Dienstag, 22. August 2017
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Schwarz-Grün für mehr Kernobst in Pankow

Streuobstwiese in Leuenberg

In der letzten Bezirksverordnetenversammlung im Dezember 2013 wurde wieder eine ellenlange Konsensliste mit Vorschlägen, Prüfaufträgen und Aufträgen an das Bezirksamt verabschiedet. Insgesamt 30 Vorlagen wurden in der Sammelabstimmung verabschiedet. Zwei Anträge fallen dabei auf, weil sie so etwas wie eine politische „Koalition für mehr Kernobst“ erkennen lassen.

Streuobstwiese in Leuenberg
Streuobstwiese in Leuenberg - Foto Knut Nikoleit

Grüne für „Essbaren Bezirk“

Der Antrag 1.44 VII-0594 der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen mit dem Titel „Essbarer Bezirk“ Pankow hat das Ziel, bewußt mehr fruchttragende Pflanzen, insbesondere Obstbäume und Beerensträucher und andere essbare Pflanzen im Stadtgebiet anzupflanzen.

Der Antrag 1.41 VII-0606 der Fraktion der CDU mit dem eher klassischen Titel „Streuobstwiesen in Pankow“ zielt darauf ab, „öffentliche Grünflächen insbesondere in den nördlichen Ortsteilen des Bezirks als Streuobstwiesen“ zu nutzen.

Der Antrag der CDU-Fraktion hat umfangreiche Prüfaufträge zur Folge, die mit den Worten „Das Bezirksamt Pankow von Berlin wird ersucht, zu prüfen …“ eingeleitet werden. Daneben wird das Bezirksamt „ersucht, sich mit Eigentümern von öffentlich zugänglichen Grünflächen in Verbindung zu setzten, um zu eruieren, ob und wie diese als Streuobstwiesen gewidmet/genutzt werden können“. Obendrein wird auch ersucht, der BVV eine Übersicht infrage kommender Grünflächen im Rahmen eines Zwischenberichts vorzulegen.

So ist dieser Antrag geeignet, eine umfangreiche „staatliche Tätigkeit“ zu entfalten, die mindestens eine Auswertung von Luftbildern voraussetzt, eine Katasterabfrage, um Eigentümer zu erfragen, und natürlich auch Kontaktaufnahme mit vielen Eigentümern auf vermutlich Dutzenden von Quadratkilometern. Natürlich wird man auch im Wege der Amtshilfe untereinander Adresslisten von Kitas, Schulen, Landwirten usw. nutzen, wo es geht.

CDU für mehr Streuobstwiesen

Die CDU-Fraktion ist auch ganz offen mit ihrer Begründung:

„Gerade in den nördlichen Ortsteilen des Bezirks gibt es öffentlich(e) (zugängliche) Grünflächen, die wenig oder kaum genutzt werden, weil es ihnen an Attraktivität mangelt bzw. keine ausreichenden Ressourcen zur Verfügung stehen, um für eine angemessene Pflege zu sorgen.“

Natürlich soll Pflege möglichst kein Geld kosten, und dennoch Nutzen bringen, und so wird der bildungspolitische Aspekt eingebracht:

„Diese Flächen könnten in Kooperation mit Schulen, Kitas und lokalen Initiativen einer sinnvollen und nachhaltigen Nutzung zugeführt werden. So wäre es beispielsweise möglich, Patenschaften zwischen Eigentümern und nahe gelegenen Grundschulen herzustellen und so eine gemeinsame Bewirtschaftung zu ermöglichen. Im Ergebnis würden sowohl die Eigentümer, als und insbesondere auch die Kinder durch die verstärkte Bindung zur Natur profitieren.“

Und hier nimmt nun die CDU-Fraktion die Gelegenheit war, auch für mehr Naturschutz zu plädieren:

„Insbesondere dann, wenn auf diesen Flächen Bäume alter Sorten gepflanzt und die Wiesen extensiv gepflegt würden, könnte eine nachhaltige und verträgliche Nutzung dieser Flächen gewährleistet und gleichzeitig wichtige Rückzugsgebiete für wildlebende Tier- und Pflanzenarten [1] geschaffen werden.“

Sogar ein Link zum BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschlands e.V.) wird in dem CDU-Antrag gesetzt – und so bekommt der Antrag doch eine besondere politische Note, dessen Datum nun auch historisch genannt werden darf.

