Freitag, 18. August 2017
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Starkregen & Sturzfluten – Risiken und Vorsorge

Starkregen in Berlin am 27.7.201639

Der gestrige Starkregen in Berlin brachte im Stadtgebiet stellenweise über 45 Liter Regenwasser je Quadratmeter, die binnen zwei Stunden über dem Stadtgebiet abregneten. Das Regenereignis war außergewöhnlich. Stefan Natz, Pressesprecher der Berliner Wasserbetriebe nannte es sogar „Monsun“. Derartige Regenereignisse werden in der Wasserwirtschaft bisher nur mit einer 50-jährigen Häufigkeit erwartet, wie Natz gegenüber der Berliner Abendschau erklärte.

Starkregen in Berlin am 27.7.201639
Starkregen mit Sturzflut in Berlin am 27.7.201639 – Screenshot RBB Abendschau

In der Sendung wurde mit eindrücklichen Bildern auf das gestrige Unwetter-Geschehen in Berlin eingegangen, das auch schon Vorbote eines laufenden Klimawandels ist, bei dem stärkere Erwärmung und warmfeuchte Luftmassen auch mehr Regenmengen mit sich führen. Das Problem: Trotz Regenradar sind Starkregenereignisse schlecht vorhersehbar, weil sie lokal sehr begrenzt entstehen und überraschend instabil werden und abregnen. Was eben noch ein Wolkenturm war, und sich als Cumulonimbuswolke auftürmte, kann überraschend abkühlen und abregnen und sogar Hagelschlag mitführen.

Stefan Natz in der Berliner Abenschau
Stefan Natz, Pressespecher der Berliner Wasserbetriebe in der Berliner Abenschau am 27.7.2016 – Screenshot RBB

Besonderes Lob verdient der Pankower Stefan Natz: er hat die Problematik und Vorsorge-Thematik in der Berliner Abendschau mit klaren Worten für die Berliner Wasserbetriebe vertreten. In der Mediathek ist der Beitrag noch bis zum 4. August 2016 verfügbar.

Starkregen und Sturzfluten sind anarchistisch

„Starkregen und Sturzfluten sind unvorhersehbar, unregulierbar, ungezügelt und unverhältnismäßig – oder kurz: anarchistisch.“ Das schreibt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in seinem Handbuch für Bür­ger und Kom­mu­nen: „Die unterschätzten Risiken „Starkregen“ und „Sturzfluten“, das Anfang Juni 2016 veröffentlicht wurde.

Das BBK sieht Gefahren für alle Betroffenen: .. „sei es nun der Einzelne, der gerade noch nichtsahnend in der Sommersonne saß, bevor er im nächsten Moment einen Teil seiner Habe im reißenden Ortsbächlein davonschwimmen sieht, oder sei es die Gemeinde, die ebenfalls von den Wassermassen überrascht wird und deren überlastete Infrastruktur auf ein extremes Starkregenereignis nicht in ausreichender Form reagieren kann. Gerade durch die Spontaneität von Starkregen und Sturzflut bergen diese Phänomene besondere und
vor allem vielfältige Gefahrenpotenziale.“

Ein wichtiger Faktor für Gefahren sind die Flächenversiegelung und eine überlastete Wasserkanalisation. Das BBK sieht einen Ursachenkomplex: „So trugen die hohe Versiegelung, das Wegfallen von Rückhalteräumen sowie durch Blätter und Erde verstopfte Abflüsse dazu bei, dass das Naturereignis erhebliche Schäden bewirkt.“

Flutschäden an Häusern
Flutschäden an Häusern: Grafik Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

Schäden durch Starkregen und Sturzfluten

Überflutete Keller, Häuser und Straßen, hochgedrückte Gullydeckel, unterspülte Gleise, Schlammlawinen,
vollgelaufene Autos in Tiefgaragen und Unterführungen, Heizölaustritt, Hagelschäden, Sturmböen und Blitzeinschläge sind die häufigsten Schadensfelder der Unwetterereignisse, die fast immer durch Starkwind, Gewitter und Blitz begleitet werden.

