Donnerstag, 19. Oktober 2017
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Radeln – aber sicher!

Die Aktion zur „Online-Beteiligung zur Radsicherheit in Berlin“ der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt ist erfolgreich. Seit dem Start am 12.11.2013 sind mehr als 4.000 Vorschläge eingegangen. Noch eine Woche lang bis zum 10.12.2013 können Hinweise online abgegeben werden.

Radeln aber sicher! https://radsicherheit.berlin.de

Die Online-Aktion „Radfahren in Berlin Abbiegen? Achtung! Sicher über die Kreuzung“ geht einen in der Verkehrsplanung neuen Weg: Radfahrer werden nach ihren subjektiven Erfahrungen und Empfindungen gefragt, an welchen Kreuzungen und Einmündungsbereichen Konfliktsituationen erlebt werden.

Damit soll der „wissenschaftliche Blick“ der Verkehrsplaner ergänzt werden, die bislang nach scheinbar objektiven Kriterien und Richtlinien bei der Auslegung und Bemessung von Radwegen, Angebotsstreifen, Markierungen und Beschilderungen geplant haben.
In der Tat sind in der Vergangenheit Straßenplanungen weitgehend aus der „Hubschrauberperspektive“ des Planers und aus der „Autofahrer-Perspektive“ der autogerechten Stadt geplant worden.

Die Idee, das sich Stadtplaner und Straßenplaner selbst auf ein Fahrrad setzen, und ihre eigenen Empfindungen „in Situ“ und im Selbstversuch testen, ist wohl noch etwas revolutionär. Nun wird also auf die Intelligenz des Schwarms der RadfahrerInnen gesetzt:

„Sagen Sie uns, wo im Stadtgebiet sich Kreuzungs- und Einmündungsbereiche befinden, an denen Sie häufiger Konfliktsituationen beim Abbiegen erleben oder an denen Sie sich als Radfahrer oder Radfahrerin besonders unsicher fühlen“, lautet die Aufforderung auf der Internetseite.

Quellen des Unsicherheitsgefühls

Die größten Gefahrenquellen lauern an Kreuzungen und Einmündungen, instinktiv scheinen wohl die meisten Radfahrer ein Gespür dafür zu haben.
Rechtsabbiegende LKWs mit Anhänger und Sattelschlepper sind die wohl tödlichste Gefahr, die Radfahrer beim einfachen Geradeausfahren an Ampelkreuzungen bedrohen kann.
Es geht dabei immer um Sekunden und Sekundenbruchteile, in denen etwas für LKW-Fahrer und Radfahrer schief gehen kann. Ein schnellfahrender Radfahrer durchfährt den Blickwinkel des Seitenspiegels in nur 1-2 Sekunden, und schon trifft man sich auf der Fahrbahn. Der Radfahrer wird plötzlich für den Fahrer unsichtbar, weil er sich unterhalb des sichtbaren Bereichs des rechten Seitenfensters des LKWs befindet. In diesem Moment können LKW-Fahrer und Radfahrer nur noch ahnen, was das Richtige ist.
Problematisch wird diese Situation, wenn beide in eine späte Grünphase hinein gefahren sind: plötzlich wird die Fußgänger-Ampel rot, der LKW-Fahrer spürt Zeitdruck, und denkt: „jetzt kann eigentlich kein Radler mehr kommen – fährt los, oder weiter“.
Der Radfahrer wiederum versucht sich zu beeilen, um der Rotphase zuvor zu kommen, und in diesem Spannungszustand treffen beide auf der Abbiegespur aufeinander. In diesem Moment kulminiert höchste Gefahr!

Rücksichtslose Rechtsabbieger und die Rotfalle

Doch auch rücksichtslos rechtsabbiegende PKWs sind eine Gefahr. Verbreitet ist die Haltung, Radler zu „klemmen“ oder zu „behindern“, Radfahrstreifen an Ampeln werden einfach eingezwängt, geradeausfahrende Radfahrer werden zum Abbremsen gewungen. Und wenn sie dann neu beschleunigen und in die plötzliche Rot-Phase der Fußgängerampel geraten, schnappt die „Rotfalle“ zu, sie werden wild angehupt.

