Montag, 21. August 2017
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auf dem Garbáty-Platz

Schwarzgraue Moderne
auf dem Garbáty-Platz

Dienstleistungszentrum Garbátyplatz in der Abendsonne

Der grauschwarze Neubau auf dem Garbáty-Platz am S-Bahnhof Pankow erregt nach wie vor die Gemüter. Besonders bei grauen Himmel wirkt die moderne Architektur düster und bedrückend. Eigentlich sollte der Bau schon im letzten November fertig sein – doch Bauverzögerungen, Kostenüberschreitungen und die Witterung machten einen Strich durch den Zeitplan. Die Merz-Objektbau GmbH & Co. KG aus dem schwäbischen Aalen hat sich auf dem schwierigen Baugrundstück viele Probleme geschaffen und muss nun die Fassade aufwändig umgestalten.

Dienstleistungszentrum Garbátyplatz in der Abendsonne

Die Vorgeschichte

Der Garbátyplatz in Pankow war lange Zeit unbebaut. Auf dem Areal waren bis 1944 mehrere Läden und eine Gaststätte die durch Bombentreffer zerstört wurden. Nach dem Krieg entstand ein Platz mit Grünflächen, der namenlos blieb.
Der Platz gegenüber dem S- und U-Bahnhof Pankow bildet das Eingangstor in das Pankower Zentrum und ist gleichzeitig ein Verkehrsknotenpunkt. Hier endet die U-Bahnlinie U2; S-Bahn, Straßenbahn und Bus haben hier ihre Haltestellen. Das gegenüberliegende alte Bahnhofsgebäude steht unter Denkmalschutz.“ Ein Neubau an dieser städtebaulich herausragenden Stelle entfaltet in jedem Fall eine prägende Wirkung – und prägt das zukünftige Bild von Alt-Pankow.

Der Platz vor dem U- und S-Bahnhof Pankow erhielt bei der Einweihung des neuen U-Bahnhofes am 16. September 2000 seinen Namen „Garbátyplatz“. Am 29. Juni 2002 wurde zu Ehren von Josef Garbáty auf dem Garbátyplatz das Denkzeichen der Künstlerin Susanne Ahner eingeweiht. Seit dem 23. August 2003 weist auch eine Bodenplatte in Textform auf Josef Garbáty hin.

Garbáty Denkzeichen von Susanne Ahner Garbáty Denkzeichen von Susanne Ahner – Foto: Jochen Jansen – 4.9.2008 GNU Free Documentation License

Das Grundstück gehörte dem Land Berlin. Es ging an den Liegenschaftsfonds über, der es mehrfach zum Verkauf anbot. 2008 kaufte die Merz Objektbau GmbH das Areal. Der schwierige Baugrund mit hohen Grundwasser und morastiger Beschaffenheit stellte für die Gründung eine echte Herausforderung dar, weil hier nur eine Pfahlgründung und ein Verzicht auf Kellergeschosse möglich war. Die Merz Objektbau GmbH & Co. KG hatte das Grundstück in Kenntnis dieser Beschaffenheit erworben und wußte um die Notwendigkeit, den verlängerten U-Bahn-Tunnel durch eine „Brückenkonstruktion“ überbauen zu müssen.

Die Bauplanung

Der Architektur-Entwurf stammt von „merz architekten“ und ihrem Unternehmen „merz objektbau“. Regional und überregional haben sie sich mit ihrer Architektur einen Namen gemacht. „Diese besticht durch klare Linien und eine charakteristische Formensprache, die bei aller Gestaltungsqualität ihr besonderes Augenmerk auch auf eine höchst erreichbare Funktionalität und Wirtschaftlichkeit richtet. Die ganzheitliche Architektur schließt natürlich auch technologische Innovationen ein“ – so steht es im Profil der Architekturzeitschrift Detail360°.
Der in der Ostalb geborene Architekt Volker Merz hat eine Vorliebe für dunkle und weiße Fassaden entwickelt. Er setzt auf seinen Architektur-Visualisierungen gerne einen blauen Himmel ein, der einen warmen Kontrast zu seinen geplanten Bauten setzt.

Bei heimatlichen 1.800 Sonnenstunden im Jahr prägt sich bei Architekten ein anderes Farbgefühl aus – als etwa in Berlin, mit nur ca. 1.146 Sonnenstunden. Es scheint daher kein Zufall zu sein: Merz Objektbau wird auch an anderen Stellen in Berlin wegen zu dunkler Fassaden kritisiert. So ist am Spittelmarkt ein MOTEL ONE entstanden. über das der ehemalige Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) heute unglücklich ist.

Und in der Weddinger Müllerstraße droht bei den Müllerhallen ein ähnlicher stadtästhetischer Fall, wie auf dem Garbátyplatz. Auch hier ist „blauer Himmel“ gemalt und ein durch helle Mittagssonne gesetzter „Blink“ auf der Gebäudeecke täuscht über die später realen, tagschattigen Lichtverhältnisse hinweg.