Sehr viele Personenschäden werden durch herabfallende Äste oder Materialen aufgrund von Sturmböen verursacht. Daneben gibt es zahlreiche spezielle und tragische Fälle und Schadensfälle, die verdeutlichen,
wie vielfältig und unberechenbar eine Sturzflut sein kann:

• Tod durch Blitzschlag
• Tod durch Stromschlag (beim Einschalten elektrischer Geräte in einem überfluteten Keller)
• Dacheinsturz durch Wassermassen
• Ertrinken im Keller (meist durch vom Wasser zugedrückte Türen)
• Erdbeben (bei Starkregen dringt Wasser in den Berg ein und „schmiert“ das Gestein)
• Tod durch Erschlagen (bspw. Bäume, Masten)
• Zusammenbruch des Kommunikationsnetzes durch Überlastung
• Tod von (Nutz-)Tieren durch Blitzschlag, umstürzende Bäume, Hagel oder Feuer
• Stromausfall in Notfallzentralen, Krankenhäusern und Altenheimen
• Einschränkungen im Bahn- und Flugverkehr
• Absage von Veranstaltungen (bspw. WM-Fanmeilen, Festivals, Konzerten, Sommerfesten)
• Sachschäden an Autos, LKW´s und Baumaschinen und Infrastruktur
• Überflutete Industrieanlagen und Werksgelände, Brand von Lagern durch Blitzeinwirkung.

Wetterberichte, Vorhersagen und Berichterstattung erfordern Augenmaß

Das BBK gibt noch einen anderen wichtigen Aspekt zu bedenken und warnt vor „Abstumpfungseffekten“:

„Für die Berichterstattung im Notfall gilt es für Journalisten … : Fakten sollten seriös und sachlich dargestellt werden. Aufgrund der oftmals stark sensations- und auflagenorientierten Berichterstattung über Naturkatastrophen muss betont werden, dass eine stetige Übertreibung des Ausmaßes solcher Extremwettereignisse und das künstliche Dramatisieren von außerhalb der Norm liegenden, aber weniger
gefährlichen Wetterlagen auch einen sehr negativen Effekt haben kann.

Denn: Je häufiger dem Bürger ein Extremwetterereignis als Jahrhundertereignis präsentiert wird, umso geringer wird die notwendige Aufmerksamkeit, wenn die Lage wirklich dramatisch werden sollte. Zudem wird die Unterscheidung zwischen einer Extremwetterlage (z. B. Starkregen) und einer schweren Wetterlage (z. B. starker Regen) auf diese Weise aufgehoben, was zur Folge hat, dass jede Wetterlage zu einer extremen wird
und es kein normales Wetter mehr gibt.“

Das BBK wendet sich an alle Medienschaffenden, sie sollten sich stets ihrer Verantwortung bewusst sein und den Fokus auf die seriöse Berichterstattung anstatt auf das schnelle Verbreiten von Dramatik richten!

Vor allem auch Betreiber von lokalen Facebook-Seiten und Blogs sind damit mit angesprochen.

„Eine Bezeichnung, wie Eilmeldung, Breaking News oder Blitznews, untergräbt die Notwendigkeit solcher Berichterstattung im wirklichen Ernstfall und fördert eher das Desinteresse als die Aufmerksamkeit der Bürger. Sowohl Rundfunk als auch Printmedien sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein und diese dem jeweiligen Wetterereignis anpassen. Insbesondere die Berichterstattung im Internet operiert sehr häufig
mit den o. g. Floskeln, was diese Berichte weder informativer noch seriöser macht, sondern vielmehr das Misstrauen in digitale Medien steigert, wenn die Formeln des quick-and-dirty, only-bad-news-is-good-news und übertriebene Panikmache die Nachrichten dominieren.“

Auch unter Sicherheits- und Schutzaspekten und zur Einhaltung von Schutzzielen bedarf es einer redaktionellen Verantwortung, damit unvermeidbare Risiken besser bewältigt werden, und das notwendige „Wissen“ um Gefahrenabwehr und Vorsorge verbreitet wird.

Das vom BBK herausgegeben Handbuch ist besonders Hausbesitzern, Architekten und Investoren nahe zu bringen, denn das Thema Überflutungschutz gehört heute in jede Gebäude- und Entwässerungsplanung. Auch Bezirkspolitiker sollten sich vorbereiten: Künftig wird das Thema auch in der Stadtplanung von großer Bedeutung sein.

Weitere Informationen:

Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe:
Die unterschätzten Risiken „Starkregen“ und „Sturzfluten“
– Ein Hand­buch für Bür­ger und Kom­mu­nen – Download-Link PDF 34 MB

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a/m