Donnerstag, 14. Dezember 2017
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Schwabenkäfer in Buttertunke

Blattella germanica - Deutsche Schabe - Schwabenkäfer genannt

Die „Schwaben-Diskussion“ in Prenzlauer Berg ebbt nicht ab. Eine letzte etwas bemühte künstlerische Spaß-Aktion versuchte, eine weitere künstliche Verlängerung: Buchstaben wurden am 7. Februar an die Straßenschilder rund um den Kollwitzplatz geklebt, die Wörther Strasse wurde zum „Wörther Gässle“, das „Kollwitzsträßle“ wurde bei eisiger Kälte heimlich angeklebt. Das satirische Potential der Aktion war dürftig – irgendwie scheint der Schwaben-Aktionismus sich nun totzulaufen.

Blattella germanica - Deutsche Schabe - Schwabenkäfer genannt
Blattella germanica – Deutsche Schabe – Schwabenkäfer genannt

Die „Schwaben-Diskussion“ hat tiefere Ursachen, die sich bisher nicht richtig erschlossen haben. Forscht man nach den Ursprüngen so findet sich ein ernster, kulturwissenschaftlich bedeutsamer Hintergrund, der tief und unterschwellig in Volkes Seele kocht. Es lohnt sich, dieser „dunklen Energie“ nachzuspüren, die tieferen Gründe zu erkunden und den historischen Wurzeln für den „Schwabenhass“ nachzuspüren. Der „Schwabenhass“ ist kulturell tief verwurzelt – und überraschenderweise von hygienischen Notwendigkeiten mit geprägt.

Man findet in der Kulturgeschichte Kurioses, Bedeutsames, Tiefgründiges und Wortspiele – die einmal neu an die Obefläche geholt werden müssen – um unsere heutige unscharfe „Befindlichkeit“ neu begreifen zu können.

Man muss lange zurückschauen, und sich mit den kriegerischen Verwerfungen früherer Eroberungskriege, nachfolgender Plünderung, Tod, Verwesung und Hungersnot befassen – die Europa seit dem Mittelalter heimgesucht haben. In diesen Zeiten entstanden volkstümliche Hass- und Schimpfworte – die auch auf die lichtscheuen Vorratsschädlinge namens „Blattella germanica“ übertragen wurden. Blattella germanica ist auch als „Deutsche Schabe“ oder „Schwabenkäfer“ bekannt.

Die Schabe – ein verhasstes Insekt

Seit dem Mittelalter zugewandert aus Afrika, hat sich „Blattella germanica“ nach der Pestwelle mit dem steigenden Wohlstand, mit beheizten Wohnräumen, Bäckereien und Nahrungskammern in ganz Mitteleuropa ausgebreitet. Volkstümlichen Schimpfworte hoben auf die Vorratsschädlinge ab, Ekel und Hass verbanden sich, die Schabe ist eines der meistgehassten Tiere auf dem Planeten. Als Überträger von Milzbrand und Tuberkulose haben diese Tierchen schon viele Menschenleben beendet.

Die Schaben werden auch als Kakerlaken, Küchenschaben, Bäckerschaben oder Küchenkäfer bezeichnet. Daneben gibt es eine Vielzahl an Ausdrücken für diese Tierchen, die regionale Anwendung finden. So bezeichnet der Bayer die Schaben als „Preußen“, der Rheinländer nennt sie „Franzosen“ und der Bade spricht von „Schwaben“, wenn er Schaben meint.
Der Volksmund kannte damals keine wissenschaftliche Bezeichnung, und so gab man den Schaben den Namen der Verursacher von Zerstörung, Tod, Hunger und Krankheit – weil diese synonym deren Zerstörungswerk vollendeten.
Unser Verhältnis zum so genannten Ungeziefer ist daher bis heute belastet bis schwer gestört. Undenkbar wäre es hierzulande, proteinhaltige Heuschrecken und Termiten zu essen. Der kulturell verwurzelte Ekel wird heute im RTL-Dschungelcamp zum medienwirksamen Nervenkitzel umgeprägt, wenn die Akteure sich in Insekten baden – oder gar Schaben verschlingen.

