forum zur Angemessenheit der energetischen Sanierung

Zum „3. Forum über die Angemessenheit energetischen Sanierung“ war der Vortrag von Dipl. Ing. Konrad Fischer mit einiger Spannung erwartet worden. Fischer gehört seit über 30 Jahren zu den hartnäckigsten Gegnern der Wärmedämmung und der durch Industrie und Politik propagierten „energetischen Sanierung“. Mit seinem Architektur- und Ingenieurbüro arbeitet Fischer überaus erfolgreich im Bereich des Denkmalschutzes und zählt zu den anerkannten Vertretern des regionalen Bauens.

Fischer ist traditionsbewußt, Naturschützer und BUND-Mitglied und Mitglied in mehreren Heimatvereinen. Er hält seine Verbindungen nach Siebenbürgen, woher seine Mutter stammt. Vom Vater hat Fischer wohl die fränkischen Eigenschaften geerbt, der als ehemaliger Bauamtsmitarbeiter im Landbauamt in Würzburg wohl auch die Liebe des Sohnes zum Baudetail und zum Bauen förderte.

Fischer hat derzeit auch in Berlin zu tun. Er hat vor Jahren den Turm der Marienkirche saniert. Aktuell wird die alte Orangerie am Schloß Schönhausen saniert, „ohne Bauchemie“, wie Fischer betont.

Ein kämpferischer Franke

Fischer ist in über 30 Jahren schon verspottet worden, angefeindet und verunglimpft worden. Er ist noch vom alten Schlag des bundesdeutschen „Diplomingenieurs“, dem Bauen, Statik und Bauphysik in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Zu seinen Vorbildern gehört wohl auch der 1987 verstorbene „Bauschadens-Papst“ Raimund Probst, der in der Deutschen Bauzeitung eindrucksvolle, deftige und von tiefen Humor und bauphysikalischer Analyse geprägte Bauschadens-Kolummnen schrieb. Dessen Spruch „Billig ist teurer als Richtig“ ist in Baukreisen zur Legende geworden – bevor das Bauen in Deutschland zur „Immobilien-Bonanza“ und zur „Spielwiese von Energiepolitikern“ und chemischer Industrie verkam.

Zu letzt wurde Fischer auch gehasst. Die größte Ehre wurde ihm zuteil, als er gefürchtet wurde, und sich die Schlagwellen und Folgewirkungen seiner Argumentationen in Kammern, Verbänden und Medien verdichteten, und die Rede vom „Dämmwahn“ den wichtigen Industrieverband Gesamtverband Dämmstoffindustrie e.V. regelrecht zerlegte.

Die komplette Geschichte vom „Wärmedämmwahn“ und der „Wärmedämm-Lüge“ muss noch geschrieben werden, eine Geschichte, den den VW-Skandal nach Dimension und Umfang noch übertrifft. Fischers Vortrag im Pankower BVV-Saal hat dazu aber nur „Altbekanntes“ und wenig Hintergründe beigetragen.*

Methode: Provokation & Dialektik zur Wärmedämmung

Stadtrat Jens-Holger Kirchner, seit langer Zeit in politischer Verantwortung für Stadtsanierung und „Wärmedämmung“ in Prenzlauer Berg, war so mutig, einen der größten „Dämmkritiker“ einzuladen. Pikanterweise zu einem Zeitpunkt, an dem im „wärmedämmfreundlichen Stammland“ Baden-Württemberg, schwarz-grüne Koalitionsverhandlungen anlaufen. Baden-Württemberg ist auch Heimat der Fraunhofer-Bauphysik-Institute und des Bauchemie-Produzenten BASF und das Epizentrum des Weißen Goldes.

Konrad Fischer hielt sich jedoch mit pikanten Details zurück, und blieb mit seinem Vortrag hinter den Erwartungen zurück. Fischer der schon rund 450 Bauvorhaben kostensicher abgerechnet hat, und gegen einen breiten Wettbewerb große Denkmal-Sanierungen wie das Kloster Banz bestritten hat, hielt sich zurück.

Er beschränkte sich, Fragen aufzuwerfen – mit guten Argumenten, auch mit Grafiken und Bildern unterlegt. Doch in der Frage des Klimawandels berief sich Fischer leider auf „veraltete“ Quellen und fragwürdige Autoren aus dem Lager der „Klimawandel-Leugner“.

Andererseits zeigte Fischer eine Grafik aus einer „in der Versenkung verschwundenen Gewos-Studie“, in der ungedämmte und gedämmte Gebäude praktisch kaum Unterschiede im Gesamtenergieverbrauch aufweisen.

Die Argumente von Fischers Vortrag müssen daher kritisch bewertet und mit modernen Erkenntnissen verglichen werden. Fischers Methode, mit klaren bunten Bildern aus der Bauschadens-Phänomenologie zu provozieren – und auf die Dialektik von aufgeworfenen Fragen zu setzen, erschwert eine Nachberichterstattung.

Leider war Konrad Fischer für direkte Nachfragen nicht verfügbar, da er unmittelbar zu einem Flug nach Japan aufbrach. Das Nachfragen wird sich somit auf Ende April Japan verschieben – die Zusage dazu steht.