Interkultureller Gemeinschaftsgarten Mauerpark - 23.7.2013
Interkultureller Gemeinschaftsgarten Mauerpark: Der Beginn am 23.7.2013

„Essbarer Bezirk“ und Urban Gardening als Bürgerengagement

Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen stellt sich die Umsetzung der Idee des „essbaren Bezirks“ so vor:

„Dabei soll die BVV gemeinsam mit Fachverbänden, Initiativen und der interessierten Öffentlichkeit erörtern, ob und wie für den Bezirk (vor allem im Innenstadtbereich) ein Konzept der „essbaren Landschaft“ entwickelt werden kann. Dahinter steckt die Absicht, sich bei Neupflanzungen von Bäumen, Sträuchern und anderen Pflanzen bewusst für Obstbäume und Beerensträucher und essbare Pflanzen zu entscheiden. Hierfür soll das Bezirksamt einen öffentlichen Workshop organisieren.“

Kultur, Bildung und Umweltbildung als Motiv

Elisa Pfennig, Sprecherin für Kultur und Weiterbildung erklärte die Initiative:

„Die Stadt Andernach hat es vorgemacht. In unserem Nachbarbezirk Friedrichshain-Kreuzberg wurde die Idee in diesem Frühjahr aufgegriffen und ist bereits in der Umsetzung. Auch in Pankow wollen wir diese besondere Form des Urban Gardenings umsetzen. Wie schön wäre es doch, einfach vor die Haustür zu treten und sich einen Apfel vom Baum zu pflücken, dabei mit der älteren Dame aus dem Haus zu plaudern, die gerade für den Sonntagsapfelkuchen pflückt. Und die Kindern erleben auch gleich, dass Äpfel nicht im Laden wachsen, nicht alle gleich groß, gleich rund oder gleich rot sind – und das alles ohne eigenes Gartengrundstück, mitten in der Stadt!“

Das klingt schon fast ein bischen romantisch, aber es gibt auch in Pankow eine Bewegung für urbanes Gärtnern:

„Seit einigen Jahren setzen sich verstärkt Initiativen für den Nahrungsmittelanbau in den Städten ein. „Urban Gardening“ oder auch „Urban Farming“ bringt je nach Umfang verschiedene Vorteile mit sich: verkürzte Lieferwege für Nahrungsmittel (und damit geringerer CO2-Ausstoß), Verbesserung der Aufenthaltsqualität (ästhetisch, sowie klimatisch), „anfassbare“ und praktizierte Umweltbildung, sowie die verstärkte Einbindung der Nachbarschaft in ihren Kiez und die stärkere Kommunikation untereinander.“

Elisa Pfennig verwies auch auf das bisher Erreichte:

„Es gibt bereits einige Initiativen in unserem Bezirk, z.B. mundraub.org, Freiobst Pankow, Gartenarbeitsschule Pankow, Transition Town Pankow, Grüne Liga Berlin e.V., Workstation Ideenwerkstatt Berlin e.V., mit denen wir die Umsetzung der Idee in Pankow ebenso wie mit der interessierten Öffentlichkeit entwickeln wollen.

Die „größte und älteste Bürgerinitiative für Obstbau“, die in Pankow über tausende Obstbäume verfügt, und große öffentliche Grünflächen für den Obst & Gemüseanbau nutzt, wurde dabei vergessen: Laubenpieper, Datschenbesitzer und der Bezirksverband der Gartenfreunde, der zudem auch über eine Gartenfachberatung verfügt. Ihr Fachwissen wäre eine gute Hilfe, um Natur & Kultur im Obstbau besser zu verstehen,

Natur, Kulturlandschaft und Landbewirtschaftung

Streuobstwiesen sind keine unberührte Natur, sondern Teile der Kulturlandschaft, und im Sinne von Ökologie und Naturschutz eine Form der extensiven Landbewirtschaftung. Obstbäume müssen dabei gehegt und gepflegt werden, und zwischen den Bäumen müssen Langgras- und naturnahe Wiesen auch gemäht werden.
Die größte Streuobstwiese in Brandenburg in Leuenberg wird durch einen Familienbetrieb bewirtschaftet, der Jungbäume auch gegen Wildverbiß schützen muß, und Graß und Heu als Tierfutter nutzt.

In einigen Bundesländern gibt es auch Subventionen zur Pflege von Streuobstwiesen, wie etwa die staatliche Abnahmegarantie für Agraralkohol, weil die Früchte von wenig gepflegten Kulturen eine schlechte Qualität aufweisen, und die Ernte per Hand zu aufwändig wäre.

In jedem Fall sind regelmässige Pflege- und Ernteeinsätze notwendig, und die Streuobstwiesen müssen wenigstens zweimal im Jahr gemäht werden, wofür robuste Langgras-Mäher nötig sind. Auch für das Gras wird eine Verwertung nötig, am Besten als Viehfutter.