Der Name „Schabe“ kommt (nach Weigand Wb. II. 651) von einem starken Verbum „swerb^n“, was soviel wie „wirbeln, wimmeln“ heißt.
Die Tiere geben mit ihrem Kot Aggregationspheromone ab, Stoffe, welche die Schaben zum Verweilen an diesen Orten anregen, und so große „wimmelnde Ansammlungen“ in den Verstecken anlocken.
Doch die Begriffsbildung „Schwabenkäfer“ hat noch andere Wurzeln. In Ungarn wurden die zugewanderten „Bannater Schwaben“, bekannt auch als Donauschwaben, von der verdrängten Bevölkerung verächtlich als „Schwabenkäfer“ bezeichnet – wobei das Wortspiel „Schwabe“ die „Deutschen“ meint.

Schwabenkäfer vollenden das Werk des Feindes

Auch in der Schweiz ist das Wort „Schwabenkäfer“ für „Blattella germanica“ bis heute gebräuchlich. Der Ursprung lässt sich nicht genau darlegen, der „Schwabenkrieg“ 1499 und die danach entstehende Konkurrenz zwischen Eidgenossen und schwäbischen Bund führte zur Entfremdung, in der man sich einander Spottverse andichtete und sich als «Kuhschweizer» bzw. «Sauschwaben» beschimpfte.

Die früheste Quelle verweist auf das 13. Jahrhundert, als die Schwaben unter Graf Philipp von Nassau am Ende des 13. Jahrhunderts bei erneuertem Einfall um Leipzig arge Verheerungen anrichteten.
„Die schwäbische Waffenehre muß aber vielfach durch das gottlose Treiben der schwäbischen Knechte beeinträchtigt worden sein. Die haben sich nicht immer fromm aufgeführt, denn ein Sprichwort aus der Zeit sagt: „Schwaben und Schaben verderben Land und Gewand“ (Wander IV. 406P).

Aus der selben Zeit stammt ein Beispiel, in dem die Schwaben ihrem Namen gar keine Ehre machten, und das dann sprichwörtlich wurde: Von der Schlacht bei Lucka im Jahre 1308 wird berichtet, „da wart also gros mordt, das die Schwaben die Roß ufschniten und krochen dorin; und von denen wart ein Sprichwort als: Es gehet dir nun als den Schwaben vor Luca“; oder: „Es wird dir glücken wie den Schwaben bei Lücken*‘ (Schmäler II. 618 aus Hofmanns Thür.Chron. Höfer, Osterr. Wörterbuch III. 122). Seither wohl nennt man die Schabe vielfach auch Schwabenkäfer, ein Wortspiel, das sich eigentlich von selbst darbot.

Literarisch verarbeitet Peter Rosegger in seinem Werk „Waldheimat. Erzählungen aus der Jugendzeit“ das Thema. Der Waldläuferbursche „Kaunigl“ mit dem Kinderstimmlein erzählte, “ er habe auch schon Schwabenkäfer in Buttertunke gegessen, die seien sehr gut!“ Worauf ihm sein Vater den Rat gab, er solle stille sein – aus Scham über die herrschende Armut und die heimliche Armenspeise.

Bekannt ist auch die Episode aus dem 1597 erstmals erschienenen Schwankroman „Das Lalebuch. Wunderseltsame, abenteuerliche, unerhörte und bisher unbeschriebene Geschichten und Taten der Lalen zu Laleburg“; dessen zweite Ausgabe von 1598 mit dem Titel „Die Schiltbürger“ weltbekannt wurde.

„Die Schildbürger wollten wissen, wie die Seele des Menschen aussehe. Sie steckten darum einen Sterbenden in einen Sack, um dessen Seele zu fangen. Nachdem er verschieden war, durchsuchten sie den Sack genau und fanden am Boden versteckt einen Schwabenkäfer, der sich zufällig in die Ecke verkrochen hatte. Diesen Käfer hielten sie nun für die Seele des Verstorbenen.“

Schwabenkäfer als Schimpfwort in der Politik

Politisch wurde der „Schwabenkäfer“ zum modernen Kampfbegriff, als Heinrich Köhler den Spruch prägte:“Badener wacht auf ihr Schläfer, sonst frißt euch der Schwabenkäfer“, und gegen die Bildung eines Südwest-Staates „Baden-Württemberg“ agitierte.
Heinrich Franz Köhler (* 29. September 1878 in Karlsruhe; † 6. Februar 1949 ebenda) war deutscher Politiker der Zentrumspartei. 1927 bis 1928 amtierte er im Kabinett Marx als Reichsminister der Finanzen. Bis 1932 saß er im Reichstag. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wurde er inhaftiert und trat 1945 in die CDU ein.
Köhler war nach 1945 zunächst Anhänger der Wiederherstellung der alten Länder Baden und Württemberg, seit 1948 hingegen leidenschaftlicher Vertreter des Zusammenschlusses der durch die Besatzungsmächte geteilten baden-württembergischen Gebiete und der Pfalz zu einem Südweststaat und gilt heute als einer der Ahnherren des Südweststaats Baden-Württemberg.