3. Forum zur Angemessenheit der energetischen Sanierung
Grafik zum Treibhauseffekt und CO2-Konzentration nach MPI f. Meteorologie (links)
und Dipl.-Biol. Ernst-Georg Beck EIKE

EXKURS: Klimawandel – eine alte Grafik und neue Erkenntnisse

Fischer leitete seinen Vortrag zum Thema „Klimawandel ein, und stützte sich dabei auf fragwürdige Quellen. Die Grafik zur modellhaften Darstellung des von Fischer in Frage gestellten Treibhaus-Effekts war schon auf der Internetseite des Max-Planck-Institut für Meteorologie zu sehen, wurde aber schon vor Jahren depubliziert (alte URL: www.mpimet.mpg.de/uploads/pics/treibhaus_04.gif). Die rechte Grafik stammt vom inzwischen verstorbenen Diplom-Biologen Ernst-Georg Beck vom EIKE e.V..
Das „Europäische Institut für Klima und Energie e.V. (EIKE e.V.)“ ist ein 2007 gegründeter gemeinnütziger Verein, der seine Aufgabe darin sieht, „Klima- und Energiefakten ideologiefrei darzustellen, Kongresse auszurichten und Veröffentlichungen zur Klimaforschung zu verbreiten“., EIKE e.V. ist kein Forschungsinstitut und publiziert nicht in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Es wird von der Fachwelt nicht als seriöses Institut, sondern als klimaskeptische Lobbyorganisation betrachtet (Wikipedia).

Fischer machte sich noch die aus den Jahren 2007/2008 stammenden Thesen zu eigen, die heute überholt sind – und negierte den anthropogenen Klimawandel.

Fischer stellte die eher rhetorische Frage, wie es denn möglich sei, dass bei einem Temperaturunterschied von minus 60 Grad an der „kalten Oberfläche“ (der Tropopause) es unterhalb überhaupt zu einem Treibhauseffekt kommen könne. „Keine Politiker könne ihm das beantworten!“ – Fischer ist leider bei dieser Betrachtung ein derber Fehler unterlaufen, denn die Atmosphären-Physik ist doch sehr viel komplexer, als es der „Oberflächen-Bauphysiker“ hier mit seiner veralteten Grafik annimmt.

Das Wissen der Meteorologen seit 1997

Unstrittig unter Meteorologen: in der Erdatmosphäre bewirken Treibhausgase wie Wasserdampf, Kohlenstoffdioxid, Methan und Ozon seit Bestehen der Erde einen Treibhauseffekt, der entscheidenden Einfluss auf die Klimageschichte der Vergangenheit und das heutige Klima hat. Die Treibhausgase lassen den kurzwelligen Anteil der Sonnenstrahlung durch, langwellige Wärmestrahlung hingegen wird je nach Treibhausgas in unterschiedlichen Wellenlängen absorbieren und emittieren. Die globale Energiebilanz berücksichtigt auch die Rolle von Wolken, Absorption und atmosphärischer Gegenstrahlung, die übrigens dafür sorgt, dass Häuser auch ohne Wärmedämmung im Winter immer wärmer bleiben, als die atmosphärische Mitteltemperatur von ca. 8,2 °Celsius.

Größten Anteil am Treibhauseffekt hat Wasserdampf mit ca. 36–70 % (ohne Berücksichtigung der Wolken-Effekte. Kohlenstoffdioxid in der Erdatmosphäre trägt ca. 9–26 % zum Treibhauseffekt bei, obwohl es in nur 380-420 ppm in der Atmosphäre enthalten ist (Methan ca. 4–9 %, und Ozon ca. 3–7 % (siehe Wikipedia zum Treibhauseffekt). Wie komplex die Energiebilanz der Erde ist, zeigt die nachfolgende Grafik, die seit 1997 auch unseren wissenschaftlichen Bauphysikern bekannt war.

Global Ernergy Budget
Earth’s global energy budget. In: Bulletin of the American Meteorological Society, preprint Kiehl and Trenberth 2009, based on Kiehl and Trenberth 1997

Fischer stellt die richtige Frage

Konrad Fischer plädiert für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur. – Mit seiner etwas ungenauen Darstellung zum Klimawandel leitete Fischer seine Kernfrage ein: „Brauchen wir überhaupt eine Wärmedämmung?“.

Heute führen neuere und bessere Quellen zur gleichen Frage, liefern sogar noch bessere Begründungen. So sollte etwa die Rolle der atmosphärischen Gegenstrahlung bei der Energiebilanz eines Wohngebäudes nicht unterschätzt werden, die beim Modell der ENEV-Energiebedarfsbemessung völlig außer Acht bleibt.

Mehr dazu in der nachfolgenden Beitragsreihe „Wärmedämmlüge und der große ENEV-Betrug #1 – #3“, die mit wissenschaftlich anerkannten Fakten und gerichtsfesten Belegen den wohl größten und längsten Lobby-Skandal in der Geschichte der Bundesrepublik aufklärt, der zu Milliarden Fehlinvestitionen im Wohnungsbau und zu Wohnungsnot führt.

Themenvorschau:

* Wärmedämmlüge und der große ENEV-Betrug #1 – #3
demnächst in der Pankower Allgemeine Zeitung

Save this post as PDF