Umweltschadstoffe und Obst und Gemüse

Die Euphorie über die Idee wird auch von wissenschaftlicher Seite gedämpft: Wenige Tage vor der 19. BVV-Sitzung wurde am 11.12.2013 eine Studie veröffentlicht, die zu denken gibt: „Obst und Gemüse, das aus einem Stadtgarten stammt, kann mit großen Mengen giftiger Schadstoffe belastet sein. Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Ökologie der TU Berlin, die im Wissenschaftsmagazin „Environmental Pollution“ (165: 124-132) veröffentlicht wurde.

Robert Shaw, Mitbegründer des Berliner Stadtgarten-Projekts Prinzessinnengarten in Kreuzberg hat sich darüber auch schon Gedanken gemacht, der 6000 Quadratmeter große Garten mit Kneipe liegt am verkehrsreichen Moritzplatz: „Wir haben uns ganz zu Beginn mit dieser Frage beschäftigt und uns Informationen eingeholt. Schwermetalle aus dem Straßenverkehr legen sich durch die Luft auf das Gemüse. Deshalb ist es wichtig, das Beet mindestens sieben Meter von der Straße fernzuhalten und dazwischen eine Hecke oder eine Mauer zu bauen, damit die Metalle hängen bleiben.“
Diese werden vorwiegend durch Feinstaub abgelagert – und so sollten geschützte Lagen auch nicht allzu dicht an Autobahnen liegen.

Doch mit CO2-Minderung und Ernährung hat das Projekt nur bedingt etwas zu tun: die gemeinnützige GmbH „Nomadisch-Grün“ hat rund 9 Arbeitsplätze für den Garten, den sich 18 Leute teilen, rund 333 Quadratmeter pro Halbtagsjob. Das ist „intensive Landbewirtschaftung“, mit extensiven Streuobstwiesen nicht vergleichbar.

Das entspricht in etwa auch der Arbeit, die eine Kleingartenparzelle mit intensiven Obst- und Gemüsebau macht. Zusammen mit vielen Helfern, Freiwilligen und Besuchern handelt es sich daher mehr um eine Art Kneipengarten, der Gärtnern als soziale Aktionsform betreibt.

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Politik, Verwaltungshandeln und Bürgerkommune

Aus Steuerzahlersicht werfen die Initiativen von CDU und Bündnis 90/Grüne allerdings ein paar Fragen auf.

Woher leitet sich der ordnungspolitische Anspruch der „schwarz-grünen Kernobstkoalition“ ab, wenn noch nicht einmal die größte und älteste Bürgerinitiative für Obstbau, die Pankower Gartenfreunde mit in Betracht sind? Hat man schon einmal beobachtet, wieviel Obst in den Kleingärten nicht geerntet wird, weil die Gartenbesitzer inzwischen zu betagt sind?

Wären Gartenpatenschaften und die Begegnung von Jung & Alt ein Alternative? Oder will man jeder neuen jungen Generation ihr eigenes neues Gartenrevier in der Stadt bauen?

Will man vielleicht auch noch den Weg des Landes Brandenburg gehen, und ein „Streuobstwiesenkataster“ aufstellen, wo es doch bereits viele ehrenamtliche Initiativen gibt? Wäre es nicht besser, diese Initiativen direkt zu fördern, statt neue staatliche Planungs- und Organisationstätigkeit zu entfalten?

Wieso sollen auch Mitarbeiter des Bezirksamtes viele, viele teure Arbeitsstunden aufwenden – wenn je gesparter Mitarbeiterstunde ersatzweise auch bis zu vier Obstbäume gepflanzt werden könnten?

Könnte man bei Neubauvorhaben künftig einfach die Grünflächenplanung inspirieren und auch einen Pflanzplan anfordern? Die „Qualität von Bebauungsplänen“ soll schließlich in Pankow künftig auch verbessert werden!

Wäre es vielleicht auch hilfreich, wenn man einen gemeinnützigen Integrationsbetrieb mit den Pflegeaufgaben betraut, der auch Bäume in Ferienzeiten bewässert, Kita-Gärten pflegt und mäht? Es gibt tatsächlich einen Bedarf!

Immerhin gibt es im Botanischen Volkspark Blankenfelde auch ein Anschauungsobjekt im Bezirk, dazu direkte Zahlen der Grün-Berlin-GmbH, wieviel Pflegeaufwand für Obstbauflächen und urbanes Gärten nötig sind. m/s

Weitere Informationen:

[1] BUND: Streuobstwiesen

Naturschutzfond Brandenburg: Förderung für Streuobstwiesen

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m/s