Sonntag, 22. Oktober 2017
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auf Risiko-Ruine BER?

Startabbruch Mehdorn
auf Risiko-Ruine BER?

Start von SPRINT auf dem Flughafen BER am 1.5.2013

Hartmut Mehdorn ist im Frühjahr neu ins Amt des Vorsitzendeb der Geschäftsführung der FBB eingetreten – und voller Elan an die Arbeit gegangen. Schon am 1. Mai 2013 wurde das neue Projektmanagement Office (PMO) im Terminal des Flughafens BER in Betrieb genommen. Mit markigen Vorschlägen zog Mehdorn das öffentliche Interesse auf sich. Heute sollte Mehdorns Vorschlag für die schrittweise Inbetriebnahme des Flughafens BER im Aufsichtsrat behandelt und verabschiedet werden.

Start von SPRINT auf dem Flughafen BER am 1.5.2013Foto: Hartmut Mehdorn in der Auftaktveranstaltung zum BER-Beschleunigungsprojekt SPRINT.
Quelle: Günter Wicker / Flughafen Berlin Brandenburg GmbH

„Ab sofort werden alle Prozesse, die für eine zügige Eröffnung des Flughafens notwendig sind, im BER-Terminal gebündelt. Geschäftsleitung und Führungskräfte der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH werden vor Ort gemeinsam mit externen Sachverständigen sowie einer größeren Zahl von Inbetriebnahmemanagern an der zügigen und sicheren Eröffnung des BER arbeiten.“ – so hieß es zu Beginn des Monats Mai in der Presseerklärung der Flughafengesellschaft FBB.

„Nach Angaben der Geschäftsleitung der Flughafengesellschaft soll SPRINT in den nächsten Monaten die bisher erarbeiteten Details der Bestandsaufnahme in Arbeitspakete umsetzen und vor Ort deren bauliche Umsetzung überwachen. Zeitgleich soll mit den Genehmigungsbehörden sowie den Sachverständigen (z. B. TÜV) die Gesamtinbetriebnahme des Flughafens BER geplant und umgesetzt werden. Die integrierte Prozessarbeit in einem Großraum-Campus soll schnelle Entscheidungen, hierarchiefreies Arbeiten, schnelle Überwachung und kurze Reaktionszeiten sowie Transparenz über die noch zu erledigenden Arbeiten schaffen.“

Hartmut Mehdorn, Vorsitzender der Geschäftsführung der FBB: „Ich baue auf den Teamgeist und den Sachverstand der Mannschaft, die wir im Beschleunigungsprogramm SPRINT zusammengezogen haben, und die die volle Unterstützung der Geschäftsleitung unseres Unternehmens hat.“

Mehdorn wurde damit seinem Ruf als Projektmanager durchaus gerecht, auch die dringend erforderliche Neumotivierung der Mannschaft schien ihm zu gelingen.

Vorschlag für eine schrittweise Inbetriebnahme

Hartmut Mehdorns größte Stärken sind zugleich seine größten Schwächen: übersteigertes Effizienzstreben – und dazu Ungeduld. Dies erklärt wohl auch seine Vorliebe für eine abschnittsweise Inbetriebnahme des Flughafens BER, und eine längere Offenhaltung des Fluhafens Tegel.
Ein Vorschlag, auf den er sich wohl einseitig versteifte. Die Öffentlichkeit regagierte darauf gespalten – die Anteilseigner waren „not amused“. Mathias Platzeck verschaffte der Mehdorn-Vorschlag etwas Luft – er äußerte sich dazu vorsichtig und unbestimmt. Klaus Wowereit hielt dagegen und reagierte heute im Aufsichtsart.