Weder Radlern noch Verkehrsplanern ist dieser Umstand bislang sonderlich aufgefallen: jede Ampelkreuzung kann in wenigen Sekundenbruchteilen zur Rotfalle werden.
Der Radler, der eine gerade noch grüne Radfahrer Ampel überfährt, und unwillkürlich in die umschaltende Rotphase der Fußgänger gerät, ist in höchster Gefahr.

Keiner der rücksichtslosen Autofahrer kann in diesem Moment nachvollziehen, das der Radfahrer längst eine Ampel passiert hat, und von einer Rot-Phase der Fußgänger-Ampel völlig überrascht wird. Es sind tägliche Sekunden, in denen sich Unmut zwischen Radfahrern und Autofahrern aufbaut, in denen sich beide immer mißverstehen müssen. Ein steter Quell des Unfriedens im Verkehr.

Rotfalle für Radfahrer
So funktioniert die Rotfalle: Fußgängerampel wird rot, Radfahrerampel grün, Abbieger sieht Fußgängerampel, Radler ausser dem Blickwinkel fährt sorglos weiter - Foto: Chris Hübsch, Chemnitz

„Ihr Penner, könnt Euch kein Auto leisten, und fahrt auch noch bei Rot, selber schuld“! – so schrie es ein wutentbrannter Autofahrer aus dem Fenster, als ein unfreiwilliger Rotsünder auf dem Rad vor seiner Motorhaube stoppte und den Stinkefinger zeigte – eine fast typische Sitation, die „Rotfalle“, die eine klassische negative Doppelbindung der Beteiligten und Verkehrsteilnehmer herstellt.

Abhelfen lässt sich dies nur, indem das Überraschungsmoment der roten Fußgängerampel als Ursache erkannt wird. Blinkende gelbe Warnampeln, die Rechtsabbieger warnen, gibt es jedoch selten. Besser wäre ein Vorrang-Ampelschaltung für Radfahrer, die auch Abbieger erkennen können.

Unfallstatistik

Die alljährliche Unfallstatistik zeigt, wo Radfahrer besonders gefährdet sind. Besondere Unfallschwerpunkte in Prenzlauer Berg sind die großen Kreuzungen. Der Straßenzug Danziger Strasse sticht dabei besonders hervor. Große Kreuzungen an der Schönhauser Allee (Pappelallee/Kastanienallee), an der Prenzlauer Allee und Greifswalder Strasse haben alljährlich alljährlich zweistellige Unfallzahlen, die von der Polizei erfasst werden.
Viele kleinere Zusammenstöße und Kratzer bleiben in der Statistik unbemerkt, weil sich die Betroffenen entweder zivil, durch anhupen und anschreien, und anschließendes einvernehmliches „Entfernen vom Unfallort“ einigen, oder verärgert weiterfahren.

In der „Sonderuntersuchung ‚Radfahrerverkehrsunfälle‘ in Berlin 2011“ der Berliner Polizei wuden 7.376 Verkehrsunfälle (VU) mit Radfahrerbeteiligung erfaßt. Dabei wurde ein enormer Anstieg der Verkehrsunfallzahlen gegenüber dem Vorjahr 2010 in Höhe von 19.31% verzeichnet.
Im Jahr 2012 gab es 7.345 Unfälle mit Radfahrerbeteiligung (0,46% Rückgang gegenüber 2011) und insgesamt 15 Tote – ein langjähriger Spitzenwert. Auch die Zahl von 684 schwer verletzten Radfahrern ist erschreckend.

http://michael-hoerz.de/maps/berlin-bike/index.html
Berliner Fahrradunfälle nach Ort - Zahlen der Berliner Polizei für 2011 - von Michael Hörz

Beteiligungsverfahren mit Online-Befragung

Mit der Online-Befragung geht die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt einen neuen Weg, der auch Lerneffekte und das Bewußtsein der radfahrenden VerkehrsteilnehmerInnen anstossen soll.

