Sonntag, 24. September 2017
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Soziale Ungleichheit & Abstieg

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Die soziale Ungleichheit wächst – die Abstiegsgefahr in der Mittelschicht ist nicht mehr zu übersehen. 50 Jahre nach Ludwig Erhard ist aus einer Gesellschaft des sozialen Aufstiegs eine Gesellschaft des Abstiegs geworden. In einem aktuellen Beitrag in der Frankfurter Allgemeine Zeitung versucht Oliver Nachtwey, Fellow am Institut für Sozialforschung in Frankfurt/M., den Mechanismen der Abstiegsgesellschaft nachzuehen. Nachtwey hat gerade im Suhrkamp-Verlag das Buch „Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“ veröffentlicht.

Soziale Ungleichheit
In der Abstiegsgesellschaft
Oliver Nachtwey | 15.6.2016 | FAZ

„Aus der Gesellschaft des sozialen Aufstiegs ist eine Gesellschaft des Abstiegs, der Prekarität und Polarisierung geworden. Wie konnte das passieren?“

Nachtwey beschreibt die Abstiegskonflikte:

„Gerade in einer Gesellschaft, die sich nach wie vor als Aufstiegsgesellschaft begreift, wachsen normative Verunsicherungen, wenn es in der „Realität“ nicht mehr aufwärts geht. Viele kennen wahrscheinlich aus ihrer Kindheit die Erfahrung, entgegen der Richtung auf einer nach unten fahrenden Rolltreppe nach oben zu laufen. Das geht selten gut, und falls doch, kommt man mit letzter Kraft auf der nächsten Etage an. In der Abstiegsgesellschaft sehen sich viele Menschen dauerhaft auf einer nach unten fahrenden Rolltreppe. Sie müssen nach oben laufen, um ihre Position überhaupt halten zu können.“

Nachtwey sieht auch eine komplexe Bedrohung des Gemeinwesens:

„Für sich selbst radikalisiert man die Tugenden des Bildungsehrgeizes und der Aufstiegsorientierung, Sekundärtugenden wie Pflichtbewusstsein und Disziplin kehren auch in liberale Milieus zurück. Die gesamte Lebensführung dient dem Projekt des Statuserhalts.

Die Statusängste führen mitunter zu ökonomistischen Deutungen, zu negativer Klassifikation und zur Abwertung schwächerer Gruppen, ob Flüchtlinge oder Langzeitarbeitslose. Wo vorher noch eine gewisse Liberalität herrschte, weicht sie nun schematischeren Vorstellungen über Moral, Kultur und Lebensführung. Und deshalb sind soziale Abstiegsprozesse auch eine Bedrohung für das demokratische Gemeinwesen.“

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m/s