Sonntag, 24. September 2017
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Scharade um das Pankower Tor

Brache des ehem. Rangierbahnhof Pankow

Das Gelände des ehemaligen Rangierbahnhofs Pankow liegt scheinbar still. Wer vorbeifährt und nur oberflächlich hinschaut denkt: hier tut sich seit Jahren nichts. Doch schaut man sich genauer um, blickt hinter die Kulissen, so tut sich doch etwas.

Brache des ehem. Rangierbahnhof Pankow
Brache des ehem. Rangierbahnhof Pankow

Investor Kurt Krieger schafft mit seiner KGG Grundstücksgesellschaft weitere Tatsachen, und in der Planung werden wichtige Schritte und Entscheidungen vorbereitet. So ist das McDonalds-Restaurant stillgelegt, und wird künftig abgerisssen. Ein Bürogebäude wurde beräumt und soll ebenfalls abgerisssen werden.

Über zwanzig Planentwürfe – öffentliche Schauspiele

Für die Öffentlichkeit stellt sich das Geschehen bei oberflächlicher Betrachtung als „Scharade um das Pankower Tor“ dar. Das Vorhaben ist nun schon fast 15 Jahre lang „in Vorbereitung“. Seit dem Start des Moderationsverfahrens im Jahr 2010, damals noch mit der Firma Aurelis als Grundstücksverkäufer und Prof. Kohlbrenner, sind schon viele Planentwürfe gefertigt worden.

Allein seit 2011 hat die KGG mbH von Kurt Krieger schon 19 verschiedene Entwürfe anfertigen lassen. Der im Jahr 2011 gemeinsam mit dem Ausschuß für Stadtentwicklung am 7.4.2011 verabschiedete gemeinsame Entwurf ist aber offensichtlich auch noch nicht der letzte Planentwurf, denn Kurt Krieger hat sich jüngst im Tagesspiegel erneut trickeich aus diesem Entwurf „verabschiedet“.

Er ließ verlauten, er beabsichtige, den unter Denkmalschutz stehenden Rundlokschuppen zu verlagern: „Damit das Einkaufszentrum unverwechselbar wird, will Krieger den historischen „Rundlokschuppen“ in Heinersdorf als Entree nutzen. Dazu soll der 25 Meter hohe Stahlskelettbau abgebaut, saniert und am Bauplatz des Centers neu aufgestellt werden.“ (TAGESSPIEGEL 8.4.2015).

Das ist bautechnisch jedoch ein „Ding der Unmöglichkeit“ – denn der Rundlokschuppen steht unter Denkmalsschutz, und eine Umverlagerung käme einen „Neubau“ gleich, der nicht mehr nach den technischen Regeln des Jahres 1893, sondern nach neuesten EURONORM Vorschriften für Stahlbauten errichtet werden müßte.

Die letzten Äußerungen von Kurt Krieger gehören offensichtlich zur „Showkulisse“, denn der Plan auf der Internetseite zum Projekt Pankower Tor belässt den Rundlokschuppen an seinem originären Standort. Hinter der Kulisse wird mit harten Bandagen um den wirtschaftlichen Kernaspekt gerungen: Krieger will nicht nur ein Möbelhaus, sondern auch ein 30.000 Quadratmeter-Einkaufszentrum, um eine hohe Kundenfrequenz zu erreichen, die das Gesamtvorhaben wirtschaftlich profitabel machen soll. Konkret hieß das im Jahr 2011: täglich rund 36.000 Fahrzeuge zusätzlich, die die Gesamtfläche des städtebaulichen Vorhabens ansteuern, das sind über 72.000 Fahrzeugbewegungen.

Problematische Stadtentwicklung

Die Fläche des ehemaligen Rangierbahnhofes ist im Berliner Flächennutzungsplan noch als Bahnfläche eingetragen. Zusätzlich ist eine überörtliche Verbindungstraße eingetragen, die zwischen der Kreuzung Prenzlauer Promenade/Rothenbachstraße und der Mühlenstraße verläuft. Diese Straßenverbindung entspricht etwa dem Verlauf der Granitzstraße, doch an der Berliner Straße, genau am Pankower Tor müßte diese wichtige geplante Verkehrsachse die Berliner Straße mit einer mindestens 20 Meter breiten Brücke überqueren, um auf der Freifläche neben den Fernbahngleisen der Stettiner Bahn bis zur Mühlenstraße zu führen.
Diese Planung im „Stadtentwicklungsplan Verkehr“ soll den bis zum Jahr 2030 erwarteten Verkehrszuwachs in Pankow mit aufnehmen helfen.

Doch weder Investor Krieger noch die Pankower Kommunalpolitik wollen diese Straßenverbindung ausbauen, weil die Fläche des Rangierbahnhofes zur „Restfläche“ schrumpfen würde.