Das Schwabenpulver
Seit dem Mittelalter hat der Mensch versucht, den Schaben mit Gift nachzustellen. Da die Schaben sich auch an Mehl, Brot und Leder gütlich tun, lage es nahe, sich ähnlicher Mittel zu bedienen, die mit Giften durchsetzt wurden.

Mit der Entwicklung von Chemie und Pharmazie wurden auch Gifte gegen die Hausschädlinge entwickelt – und das arsenikhaltige „Schwabenpulver“ gehört seit langer Zeit zu den Standardmitteln der Schädlingsbekämpfer.
Der bayrische Apotheker Alois Sterler verweist 1818 auf eine kurfürstliche Verordnung von 1794, die den Gifthandel beschränkte, weil in München „Schwabenpulver ungescheut in Paketen zu 15 Kr. mittels Anschlag angeboten wurde.“

Hinweise finden sich auch bei Johann Friedrich Eusehius Lotz im „Handbuch der Staatswirthschaftslehre, Band 1“, 1837, das auf den „Kalender für den Sächsichen Berg- und Hütttenmann 1830“ hinweist. Dort wird die im Jahr geförderte Menge von 20 Zentnern „Schwabenpulver“ vermeldet. Das arsenhaltige Mineral wurdes im Erzgebirge im Gebiet von Schneeberg gefördert, und ist vorwiegend in kristalliner Form mit Calcit zu ansehnlichen Kristallen gebunden. Die St. Johannes Mine in Wolkenstein bei Marienberg bot das größte Vorkommen des giftigen Minerals.

Seit dem Mittelalter wurden verschiedene Rezepturen gefertigt, die vor Entdeckung des Arsens auf Pulver mit Giftplanzenwirkung bauten, die mit „Tonerde“ und „Milch“ zu teigartigen Brei vermischt wurden. Die wenig wirksamen Pflanzengifte wurden durch das arsenhaltige „Schwabenpulver“ ersetz – das lange das einzige wirksame Mittel war. Mit zunehmenden Kenntnistand in der Chemie fanden auch andere Gifte Verwendung. So wurden etwa Borsäure, Karbolsäure und Citronellöl beigemischt. Als Lockmittel wurde auch Rohrzucker beigemischt. Nach 1910 wurde auch Kieselfluornatrium beigemischt – welches das Schwabenpulver mit schneller Giftwirkung versah – und sich so plötzlich auch für Selbstmörder eignete.

1913 wurde „Reichels Reichels Schwabenpulver“ zu einem Standardmittel der Schädlingsbekämpfer, das in der gleichnamigen Essenzfabrik, chem.-pharm. und kosm. Präparate, in Berlin-Neukölln produziert wurde.

Reichels Schwabenpulver  - Industrie (Getränke), Otto Reichel, Essenzfabrik, chem.-pharm. und kosm. Präparate Berlin-Neukölln
Bild: Reichels Schwabenpulver / Poudre Martial/ stärkstes/ Radikalmittel! Hans Zooszmann Entwerfer

Auch die „Ungeziefer-Vertilgungs- und Desinfektionsanstalt Willy Arendt“ aus der Weissenseer Kronprinzenstrasse bewarb das „Schwabenpulver á Büchse für 1,5 Goldmark“.

Das „Schwabenpulver TANATOL“ der Chemische Fabrik Posen fand ebenso weite Verbreitung – und wurde durch die alte Reklame- oder auch Ereignismarke bekannt, welche seinerzeit für die Werbung benutzt wurde. Die meisten dieser Marken sind von 1900 bis 1918 erschienen und wurden damals fleißig gesammelt.
Der Markenname TANATOL wurde 1924 beim deutschen Patentamt angemeldet – und dort unter der Leitklasse 05 (Ein Schwabenpulver) verzeichnet.