Christian Gaebler, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt erklärte bei der Einführung am 12.11.2013 „Wir setzen auf ein breites öffentliches, web-basiertes Beteiligungsverfahren, um ein wichtiges Thema gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern zu bearbeiten – Abbiegeunfälle zwischen Kfz und Radfahrenden. Bürgerinnen und Bürger können und sollen mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen aus bekannten und zum Teil täglich mit dem Rad zurückgelegten Wegen in Berlin einen Beitrag zur Erhöhung der Verkehrssicherheit leisten. Wir freuen uns auf eine große Beteiligung der Berliner Radler!“

Ziel ist es, auch ein Abbild von den „Beinahe-Unfällen“ zu bekommen, denn die Verkehrsunfallstatistik erfasst nur ein Teil des Geschehens.
Auch wenn die inzwischen eingereichten 4.383 Vorschläge, 17.040 Bewertungen und 3.275 Kommentare nicht im statistischen Sinne repräsentativ sind, und vorwiegend von einem internet-affinen Publikum stammen, ergibt sich dennoch ein wichtiges Lagebild und ein Ansatz, die Unfallschwerpunkte genauer zu untersuchen.

Strategien gegen Verkehrsunfälle

Mit der Online-Befragung sollen auch Vorschläge aus „Nutzersicht“ gewonnen werden: „Gefragt sind auch konkrete Vorschläge, wie die reale (oder gefühlte) Sicherheit aus ihrer Sicht erhöht werden könnte.“

Dies zeigt, die Verwaltung will selbst dazulernen – ein vernünftiger Ansatz, um einem komplexen Geschehen in einer Stadt auf moderne Weise auf die Spur zu kommen.

Stefan Gelbhaar, verkehrspolitscher Sprecher von Bündnis 90/Grüne der Abgeordnetenhaus-Fraktion aus Pankow, setzt auf „Radstreifen auf den Straßen“ statt der üblichen getrennten Radwege.

Die im Fachjargon „Schutzstreifen“, „Angebotsstreifen“ oder auch „Suggestivstreifen“ genannten Fahrspuren für Fahrradfahrer auf der Fahrbahn sollen die Radfahrer ins Blickfeld der Autofahrer holen, und so die gegenseitige Wahrnehmung und Rücksicht fördern.

Auch ein Umbau von Kreuzungen ist eine sinnvolle Maßnahme, wenn der Fahrradstreifen im Ampelbereich mit der Rechts-Abbiegespur besser verbunden wird, und Radfahrer und Autofahrer und insbesondere LKW-Fahrer sich gegenseitig im Blick haben können.

Doch dieser Umbau kostet viel Zeit und Geld, und schränkt den Parkraum an vielen Hauptstrassen ein. Die Politik müsste sich jeweils mit Autofahrern, Anliegern und Händlern in den betroffenen Strassen anlegen und einigen – ein absehbar mühsamer Prozess.

Beseitigung der Rotfalle als Ausweg?

Ein anderer Weg wurde noch nicht erwogen: die Beseitigung der „Rotfalle“ für Radfahrer und Autofahrer. Denn die abbiegenden Autofahrer orientieren sich vorrangig an der Fußgängerampel. Wenn diese auf Rot schaltet, nehmen sie einfach an, es könne losgefahren werden.

Abhilfe würde eine zweite Radfahrer-Ampel neben jeder Fußgänger-Ampel bieten, die zwei-drei Sekunden verzögert auf Rot schaltet. In Braunschweig und in Marl hat man damit gute Erfahrungen sammeln können.

Eine auf rot schaltende Fußgängerampel würde jeden Radfahrer rechtzeitig zur Bremsbereitschaft warnen. Und die entscheidenden 2-3 Sekunden „grüne Vorrangschaltung“ könnten die „Rotfalle“ vermutlich wirksam ausschliessen. m/s

Weitere Informationen:

Radsicherheit – Radfahren in Berlin

Unfallstatistik 2012

Unfallstatistik 2011

Berliner Fahrradunfälle nach Ort – durchsuchbare Karte 2011

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m/s