Mittwoch, 18. Oktober 2017
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Sonntag, Kollwitzplatz – gentrifiziert

Kollwitzstraße 66 an einem Sonntag

Sonntag, erster Feriensontag. Es ist ganz auffällig still am Kollwitzplatz. Dort wo noch vor einem Jahr Matthias Liebes Späti „Kollwitz 66“ öffnete, glänzt heute eine Apotheken-Reklame. Liebes verzweifelter Kampf im Späti-Krieg um Sonntagsöffnungszeiten ging verloren. – Auch der Kollwitzplatz hat etwas verloren, denn der Späti schuf ein eigenes Soziotop. Dicht neben dem „BELLUNO“ mit seinem Schankgarten war es ein beliebter Treffpunkt.

Kollwitzstraße 66 an einem Sonntag
Kollwitzstraße 66 an einem Sonntag im Juli 2015

Statt Menschen, offener Türen und belebter Fenster prangen nun Graffitis an heruntergelassenen Jalousien. Der beliebte Frequenzbringer „Kollwitz 66“ fehlt am Kollwitzplatz und reißt tiefe Lücken im Besucherstrom. In den Gaststätten sind die Lücken längst in der Bilanz angekommen. Gentrifizierung, die sich schmerzhaft ins Stadtbild frißt. Das lebendige Flair an dieser Ecke ist plötzlich weg. Viele Gründe fehlen nun, hier vorbei zu schauen.

Die Zeitung am Sonntag, der vergessene Einkauf am Wochenende, Genußmittel – und auch das Kiezgespräch im Laden und auf der Bank vor dem Laden sind Geschichte.

Die Sonn- und Feiertagsruhe hat nun Vorrang am Kollwitzplatz.

Gugelhof am Kollwitzplatz
Gugelhof am Kollwitzplatz

Am Gugelhof ist es auch verdächtig still für einen Sonntagnachmittag. THE BEAT OF BERLIN ist nur noch ein dumpfes Pochen. Das Plakat der Blue Man Group an der Litfaßsäule lockt zum Potdamer Platz.

Mi Amore - Kollwitz- Ecke Knaackstraße
Mi Amore – Kollwitz- Ecke Knaackstraße

Blau ist auch das Haus an der Ecke gegenüber. Kollwitzstraße Ecke Knaackstraße. Die Internetseite des Restaurant & Steakhaus Mi Amore zeigt noch die alte ockergelbe Farbe an. Die taubenblaue neue Fassadenfarbe bezeugt kiezfremden Gestaltungswillen. Die seit über hundert jahren gültigen Fassadenkonventionen in Prenzlauer Berg sind außer Kraft gesetzt. Ein außen an der Fassade quergehängte Stromkabel kündet von Improvisationsvermögen.

Auch hier ruht der Vorgarten verdächtig still – Urlaubszeit – erster Sonntag der Feriensaison. Ein paar versprengte Touristen schleichen um das Eck. Wo ist hier etwas los? – „Das ist hier der Kollwitzplatz? – ich dachte hier wäre mehr los!“

„Wo ist denn mehr los?“ – der Weg zur Kulturbrauerei ist nicht weit. Hier gibt es jetzt immer Sonntags einen Street Food Markt.

Street Food Markt Kulturbrauerei
Street Food Markt Kulturbrauerei

Doch es war schon später Nachmittag. 17:21 Uhr kündet die Uhr am Palais der Kulturbrauerei – der Höhepunkt des Marktes schon mit der Kaffeezeit vorbei.

Eine Gruppe Afrikaner steht etwas hilflos davor – ihnen fehlt das Geld, das Preisniveau ist für sie zu hoch. Eine seltsame Spannung liegt in der Luft: Street Food zum Greifen nah, und doch fern des Geldbeutels.

Aus einem ruhigen und entspannten Nachmittag wird plötzlich eine nachdenkliche Abendstimmung.

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m/s