Montag, 20. November 2017
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Stimmen zum Brexit

BREXIT: Großbritannien stimmt gegen EU

Großbritannion hat abgestimmt. Bei hoher Wahlbeteiligung von über 70 Prozent stimmten 51,9 Prozent der Wahlberechtigten für einen Austritt des Landes. 48,1 Prozent votierten für einen Verbleib in der EU. Die Entscheidung schockt ganz Europa. Auch in Großbritannien geht nun ein Schock durch das Land, das britische Pfund ist auf einen Tiefstwert abgestürzt. Wettbüros und Finanzinvestoren haben gewaltige Verluste eingefahren, weil sie auf einen Verbleib gewettet haben. Ministerpräsident David Cameron hat schon seinen Rücktritt für Oktober angekündigt. Die Redaktion hat Stimmen zum Brexit gesammelt.

BREXIT: Großbritannien stimmt gegen EU
BREXIT: Großbritannien stimmt gegen EU: 51,9 Prozent der Wahlberechtigten für einen Austritt des Landes. 48,1 Prozent votierten für einen Verbleib

Als erste Politikerin in Berlin hat sich sich Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer zum Brexit geäußert. Sie bedauert die Entscheidung, sieht nun aber wachsende Chancen für Berlin:

„Die Entscheidung für den Brexit bedauere ich sehr, denn die EU ist nicht nur Wirtschaftsgemeinschaft sondern auch Wertegemeinschaft. Großbritannien ist ein wichtiger Handelspartner für Deutschland und Berlin. Allein die Berliner Wirtschaft exportierte im letzten Jahr Waren im Wert von rund 550 Millionen Euro nach Großbritannien, das damit auf Platz 7 der wichtigsten Zielländer für Produkte Made in Berlin stand. Auch wenn der Austritt Großbritanniens aus der EU Jahre dauern kann und damit nicht unmittelbar neue Handelshemmnisse und Zölle einhergehen, werden die Handelsbeziehungen jetzt von Planungsunsicherheit belastet.

Senatorin für Wirtschaft, Technologie & Forschung Cornelia Yzer
Senatorin für Wirtschaft, Technologie & Forschung Cornelia Yzer (CDU)

Umso wichtiger ist es jetzt, den Dialog mit unseren britischen Partnern fortzusetzen. Gleichzeitig sage ich aber auch, London war bislang ein wichtiger Standort für die Europazentralen multinationaler Unternehmen, die auch weiterhin im Kern Europas verankert sein wollen. Bereits in den vergangenen zwei Jahren haben sich rund 50 Unternehmen mit ihren Headquarters in Berlin angesiedelt. Weitere sind willkommen.“

Der Mann der versehentlich Europa opferte

Eva Ladipo, Korrespondentin der WELT in London brachte heute den Kommentar des Tages: „Wie David Cameron versehentlich Europa opferte“ ( 24.06.2016 | WELT ). Ihr vernichtendes Urteil: „David Cameron wird als der Mann in die Geschichte eingehen, der Großbritannien gegen seinen Willen aus der EU geführt hat. Dabei wollte er nur seine Karriere retten. Jetzt steht er vor deren Trümmern.“

Europa selbst ist krank

Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts gibt in seinem Morning Briefing zu bedenken:

„Die europäische Variante des Weltuntergangs wird Wirklichkeit: Großbritannien hat mehrheitlich beschlossen, sich selbst zu schaden. Das Land wird nach Monaten heftigster anti-europäischer Allergie die Europäische Union verlassen.“

Steingart sieht viele Verlierer:

„Auf das Wachstum, auf die Direktinvestitionen, auf den Export und damit auf den eigenen Arbeitsplatz wird sich die heutige Nacht nicht sehr vorteilhaft auswirken.

Die Verlierer sehen allerdings auch aus wie Sie und ich. Die Europäische Union verliert knapp 20 Prozent ihrer Wirtschaftskraft, 13 Prozent ihrer Arbeitnehmer, 10 Prozent ihrer Soldaten. Und auch 31 Prozent der Marktkapitalisierung am Aktienmarkt gehören mit einem Federstrich nicht mehr zum Club. Dem EU-Haushalt ist über Nacht der nach Deutschland und Frankreich drittgrößte Nettozahler abhandengekommen.“

Er mahnt aber auch Reformen an:

„Doch es wäre falsch, die britischen Wähler nun der Unmündigkeit zu bezichtigen. Die Menschen auf der Insel sind nicht dümmer als wir. Oder um es mit Kurt Tucholsky zu sagen: „Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig.“

Wenn man sich im Raumschiff Brüssel einen Restsinn für Wirklichkeit bewahrt hat, müssten heute die Alarmanlagen schrillen. Es wird Zeit für die Erkenntnis, die viele tapfere Vorkämpfer des europäischen Projekts als Zumutung empfinden werden: Nirgends ist man weiter weg von Europa als in Brüssel.

Die EU der Institutionen und Bürokratien, der Hinterzimmer und der schwer durchschaubaren Prozeduren verkörpert nicht die demokratisch verfassten Vereinigten Staaten von Europa, von denen wir einst geträumt haben. Brüssel ist zur Chiffre administrativer Arroganz geworden, nicht nur in Großbritannien. Die EU-Kommission mit ihrem höfischen Gehabe ist dem Feudalismus oft näher, als uns Recht sein kann.“

Steingart legt damit grundsätzlich den Finger in die Wunde:

„Die Unnachgiebigkeit der EU, die auf jede Integrationsleistung der Bürger mit einer neuerlichen Integrationsanforderung reagiert, ist gestern abgewählt worden. Genug ist genug, sagen die Briten. Und wer weiß, was die Deutschen und die Franzosen sagen würden, wenn man sie in gleicher Weise an die Urnen riefe. Der Befund und das Gefühl gleichen sich: Die Gesellschaften vom Mittelmeer bis nach Skandinavien werden einem Homogenisierungsdruck ausgesetzt, dem sie nicht durch größere Folg- und Fügsamkeit, sondern am Ende nur durch Rissbildung entweichen können.“

„Das Unbehagen über die EU hat sich längst europäisiert. Der kranke Mann Europas ist Europa selbst.“

Update mit weiteren Stimmen folgt in Kürze

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