Flächennutzungsplanausschnitt
Flächennutzungsplanausschnitt Bereich Pankower Tor
– Grafik: SenStadtUm

In den bisherigen Absimmungen und Moderationsrunden zum Werkstattverfahren Pankower Tor haben sich Investor Kurt Krieger und der Bezirk Pankow darauf geeinigt, eine Grundschule westlich der Berliner Straße und eine Oberschule östlich hinter dem Rundlokschuppen zu planen. Beide Schulen sollen im Wege des Planungswertausgleich als öffentliche Infrastruktur durch den Investor KGG mitfinanziert werden. Die Schulen werden damit zu starken Argumenten, und blockieren gleichzeitig eine mögliche Verkehrs-Lösung mit einer übergeordneten Straßenverbindung zur Mühlenstraße.

Zusätzlich sollen möglichst viele Wohnungen gebaut werden. Investor KGG gibt eine Zahl von 750 Wohnungen an. Jedoch wäre das eine sehr verdichtete Bauweise mit kleinen Wohnungen. Real dürften es wohl nur etwa 600-630 Wohnungen werden, wie es schon im Herbst 2011 vom Vorsitzenden des Stadtentwicklungsauschuß, Roland Schröder (SPD) angedeutet wurde.

Wiederstrebende Anforderungen an den Standort

Das Planverfahren zum Pankower Tor ist nun faktisch von auseinander strebenden Zielen belastet: Investor Krieger will möglichst viel Verkehr auf die Fläche ziehen, um profitabel mit Einkaufszentrum und Möbelhaus zu wirtschaften. Gleichzeitig will Krieger faktisch selbst eine überörtliche „Planstraße Ost-West“ vermeiden.

Da weder der Investor noch die Bezirkspolitik die Genehmigungsfähigkeit freihändig beschliessen können, sondern sich an geltendes Baurecht, stadtplanerische Ziele und „gesunde Lebens- und Arbeitsverhältnisse“ im Sinne des Bau- und Umweltrechtes halten müssen, sind gutachterliche Aussagen notwendig, um Verkehrsplanung und „Zentrenverträglichkeit“ eines möglichen neuen Einkaufszentrum zu beurteilen.
Investor Krieger hat deshalb auch in Abstimmung mit dem Amt für Stadtplanung eine Verkehrsgutachten bei einem neutralen Verkehrsplanungsbüro in München beauftragt, das auf methodisch gesicherter Basis die Verkehrsbelastung und Verkehrsplanung beurteilen sollte. Das Gutachten liegt inzwischen vor, ist aber noch nicht veröffentlicht.

Die Erstellung dieser Gutachten brauchte Zeit, im Prinzip sind zwei Jahre vergangen, in denen erste strittige Verkehrsgutachten und Einzelhandelsgutachten erstellt wurden.

Inzwischen untersucht das Büro Stadt + Handel parallel als übergeordnetes Vorhaben die gesamte Pankower Einzelhandelsstruktur und bereitet eine Fortschreibung des ohnehin notwendigen Pankower Einzelhandels- und Zentrenkonzeptes vor. Dieses wird wichtige rechtlich wirksame Vorgaben auch für den Bereich Pankower Tor enthalten, und Aussagen zum künftigen Flächenbedarf treffen.

Stadtentwicklungsstadtrat Jens-Holger Kirchner (Bündnis 90/Grüne) steht dem zusätzlichen Einkaufszentrum eher skeptisch gegenüber, ebenso die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz, die an der Prenzlauer Promenade lieber ein „Fachmarktzentrum“ sähe, mit definierten „zentrenverträglichen Sortimenten“.

Genehmigungsfähige Planung muss vom Investor kommen

Kirchner sagte vor kurzen in der BVV, es sei unstrittig, das Areal zu entwickeln. „Wir wollen Wohnungen bauen, zwei neue Schulen und der neuen Stadtplatz und auch das Möbelhaus sollen kommen.“ Auch die zusätzliche Straßenbahnlinie soll dazu gehören. Kirchner wies aber darauf hin, dass die Senatsverwaltung bisher die Planungen bezüglich der Planstrasse-Ost-West weiterverfolge. dass man auch über neue, integrierte Verkehrs- und Infrastrukturkonzepte nachdenke. Offensichtlich wurde damit von Kirchner der Ball an die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt gespielt.

Einige Politiker in Pankow drohen nun sogar die Geduld zu verlieren. So forderte etwa der Pankower SPD-Abgeordnete Torsten Schneider einen Bürgerentscheid. In der Forderung nach einem Einkaufszentrum sieht Schneider, ebenso wie Bürgermeister Köhne und SPD-Fraktionsvorsitzende Rona Tietje, eine Mehrheit für das geplante Einkaufszentrum.