Das Baugrundstück „Garbátyplatz“ und der zu überbauende U-Bahn-Tunnel erzwangen eine dreigliedrige Architektur: zwei Solitärbauten, orientiert am Stadtgrndriß – auf die ein langer Brücken-Riegel gesetzt wird. Dem bislang offenen Platz wurde so eine weitgehend geschlossene Fassaden-Front verliehen. Am nördlichen U-Bahn-Eingang und zwischen den Solitärbauten entsteht eine platzähnliche Situation, auf der auch wieder das GARBÀTY-Denkzeichen aufgestellt werden soll.

Baugenehmigung zwischen Zeichnung, Simulation und Wirklichkeit

Als die Pankower Bezirksverordneten 2010 die Baugenehmigung mit nur einer einzigen Gegenstimme durchwinkten, gab es kaum kritische Stimmen. Man bekannte sich zu dem modernen Bau. Auch im Verein Für Pankow e.V. hatte man sich für das Projekt stark gemacht – und bewunderte die ingenieurtechnische Meisterleistung, die Brückenkonstruktion maßgenau und waagerecht auf die Eckbauten zu verankern.
Man hoffte auf Modernität und wollte den alten Gedanken eines Pankower Zentrums vorantreiben – und hatte auch keine Alternative für das bautechnisch schwierige Grundstück.
Das „Dienstleistungszentrum Garbatyplatz“ mit insgesmt 5.700 m² Fläche weist ca. 2.200 m² Handels-flächen und ca. 3.500m² Flächen für medizinische Nutzung duch Arztpraxen und ein Ärztehaus aus.
Die zwei dreigeschossige Solitäre, werden von einem langgestreckten Brückenbau überspannt, der auf ca. 30 Metern den nödlichen U-Bahn-Eingang überbrückt.
Die merz objektbau hat neben der reinen Entwicklungsleistung auch alle Planungs- und Bauträgerleistungen – in eigenem Namen und auf eigene Rechnung erbracht und über 20 Mio. € investiert.

Entwurf: Dienstleistungszentrum Garbátyplatz - merz objektbau 2009.

Der Entwurf sah auch farbige Fassadenelemente vor – die aber im fertigen Bau „vergessen“ wurden. Stattdessen wurden die Eckbauten gänzlich mit schwarzgrauen Glasfaser-Zement-Platten verkleidet. Die angedeuteten Farbfelder stellten sich als angedeutete Werbeflächen in den Fenstern heraus.

Das fertiggebaute Ergebnis hat nun auch manche Befürworter erschreckt und stößt auf viel Unmut seitens der Pankower Bürger. Als Ende 2011 die Gerüste abgebaut wurden – riefen aufgeregte Bürger im Pankower Bauamt und der Bezirksverordnetenversammlung an. Der „dunkle schwarze Klotz“ wurde überwiegend kritisiert:

Die Solitärbauten erhielten eine bis zum Boden reichende, sockellose Fassade mit schwarzgrauen RIEDEL-Glasfaser-Zement-PLatten aus österreichischer Produktion. Die Platten simulieren eine dunkle Steinfassade, und haben eine robuste und schmutzabweisende Oberfläche.
Auch dies ist ein architektonisches Statement: Merz wendet sich klar gegen die typischen Berliner Bauweise – die durch Stein, Naturstein und Putz, Sockel, vertikale Fassadengliederung und Dachüberstand geprägt sind. Stattdessen scheint die schwarzgraue Lochfassade das aktuelle Modernitätsempfinden des Architekten zu bestimmen.

„Die Fassade fügte sich weder in das Straßenbild der Gebäude an der Florastraße und Berliner Straße ein, noch korrespondiert sie mit dem Bahnhofsgebäude“, kritisierte im Januar 2013 der BVV-Abgeordnete Gregor Kijora (SPD).

Auch Stadtentwicklungsstadtrat Jens-Holger Kirchner (Bündnis90/Grüne) zeigte sich im Januar 2013 nicht begeistert: „So einen schwarzen, schweren Riegel hat Pankow nicht verdient“ und ließ sich die Bauakten des noch vom Amtsvorgänger Dr. Michail Nelken (Die Linke) genehmigten Baus zeigen.

Auf der Webseite von Merz Objektbau wurden zwei Visualisierungen publiziert – die unter blauen Himmel eindrucksvoll bauliche Modernität inszenieren.

"Dienstleistungszentrum Garbatyplatz" - Blick in die Florastrasse - merz objektbau

„Dienstleistungszentrum Garbatyplatz“ – Blick in die Florastrasse – Architekturvisualisierung merz objektbau

"Dienstleistungszentrum Garbatyplatz" - Grunowstr. / Florastr. - merz objektbau

Die Visualisierungen zeigen die moderne Qualität des Bauentwurfs – und nehmen mit den täuschend echten Spiegelungs-Effekten den Betrachter für sich ein: „Handelt es sich hier etwa doch um meisterlich hohe architektonische Baukunst?“

Die schwarzgraue Fassade des fertigen Geschäfts- und Ärztehauses wirkte im „sonnenscheinärmsten Januar seit Beginn der amtlichen Wetteraufzeichnungen“ von Tag zu Tag dräuender. Jeder, der aus dem S- und U-Bahnhof Pankow kommt, fühlte sich von der düsteren Fassade des fertigen Baus bedrückt.

