Samstag, 18. November 2017
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Richtfeste einfach verschweigen?

Deleted PR

/// Glosse /// Heute wird wieder in die Mailbox und in den Schneckenpost-Kasten geschaut. Drei Typen von Presse-Einladungen sind zu besichtigen:

A) eine Mail einer PR-Agentur mit einer Einladung zu einer opulenten Richtfest-Party,
B) ein Brief mit einer Einladung einer landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft zu einem Richtfest.
C) eine Mail eines Wahlkreis-Büros mit Ankündigung eines Bezirkspolitikers bei einem Richtfest.

Wie soll eine Zeitung damit umgehen?

Der Journalist und Redakteur müsste das Thema und die zu erwartenden Bilder eigentlich interessant finden. Doch welche Information wird angeboten?

Im Fall A zelebriert und inszeniert eine namhafte PR-Agenturn den Investor, zeigt sein Gebäude, seine Vita, sein Projekt – aber die Hauptperson „Architekt“ wird nicht genannt, wichtige Architekturdetails bleiben ungenannt. Es wäre ein aufwändiges Rechercheprojekt, mit Kontaktaufnahme, vor Ort-Termin, Foto nebst Einsatzstunden, dazu Party-Besuch, An- und Abfahrt. 4-8 Redaktionsstunden mit Deckungskostenbeitrag wären aufzuwenden.

Im Fall B geht es ähnlich zu: hier sorgt ein fest bezahltes Team für Unternehmenskommunikation für die frohe Botschaft. Es wird versucht journalistisches Interesse zu wecken. Mittelpunkt steht natürlich die Erwartung, das Investitionsverhalten der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft journalistisch präsentieren und würdigen zu lassen. Eventzelte, Bufett und Hostessen sollen das Vorhaben schmackhaft machen. Immerhin wird der Architekt und eine Gebäudezeichnung mit präsentiert. Rückfragen erlaubt. Aber hier sind zwei bis vier Redaktionsstunden mit Deckungskostenbeitrag aufzuwenden.

Im Fall C wird zu einem Richtfest eingeladen, das bereits durch die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft
angekündigt und eingeladen wurde. Der Politiker möchte sozusagen „draufsatteln“ und auch auf das Foto kommen. Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft tritt zugleich als „PR-Dienstleister“ für den Politiker auf. Es wird unterstellt, das Richtfest müsste nun einen besonderen journalistischen Wert haben.

Deleted-PR
Marketing + PR erzeugen immer mehr Blindleistung. Wie kann die Generation Smartphone erreicht werden?

Was sagt der Controller zum Redakteur?

Wer übernimmt die Kostendeckung für den Honorar-Einsatz? Wieviele Anzeigen wurden schon geschaltet, um ein Engagement zu rechtfertigen? Hat die betreffende Partei oder das Wahlkreisbüro schon eine Anzeige geschaltet – oder ein Politiker-Abo bezahlt?

Sind das die gleichen Politiker, die Mindestlohn und 50% Frauenquote fordern? Sind das die Gleichen, die immer über eine schlechte Presse klagen? Etwa die, die eine digitale Agenda aufgelegt haben, und sogar Bundestags-Gutachten über „Journalismus- und Vielfaltsstärkung“ aufgelegt haben?

Der Controller sagt also „Njet!“ – „Keine Kostendeckung – keine luftbereiften Außendienststunden!“ Keine Richtfeste ohne Aufwandsentschädigung!

Was sagt der Medienökonom?

Der Medienökonom sieht eine „Smart-City-Krise“ heraufziehen: auf Smartphones gibt es praktisch keine Querfinanzierung durch Werbung mehr. Adblocker und Tracker sorgen für stetigen digitalen Kleinkrieg auf den Smartphones.
Reportage und vor-Ort-Recherche lohnen nicht mehr. Freier Journalismus wird nicht bezahlt! Außer es wird ein Sozial- und Integrationsprojekt aufgezogen.

Überdies schwinden die Lesezeiten. Pokémon, Tinder-App, Snap-Chat-Selfie-Karikaturen und Pinterest-Posing fressen die Internet-Informations-Sphäre auf. Katzenbilder, Hundefotos, Unfall-, Brandberichterstattung und Partyeinladungen reichen vermutlich zur Garnierung des durchschnittlichen Großstadtlebens aus.

Werbeanfragen schwinden, eine krisenhafte Lage drückt, eine grundhafte optimistische und lockere Stimmung fehlt inzwischen. Der Trend zum Shitstorm und zur Selbst-Huldigung per Blog verändert die Basis politischer Glaubwürdigkeit und Kultur. Populismus gewinnt – Journalismus verliert.

Das sagt der Verleger!

Wer eine Digitale Agenda auflegt, SmartCity und Smartphone als Innovation begreift – muss auch die Folgen der digitalen Marktwirtschaft bedenken, die offenbar ganz anders als erwartet funktioniert!
Deshalb gilt: wer digital publiziert, und trotz Pokémon, Tinder-App, Snap-Chat, Facebook, Pinterest und Jappy immer noch Leser gewinnt, muss nichts mehr verschenken!

Die absolute Konzentration auf „Kostendeckung“ in allen Redaktionsprozessen zählt! Wer PR-Blindleistung teuer finanziert, muss nicht noch beschenkt werden! Wer Digitalisierung ohne Finanzierung und Mindestlohn denkt – kann auch keine Wirtschaftskompetenz haben.

Wer dazu als Abgeordneter Sachmittel des Wahlkreisbüros für Öffentlichkeitsarbeit zweckentfremdet für Parteizwecke einsetzt, wird zur delikaten „Person of interest“.

Weitere Informationen:

PR-Waste-Basket-Rate | 25.7.2016 | Pankower Allgemeine Zeitung

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m/s