Startabbruch auf der Aufsichtsratssitzung

Hartmut Mehdorn mußte angesichts hoher Stillstandskosten unter hohen Druck einen Plan schmieden – und auch eine sinnvolle Strategie für die Beschäftigung der 1.436 Mitarbeiter der FBB GmbH entwickeln – die man nicht monatelang nur mit Analysen und Konzepten bezahlen kann. Mehdorn baute also Tempo und Handlungsfähigkeiten aus – und wollte mit einem schnellen Inbetriebnahmetermin für den Südpier eine motivierende Bedingung schaffen, die der Mannschaft neuen Antrieb verleiht. Mehdorn drückte damit aufs Tempo für einen frühen Start-Termin.
Die drängenden Fragen der Inbetriebnahme des Hauptterminals sollten nicht mehr im Mittelpunkt stehen – und dennoch mit Nachdruck gelöst werden.

Doch es kam anders, als von Mehdorn erhofft wurde. Die Sitzung wurde zum Startabbruch. Das auf Startgeschwindigkeit getrimmte neue Management mußte den Start in eine „phasenweise Flughafeneröffnung“ unvermittelt abbrechen.

Aufsichtsratssitzung ohne Vorsitzenden

Es begann mit einer plötzlichen Absage aufgrund einer Erkrankung. Mathias Platzeck, Vorsitzender des Ausichtsrates der FBB GmbH sagte aufgrund eines eingeklemmten Ischias-Nervs seine Teilnahme an der Sitzung ab.
Der Vorsitz ging an den stellvertretenden Aufsichtsrat Klaus Wowereit – der nun doch wieder den Vorsitz führte, von dem er eigentlich zurückgetreten war.

Wie die Aufsichtsratssitzung im Einzelen verlaufen ist, darüber verlautete nichts nach außen – doch Hartmut Mehdorn muß wohl der Kragen geplatz sein – denn auch er fehlte danach in der Pressekonferenz.

Auf der Pressekonferenz blieb Wowereit in seiner unnachahmlich ruppig-lakonischen Art sparsam mit Worten: „… die Debatte der letzten Tage um eine stufenweise Eröffnung des BER halte er „unnütz“!

Und Wowereit ging noch weiter: Einem verlängerten Betrieb und einem zeitweisen Parallelbetrieb erteilte er eine Absage. Die Erklärung auch wieder kurz, knapp: „Dies sei „weder rechtlich möglich, noch aus ökonomischen Gründen wegen doppelter Kosten vernünftig,“ sagte Wowereit. Auch dürften die Anwohner von Tegel nicht weiter verunsichert werden.

Für Hartmut Mehdorn ist das ein klarer „Startabbruch“, der vom „Tower befohlen“ wurde, dessen Folgen für die gerade neu gestartete Mannschaft der FBB GmbH fatal sind. Viele Mitarbeiter der FBB arbeiten an Aufgaben, die mit „Baufertigstellung und „Inbetriebnanme“ beschrieben sind – und sitzen nun weiter in Startpositionen, ohne ausreichende Aufgaben.

Angesichts hoher laufender Kosten drohen auch die Personalkosten der FBB GmbH aus dem Ruder zu laufen. Weiter verunsicherte Mitarbeiter werden selbst zum Risiko für eine Fertigstellung, indem sie kündigen und ihr Wissen mitnehmen.

Zwischenergebnis

„Der Aufsichtsrat hat heute Frau Heike Fölster als Geschäftsführerin Finanzen für die Flughafen Berlin Brandenburg GmbH bestellt. Damit ist die Geschäftsführung der Flughafengesellschaft komplett. Neben dem Vorsitzenden der Geschäftsführung Hartmut Mehdorn werden der Geschäftsführung Heike Fölster als Geschäftsführerin Finanzen und Horst Amann als Geschäftsführer Technik angehören. Die neue Geschäftsführerin Finanzen Heike Fölster ist 52 Jahre alt. Sie verfügt über breite Erfahrungen im Finanzbereich und arbeitete unter anderem bei der Mobil Oil AG, bei Airbus und der Flughafen Hamburg GmbH. Seit 2008 war sie Finanz-Direktorin beim Germanischen Lloyd SE“ so verlautet heute die gemeinsame Presseerklärung der FBB GmbH, die das Logo BER klammheimlich von der Wanddekoration entfernen ließ.

Wie geht es weiter?