Stadtentwicklungsstadtrat Jens-Holger Kirchner intervenierte sofort und teilte auch gleich öffentlich mit: „Es wurde nicht so gebaut wie beantragt.“ Er bezog sich auf die Bauakte und verwies auf die Intention der Denkmalschützer: „Der gegenüberliegende alte Bahnhof sollte sich in einer transparenten Glasfassade spiegeln. Nur deshalb haben die Denkmalschützer dem Projekt zugestimmt.“

Projektentwickler Christian Trautmann (40) von „Merz Objektbau“ verteidigte sich noch im Januar: „In einer frühen Entwurfs-Phase entstand vielleicht der Eindruck, als ob man durchgucken könnte“. In der Tat kann man bei Betrachtung der Genehmigungszeichnung zu dieser Auffassung gelangen. Architekt Volker Merz riet zum Abwarten, bis der Bau fertig ist – und steht fest zu seinem Entwurf. „Ein Viertel der Fenster wird champagnerfarben und rötlich hinterlegt, sodass in der Dunkelheit eine ganz andere Wirkung entstehen würde.“

Für den Pankower BVV-Abgeordneten Kijora stand aber fest: „das Gebäude kann und wird so nicht angenommen werden. Es fügt sich nicht in das Straßenbild ein.“

Stadtrat Kirchner kannte kein Pardon und leitete sogar ein Bußgeld-Verfahren mit einer Androhung von 50.000 € Bußgeld gegen den Bauherrn ein. Stadtrat Kirchner ließ dazu verlauten:„Allein wirtschaftliche Gründe sind nicht maßgeblich dafür, dass man machen kann, was man will. Außerdem hätten dann Nachträge zur Baugenehmigung gestellt werden müssen.“ Der Stadtrat kritisiert auch das Aussehen an der Rückfront zur Grunowstraße hin. „Dort wäre eine ähnliche Fassade wünschenswert wie am Rest des Gebäudes, meinte Kirchner, „aber da ist nur grauer Putz angebracht worden.“

Der Bußgeld-Bescheid war nicht die einzige Horror-Nachricht für den Bauherren des 20-Mio.-Euro-Baus: Der Grünen-Politiker erließ auch eine Rückbau-Anordnung. „Die schwarzen Platten müssen wieder runter.“ Das kostet den Bauherrn nun sicher eine hohe eine sechsstellige Summe.

Architekt Volker Merz war bis dahin noch guter Hoffnung, und wollte znächst abzuwarten, bis das Gebäude ganz fertiggestellt ist – und wollte auf die Wirkung der Fassade vertrauen. „Eine Beurteilung der städtebaulichen Qualität ist unseres Erachtens erst nach Fertigstellung des gesamten Bauvorhabens sinnvoll“, sagte Merz. Selbstbewußt äußerte er auch: „“Wir sind auch Wettbewerbsarchitekten“, man habe Preise gewonnen. „Wir wissen, was wir machen.“

Auf einem Treffen zwischen Bauherrn und Projektleitung im Februar konnte Stadtrat Kirchner jedoch dem überraschten Bauherrn auch die schriftliche Zusage einer hellen Fasade belegen – und so mußte ein überarbeiteter Entwurf des Brückenbaus und ein Nachtrag zur Baugenehmigung beim Bauamt eingereicht werden.

Die Fassade des Dienstleistungszentrum Garbátyplatz wird künftig entsprechend dem Nachtrag zur Baugenehmigungs eine hellere Ausführung erhalten. Die Fassade muss dazu neu eingerüstet werden und wird den Garbátyplatz erneut in eine Baustelle verwandeln.

Nutzung des Gebäudes
Das Dienstleistungszentrum Garbátyplatz ist inzwischen zu über 90% vermietet. DM Drogeriemarkt und EDEKA – Markte erzielen an diesem Standort bereits Umsatzrekorde. Eine Apotheke zieht noch im Ergeschoß ein.
In den oberen Etagen ziehen Zahnklinik, ein Orthopäde und eine gynäkologische Praxis ein. Außerdem Praxen für Urologie, Physiotherapie, Dermatologie, Kindermedizin und Kieferorthopädie. Auch eine Bewegungsschule mit Ergo- und Logopädie werden eröffnen.
Die Fertigstellung des Gebäudes wird sich nun bis zum Sommer 2013 verzögern – und zusätzlich zu den rund 20 Millionen € Baukosten wird eine beträchtliche Schadenssumme das Baukonto belasten. m/s

Weitere Informationen:

Internetseite des Bauherrn Merz Objektbau GmbH & Co KG

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m/s