Montag, 20. November 2017
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verstopfend, verzopfend

Saugstark, reißfest –
verstopfend, verzopfend

Fundsache: Textile Reste verstopfen Abwasserrohre

Die Berliner Wasserbetriebe melden ein unterirdisches Umweltproblem, das immer mehr Sorgen macht. Es hat mit dem Hygienestreben, mit der Bequemlichkeit und häuslicher Putzaktivität moderner Großstadtbewohner zu tun. Vlies-Tücher werden in Küchen und Bädern immer allgegenwärtiger. Sie sind so saugstark wie reißfest. Das wird geschätzt – hat aber teure und wirklich eklige Folgen, wenn das Abwasser überstaut.

Fundsache: Textile Reste verstopfen Abwasserrohre
Fundsache: Textile Reste verstopfen Abwasserrohre – Foto: Berliner Wasserbetriebe

Moderner Putztrend – störend für die Abwassertechnik

Die modernen Putztücher für den Haushalt sind bequem und billig. Sie werden auch leicht ersetzt – und viele davon wandern kurzerhand und sorglos ins Klo. Dazu kommen die einst als Luxus gewohnten Klo-Feucht-Papiere für sensiblen Pos, die inzwischen von immer mehr WC-Besuchern benutzt werden.
Nach Gebrauch landen auch diese Klo-Feucht-Papiere gewohnheitsmässig in der Toilette. Weggespült lassen die Hightech-Tücher und Klo-Feucht-Papiere manchmal schon wenige Meter hinter der „Schüssel“ Verstopfungen entstehen.

Anders als zellulosebasierte Toilettenpapiere lösen sich Klo-Feucht-Papiere und Vliestücher nicht im Abwasserstrom auf. Stattdessen „schleichen“ sie am Grund von Abwasserleitungen entlang, bis sie irgendwo hängen bleiben, sich sammeln, und den Abwasserstrom zum Erliegen bringen.

Reinigung im Abwasserpumpwerk Holzmarktstraße
Reinigung im Abwasserpumpwerk Holzmarktstraße: Mit Vollschutz und Hochdruckstrahl – Foto: Berliner Wasserbetriebe

Schwerarbeit für Installateure und Abwasserentsorger

Installateure und Abwasserentsorger schwitzen. Denn die unkaputtbaren Lappen verstopfen Rohre in der Kanalisation und in den Rechenanlagen der Klärwerke. Oder sie verwinden sich zu ober­schenkeldicken Zöpfen, vor denen selbst PS-starke Pumpwerke kapitulieren.

„Unsere Entstörer müssen immer häufiger ausrücken, um blockierte Pumpen und Rechen­anlagen wieder flott zu machen“, sagt Ulrike Franzke, Chefin der Abwasserentsorgung der Berliner Wasserbetriebe. Das sei sowohl für die Wasserbetriebe als auch – wenn es schon im eigenen Hause verstopfe – für die Bürger so teuer wie überflüssig. Mit rund einer Million Euro schlägt die Verstopfungsbeseitigung in Kanälen, Pump- und Klärwerken allein bei den Wasserbetrieben zu Buche, Tendenz steigend.

Das WC ist kein Müllschlucker

„Ein Klosett ist keine Müll­tonne“, so Franzke. Nur menschliche Ausscheidungen, Klo-Papier und Wasser gehören in den Abfluss, alles andere ist Abfall und kein Abwasser – gehört also in die Mülltonne. Besonders ärgerlich sei es, so stellte auch der Kundenbeirat der Wasserbetriebe jüngst fest, dass manche Hersteller ihr Gewirk mit dem Hinweis verpackten, dass eine Entsorgung via WC in Ordnung ginge.

Stephan Natz
Stephan Natz – Pressesprecher der Berliner Wasserbetriebe – Foto: www.bwb.de

Stefan Natz, Pressesprecher der Berliner Wasserbetriebe mahnt: „Tücher im WC sind ganz und gar nicht okay – Feucht-Textil verstopft und verzopft und gehört daher in den Müll!“

Forscher ändern Strömungen und machen Pumpen scharf und intelligent

Neben der Information der Öffentlichkeit rüsten die Wasserbetriebe nun auch technisch auf, um den „textilen Pumpenwürgern“ beizukommen. In Forschungsprojekten mit Fluid­systemdy­namikern von der TU Berlin werden Strömungen in Kanälen und Saugräumen von Pumpen so verändert, dass es die Lumpen und Feuchtpapiere im Abwasserstrom schwerer haben, sich zu verzopfen.

An Pumpen mit Hackmessern wird getüftelt und an solchen, die Blockaden schon im Ansatz erkennen und sich dann auto­matisch mit Laufumkehr oder heftigem Drehzahlwechsel wehren können. So sollen künftig „Pumpen-Infarkte“ verhindert werden.

Im Visier der Kamera: Textile-Vliese & Feuchttücher
Im Visier der Kamera: Textile-Vliese & Feuchttücher als „Corpus delicti“ – Foto: Berliner Wasserbetriebe

Sorglosigkeit von Mietern kann teuer werden

Rohrverstopfungen in den Abwasserleitungen von Wohnhäusern können schnell teure Folgen haben. Abwasserleitungen sind zwar Bestandteil der Mietsache, aber der Vermieter ist nur verpflichtet, die Leitungen außerhalb der Mietsache zu überwachen.
Wird ein Abwasserrohr durch Vliese und Feuchttücher verstopft, kann im Reparaturfall schnell festgestellt werden, ob ein „vertragsgemäßer Gebrauch der Mietsache“ vorlag.
Der moderne Installateur hat im Notfall heute auch die Möglichkeit der „Beweissicherung“ durch Rohrkamera und Digitalkamera.
Der Vermieter kann sich so im Streitfall an den Verursacher und Mieter wenden. Der Mieter ist übrigens auch für seine Gäste und Besucher verantwortlich.

Weitere Informationen:

Berliner Wasserbetriebe – Hintergrundinformationen – Link

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m/s