Es ist jetzt genau ein Jahr her, seit die geplante Inbetriebnahme des Fluhafen BER am 8.Mai 2013 abgesagt wurde. Seit dem hat sich nicht viel auf der Baustelle getan. Der neue Technikchef Amann hat seit dem vorwiegend Fleissarbeit geleistet und ein Fehlermanagement aufgebaut. Angesichts des Fehlens der rund 340 gekündigten Fachplaner, Ingenieur und Bauleiter der Generalpalner ist das eine Kärrner-arbeit, die undankbar ist – aber dringend getan werden mußte.

Aber: in der Frage der Brandschutztechnik ist man heute nicht viel weiter. Die als technisches „Gesamtkunstwerk“ geplante Anlage funktioniert bis heute nicht. Der ungesteuerte Rauchabzug ist das größte Problem – wenn es keine regulierte Entrauchung und kontrollierte Luftzufuhr im Brandfall gibt, gibt es auch keine Betriebsgenehmigung für das Terminal.

Die beteiligten Unternehmen Bosch („Nur das Beste vom Besten herstellen“) aus Gerlingen bei Stuttgart und Siemens („Brandschutz für höchste Ansprüche“) aus München weisen jede Mitschuld für das Desaster mit der Brandschutzanlage zurück.

Zudem können die Firmen aufgrund des früheren chaotischen Vertragsmanagements vermutlich nicht in die Haftung und Gewährleistung genommen werden.

Mit jedem weiteren Umbau an der komplexen Anlage verdienen die beiden süddeutschen Unternehmen weiter Geld, ohne in eine „gedschuldeten Erfolg“ ihrer Lieferungen und Bauleistungen eintreten zu müssen. Der Krisengipfel zum Brandschutz im Dezember 2012 verlief deshalb ergebnislos.
Das ist ein High-Tech-Skandal par Excellence – für die beiden renommierten süddeutschen Weltunternehmen – und inzwischen auch für den Standort Deutschland.

Risiko-Ruine BER

Hartmut Mehdorn hatte mit der Teilinbetriebnahme ein Marschziel, um die gesamte Formation der Baubeteiligten weiter in Gang zu halten – und sinnvoll ineinander arbeiten zu lassen.
Dennoch bleibt der „zentrale Engpaß“ bestehen: die Abnahmefähigkeit und dauerhafte Funktionsfähigkeit einer Brandschutztechnik, die im harten Betrieb periodisch neu durch TÜV und Bauaufsicht überprüft werden muss.

Zwar kann man die Anlage einigen Stellen modifizieren und eine ambitionierte geschossübergreifende Entrauchung abschaffen. Stattdessen kann man jedes Stockwerk einzeln entrauchen – so wie das in Kaufhäusern üblich ist.

Aber den Rauch per Rauchkanälen durch die Tiefgeschosse zu leiten – das ist wohl zu viel Technik- und Machbarkeitswahn, entgegen den Gesetzen der Physik.

Ein Umbau kostet viel Zeit und noch viel mehr Geld – und am Ende steht auch wieder ein komplexes System.

Hartmut Mehdorn muss sich nun mit der gebotenen Sorgfalt einem viel grundsätzlicheren Fragenkomplex stellen:

„Ist das Terminal BER eine „Risiko-Ruine“, für die niemand die Fertigstellungsgarantie abgeben kann – wenn es schon die High-Tech-Firmen es nicht tun?

Ist es auch eine „Risiko-Ruine“ für die niemand eine Inbetriebnahme-Garantie abgeben kann?

Und: Ist es auch eine „Risiko-Ruine“, für die niemand (auch eine BER-Geschäftsführung nicht) ein dauerhaft zuverlässige Betriebsgarantie abgeben kann? m/s

Weitere Informationen:

Mehdorns Tabubruch und die “Due Diligence” – Pankower Allgemeine Zeitung vom 13. 03. 2013
http://www.pankower-allgemeine-zeitung.de/Aktuelle-News-Berlin-Pankow//2013/03/13/mehdorns-tabubruch-und-die-due-diligence/

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m/s