Montag, 23. Oktober 2017
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Shoppen Netto mit Abschleppen Brutto

Netto Parkplatz in Karow

/// Glosse /// Pankow wächst, der Autoverkehr nimmt stetig zu. Der Trend zum „One-Stop-Shopping“ hat eine besondere städtebauliche Bauform hervorgebracht: den Supermarkt mit großen angeschlossenen Parkplatz. In Karow findet sich ein Musterexemplar in unmittelbarer Nähe des S-Bahnhofes – und dazu bemerkenswerte Absurditäten unseres Alltags.

Netto Parkplatz in Karow
Netto Parkplatz in Karow

Eigentlich erwartet man hier einen P+R Parkplatz, der Parkplatz ist groß genug – viel zu groß für den Netto-Markendiscount, der mit weißer Front, grauen Giebel und freundlich gelbroten Logo wirbt.

Es ist schon nett gedacht: Einkaufen bei Netto, nette Bedienung, nette Preise – und eine komfortable Abstellmöglichkeit für den PKW.

Doch bei der Benutzung von Parkplätzen von Supermärkten gilt es Acht zu geben. So mancher „Netto-Einkauf“ kann versehentlich mit „Abschleppen-Brutto“ enden.

Netto - Parkplatz in Karow
Netto – Parkplatz in Karow – nette Einladung mit netter Warnung!

Warnschilder sind da, aber …

Gelb-rote Schilder mahnen, den schönen, für den Netto-Markt viel zu großen Parkplatz nicht als P+R-Parkplatz zu mißbrauchen. Natürlich geschieht das in freundlichem, direkten Ton – ohne Umschweife:

„Kostenlos Parken während des Einkaufs (höchstens 2 Stunden)“.

Etwas darunter der etwas weniger freundliche Hinweis: „Widerrechtlich abgestellte Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt“.

Inzwischen setzen Handelskonzerne auf „Outsourcing“ und professionelles „Areal- und Facility-Management“ – und beauftragen Dienstleister mit der Durchführung von „Hausmeisteraufgaben“. Doch mitunter geschehen bei derartigen Beauftragungen wundersame Dinge: die rechte Hand, weiß nicht, was die beauftragte linke Hand tut – vermutlich gilt dies auch umgekehrt.

Auf den viel zu großen Parkplatz muß man schon zweimal hinblicken, um den offensichtlichen Unsinn zu bemerken: in etwa 30 Metern Entfernung prangt ein zweites Schild, diesmal in dienstleistungsfreundlichen, zum Parken einladenden „Blau-Weiß“:

KUNDENPARKPLATZ – für 1 Stunde KOSTENLOS
nur während der Öffnungszeiten

Auch hier folgt der warnende Hinweis: „Mit unberechtigter Nutzung wird ihr Fahrzeug kostenpflichtig umgesetzt“. Danach folgt ein Piktogramm, das zur Benutzung einer Parkscheibe rät.

Netto - Parkplatz in Karow
Netto – Parkplatz in Karow:
gleicher Platz – anderes Schild

Und nun kommt der juristische Holzhammer. Der Dienstleister Becon Service GmbH ist sich seiner Sache offensichtlich sicher, denn „Mit der Benutzung dieses Parkplatz erkennen sie die Bedingungen an“ – Darunter: Widerrechtlich parkende Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt“.

Ein Parkplatz – zwei Parkzeiten – zwei Bedingungen

Für die Parkplatzbenutzer und Netto-Kunden fällt das Dilemma im Alltag kaum auf. Noch niemand hat sich an dem offensichtlichen Unfug mit den Schildern gestört. Außer ein paar Autobesitzern, die schon tatsächlich abgeschleppt wurden, und viel Geld bezahlen mußten, um ihr Fahrzeug wieder in Besitz nehmen zu können.

Je nachdem, vor welchen Schild ein Autobesitzer parkt, sieht man jeweils nur ein gelb-rotes oder ein blau-weißes Schild. Parkt man mit der Fahrzeugfront in westlicher Richtung, so fällt eher das gelb-rote Schild auf. Parkt man umgekehrt, sieht man eher ein blau-weißes Schild. Obendrein: Öffnungszeiten sind nirgends aufgeführt – die Orientierung geben.

Konfliktfall: Umgesetzt – oder abgeschleppt?

Doch was passiert im Konfliktfall? Wurde ein Auto umgesetzt – auf einen Platz in der Nähe? Oder abgeschleppt – in weite Ferne, etwa auf einen Abstellplatz in Marzahn? Hierüber erfahren die potentiellen Netto-Kunden nichts. Auch Bercon gibt keine Auskunft.

Zum Glück gibt es die Bercon-Hotline – ein Anruf, und man kann hoffnungsvoll Auskunft erlangen. Doch ist die Firma überhaupt berechtigt? Schließlich warnt der ADAC vor Abschlepp-Nepp.

Der ADAC warnt sogar: „Es gibt auch Fälle, in denen der Grundstücksberechtigte die Parküberwachungsfirma gar nicht beauftragt hat.“ – Ein Gedanke schießt durch den Kopf: „Was wenn Netto von den blau-weißen Schildern gar nicht informiert ist?“ – Nicht auszudenken! Ist das hier etwa eine professionelle Auto-Abschlepp-Falle?

Die neue Rechtslage

Seit Juli gibt es auch eine neue Rechtslage: der Abzocke wurde durch neue Rechtsprechung des für Rechtsstreitigkeiten über Ansprüche aus Besitz und Eigentum an Grundstücken zuständigen V. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs Einhalt geboten. Es gibt keine Pflicht zur Zahlung unangemessen hoher Abschleppkosten.

Neues Geschäftsmodell für Parkplatzbetreiber?

Doch wie soll sich so ein Arealmanagement für leerstehende Parkplätze nun noch lohnen? Sitzt da jemand mit Fernglas in der Nähe in der Wohnung, und beobachtet die Situation? Gibt es eine Stoppuhr? Sitzen da womöglich sogar zwei Bewacher? Bekommen die auch wirklich Mindestlohn? Sitzt da Einer von Netto – und einer von Bercon?

Wir wissen es nicht, doch die Absurdität des Geschäftsmodells ist augenscheinlich.

Ein Gedanke schießt in den Kopf: „Was wäre, wenn Netto richtig nett wäre, und statt des „Leerstands-Managements“ für den Parkplatzes einen „Kundenbetreuer“ einsetzt, der dabei hilft, die Mobilität und das Einkaufen zu verschönern?

Es gibt so viel Platz für schöne Ideen: ein P+R-Platz, eine Car-Sharing-Station, Call-a-Bike-Fahrradleihe, Stromzapfsäulen – und ein bewachter Kundenparkplatz mit Betreuern, Helfern die leere Einkaufswagen über den weiten Platz zurückchieben …

Der Parkplatz wäre so endlich seinem tieferen Zweck und Nutzen zugeführt:
Nur ein voller Parkplatz ist ein guter Parkplatz!

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