Schwabenpulver TANATOL - Werbemarke
Schwabenpulver TANATOL – Werbemarke

Mit zunehmender Industrialisierung entstanden immer mehr Rezepturen und Marken – die fantasievolle Namen trugen, und mit dem Synonym „Schwaben“ spielten. „Aiwa Schabentod; a. g. Wanzen und Mäuse. Fab. 1,00 Reichsmark“ oder „Antischwabin für 3,00 Rm.“ waren bekannte Mittel. Drastischere Namen waren: „Thomasol Schwaben Puder“ oder „Terror Schwabenpulver“ oder „Poudre Martial „Tod und Teufel“.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts kamem auch Kupferpräparate zum Einsatz – namentlich das als „Schweinfurther Grün“ bezeichnete Kupfer(II)-arsenitacetat – das auch als intensivgrüner Farbstoff eine große Rolle spielte.
Ferner wurden Präparate mit der Bezeichnung „Schwaben-Tod“ angeboten: „Schwabentod Morida“ und „Schwabentod — Russofin“ – das wegen der Natrium Siliciofluorat-Gehalte auch zum Selbstmördergift wurde.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde mit dem Bau von Bürgerhäusern, später den Mietskasernen, eine neue Mode eingeführt: die Schmückung der Wohnungen mit Tapeten. Die Entwicklung von Papiertapeten führte zu giftigen und schädlichen Nebenwirkungen, weil diese mit giftigen Farben bedruckt wurden. Zudem machten sich Schaben gern über die auf organischer Basis hergestellten Leime her – und fraßen sich hinter den Tapeten durch. Die Tapezierer mischten daher bald Schweinfurther Grün (Schwabenpulver) in dem Tapetenkleister – was zu schädlichen Gesundheitswirkungen für die Bewohner führen sollte.

Den Nachweis der giftigen Wirkung von mit Schweinfurter Grün bedruckten Tapeten veröffentlichte erstmals der Merseburger Arzt Carl von Basedow im Jahre 1844. Er zeigte, dass ein bestimmter Pilz (Penicillium brevicaule) aus leimgebundenem Schweinfurter Grün organische Arsenverbindungen freisetzt, die über die Atemluft zu Vergiftungen führen.
1882 wurde Schweinfurter Grün als Farbe in Deutschland verboten, Verbote galten seit 1887 für die Verarbeitung in wässerigen Bindemitteln und in Pastell.
Doch die Handwerker hielten sich nicht an die Verbote – und noch 1894 musste der Berliner Polizeipräsident Freiherr von Richthofen die Berliner Bevölkerung in der Apotheker Zeitung vom 17. Januar 1894 (Nr. 5) warnen.

Die neueste Waffe im Arsenal professineller Schädlingsbekämpfer wird heute in der Südwestalb von der Firma FROHWEIN in Albstadt produziert. Im Produktnamen-Akronym hat sich noch die alte Namensgebung erhalten: die Schwaben schiessen heute mit der SCHWABEX-Gun auf die „Schwabenkäfer“. Die SCHWABEX-Gun dient zur Ausbringung von Bekämpfungsmitteln, die auch in kleinste Fugen und Ritzen gespritzt werden müssen.

Mit dieser ironischen Wendung im modernen „Schwabenkrieg“ wird allen dumpfen Spekulationen der Boden entzogen: die Schwaben selbst tragen ein gewisses Maß Mitverantwortung – wenn aus ihrer landsmanschaftlichen Bezeichnung „Schwaben“ doppelbödige und unterschwellige Vorurteile erwachsen.
Erstaunlich ist dennoch, wie kollektives Unterbewußtsein offensichtlich durch Wortspiele und geschichtliche Erfahrung mitgeprägt wird – und sich durch vergessene Fakten und Zusammenhänge zu fortdauernden unguten Gefühlen verdichten kann.

Der moderne Kampf gegen die „Schwabenkäfer“ wird übrigens in Pankow weitergehen. Das zuständige Ordnungsamt mit der Hygieneaufsicht (BVetLab) und Stadtrat Dr. Kühne stehen an vorderster Front: künftig werden die Lebensmittelkontrolleure mit modernen Tablet-Computern, einer eigens programmierten Software und einem neuen „Smiley-System“ in Gaststätten, Imbissläden, Bäckereien und anderen lebensmittelverarbeitenden Betrieben gegen die possierlich wimmelnden Tierchen ins Feld ziehen. m/s

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m/s