Die Scharade und der schwarze Peter

Ingesamt sieht es so aus, als ob zwischen dem Bezirk Pankow und dem Senator für Stadtentwicklung ein Spiel um den „Schwarzen Peter“ gespielt wird. Die Senatsverwaltung ist für die übergeordnete Verkehrsplanung zuständig, und will nicht nur in der Elisabethaue sondern auch in Blankenburg große Wohnungsbauvorhaben vorbereiten können. Dafür werden leistungsfähige Straßen benötigt, die Granitzstraße gehört derzeit definitiv nicht dazu.

Doch Senator Andreas Geisel (SPD) signalisierte nun ein Einlenken, er sagte bereits: „Die bisher geplante Schnellstraße, die das Quartier von Osten nach Westen durchziehen soll, könnte wegfallen, falls dies „gutachterlich“ zu vertreten ist.“

Doch genau hier liegt das Problem: Investor Kurt Krieger muß eine genehmigungsfähige Planung vorlegen, die dem prognostizierten Einwohnerwachstum bis 2030 gerecht wird. Pankow soll danach bis 2030 um über 16,3% auf etwa 437.000 Einwohner wachsen, heute sind es ca. 380.000 Einwohner.

Krieger kennt schon das Ergebnis des Verkehrsgutachtens, hät aber mit den Zahlen bislang zurück. Was passiert, wenn die Münschner Verkehrsgutachter die Zahlen von 2011 bestätigt haben, die bei 36.000 Fahrzeugen und ca. 72.000 Fahrten (hin-zurück) lagen? Kann man den Verkehr täglich geregelt an nur vier Kreuzungen bewältigen?

Die Prenzlauer Promenade ist aktuell täglich im Berufsverkehr überlastet, mit Stau und Rückstau auf der Autobahn. Zudem wird der Autobahnabzweig Pankow womöglich bei einer Überlastung der Abfahrten zum geplanten Einkaufszentrum und Möbelhaus regelmässig zugestaut. In ganz Berlin wird schon heute rund 28% mehr Zeit für Fahrten in der Stadt benötigt, als bei zügiger Fahrt. Abends wird sogar 51% mehr Zeit benötigt (TomTom Traffic Index 2014).

Verkehrsstau in der Granitzstrasse

Hat Krieger nun selbst den schwarzen Peter mit dem Gutachten in der Hand?

Für die Stadtentwicklungspolitik und den Investor Krieger rückt die Stunde der Wahrheit heran, die gutachterlichen Aussagen des Verkehrsgutachtens müssen öffentlich diskutiert werden.
Es wird nicht mehr möglich sein, sich um die Verkehrsprobleme am Pankower Tor populistisch herumzudrücken. Das Gutachten muß veröffentlicht werden, und die „Zentrenverträglichkeit und städtebauliche Paßfähigkeit des Vorhabens“ müssen diskutiert werden.

Wie würden die Pankower wohl abstimmen, wenn man die Frage stellt: „Wollen Sie den totalen Verkehrsstau in Pankow?“.

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m/s

One thought on “Scharade um das Pankower Tor

  1. Ich verfolge seit Jahren die Berichte zu diesem Thema. Die Interessen der Wohnungspolitik, der Verkehrsplanung, der Anwohner und des Investors kollidieren zunehmend miteinander. Dass dies bei diesem Areal so kommen musste war doch abzusehen. Jedes einfache Stadt- und Landschaftsplanungsbüro hätte die wesentlichen Punkte innerhalb einer Stunde niedergeschrieben, was bei der Entwicklung dieses Areal mit diesen Spielteilnehmern zu lösen gilt. Nach dieser Erkenntnis hätte man das Areal dann gar nicht an Herrn Krieger verkaufen dürfen. Was hätte dagegen gesprochen, wenn das Land zwei Schulen ein paar Wohnungen und einen netten Stadtpark in Eigenregie geplant und gebaut hätte ohne Dino-Einkaustempel? Wahrscheinlich nur die Unfähigkeit unserer typischen Berlin-Politik. Großprojekte sind nun mal nicht derer Ding. Aber die kleinen Dinger kriegen Sie leider auch nicht hin. Wenn also für ein notwendiges Stadtentwicklungsvorhaben kein Geld in der Kasse ist, dann können wir gleich alles dem Großkapital überlassen. Und jetzt sind mal wieder alle Kinder in sämtliche Brunnen gefallen. Und ich sehe es schon kommen, dass aus dem Areal ein übles zubetoniertes graues Ghetto wird. Super Aufwertung für Pankow.

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