Dienstag, 22. August 2017
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Taxi : Social Engineering
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Taxis in Berlin

Die Taxifahrer haben am Mittwoch nicht nur in Berlin demonstriert. Auch in Lissabon, London, Paris und anderen Städten fanden in Großdemonstrationen der Taxifahrer statt. An der Sternfahrt zum Olympischen Platz in Berlin haben ca. 1000 Taxifahrer gegen „illegale Personenbeförderer“ demonstriert, die mit Hilfe neuer Apps wie UBER bisherige Marktregeln des Gewerbes unterlaufen.

Taxis in Berlin
Taxis in Berlin – Foto: Pressebild

Taxifahrer sind kampfbereit

Bei der Abschlussveranstaltung am Olympischen Platz wurde die Berliner Ordnungsbehörde aufgefordert, umgehend alle illegalen App-Vermittlungen und entgeltlichen Personenbeförderungen ohne Genehmigung zu verbieten.

„Wir freuen uns, dass sehr viele Kolleginnen und Kollegen an der Demonstration im Interesse der Verbraucher teilgenommen haben“, sagte Uwe Gawehn vom Vorstand der Taxiinnung aus Prenzlauer Berg.
Neben der Innung des Berliner Taxigewerbes e.V und TaxiDeutschland beteiligten sich alle Berliner Gewerbevertretungen an der Taxi-Demonstration. Besondere Unterstützung sicherte auch Michael Müller, Präsident des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbandes (BZP).
Die neue Konkurrenz durch Mobil-Apps wie UBER und Wundercar (Hamburg) bedroht die Taxifahrer in ihrer Existenz, weil sie für das Taxi-Gewerbe hohe Abgaben und Kosten zu tragen haben. Eine um 20% billigere Konkurrenz durch Vermittlung an Laienfahrer wäre das aus für viele reguläre Betriebe.

Social Engineering per App

Das moderne Internet der Dinge bringt für Mobilphones immer neue Ideen und Konzepte hervor, wie Menschen durch digitale Dienste und digital gesteuertes Zusammenwirken zuerst um die Früchte und danach den Lohn ihrer Arbeit gebracht werden können.

Bei UBER handelt es sich um eine der vielen „digitalen Maklertechniken“, die zwischen Produkt und Kunden zwischengeschaltet werden.

Vermeintlich sichere ökonomische Positionen, wie die eines Taxiunternehmens, werden durch digitale Techniken „unterminiert“, sodass die bisherige betriebswirtschaftliche Alleinstellung unhaltbar wird.

Für derartige Techniken wird auch der Begriff der „Social Engineering -Techniken“ verwendet.

Bei UBER handelt es sich um eine Social Engineering Attacke auf „den Taxi-Fahrer“ und „das Taxi“, einer Dienstleistung, die sich als Element einer automobilen Kultur ausgeprägt hat, und nach eigenen Marktregeln organisiert ist.

Märkte funktionieren immer mit Marktregeln

In USA sind durch Investoren über 19 Mrd. Dollar gesammelt worden, um die App UBER weltweit zum Angriff auf das konventionelle Taxigeschäft zu wappnen. Hier handelt es sich um ein aggressives Geschäftsmodell, das ganz praktisch die wirtschaftliche Existenz freier Taxiunternehmen beendet, die Steuern und Abgaben zahlen müssen.

Die bisherigen bürokratischen Marktregeln mit Konzession, Fahrerausbildung und Gewerbeanmeldung sollen nun durch digitale Apps ersetzt werden, bei denen der „Regel-Geber“ nicht mehr in der Straßenverkehrsbehörde, dem Ordnungs- und Gewerbeamt sitzt, sondern in einem kalifornischen oder weltweiten Rechenzentrum.

Die App bringt Menschen, die mit dem Auto unterwegs sind und solche, die eine Fahrt suchen, ganz einfach zueinander. Die App-Betreiber kassieren für die Fahrt-Vermittlung rund 20 Prozent des Fahrpreises.

Kundenzahlen dennoch deutlich weniger als für eine reguläre Fahrt mit dem Taxi. Auf den ersten Blick nutzt den den Kunden, auch den Fahrern, die im Schnitt mehr Geld verdienen, ald die durchschnittlich 6,50 Euro pro Stunde, dieTaxifahrer laut Deutschem Taxiverband verdienen.

Internet der Dinge wird zur Gefahr

Das Smartphone gibt dem Kunden heute viel Rechenleistung und Macht in die Hand. Wenn „digitale Masterminds“ es ausdenken, können heute ganze Berufe, Berufsgruppen ihre wirtschaftliche Grundlage über Nach einbüßen.

Techniken wie „mobiler Preisvergleich“ und „mobiler Einkauf“ können praktisch ganze Innenstädte in „Ausstellungsgelände“ verwandeln, in an denen das Geschäft vorbeiläuft.

Es ist ganz einfach: Der Kunde nimmt sein Smartphone, bummelt durch Kaufhäuser und Läden, lässt sich beraten, kauft aber per App und lässt sich direkt online nach Hause beliefern.
Die Händler und Kaufhäuser bleiben auf der Strecke: sie zahlen Miete und halten Warenlager vor, tragen Kosten und müssen schon bald aufgeben, wenn das mobile Einkaufen zur Massenbewegung wird.

Wird das Internet der Dinge zur großen sozialen Bedrohung?

Die neuen Apps und andere Internet-Technologien können unsere gesamte Kultur, unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft auf den Kopf stellen. Es wird nicht mehr lange dauern, und es wird möglich sein, einfach über Nacht alle Strukturen in Frage zu stellen.

Es wird aber eine Zeit brauchen, bis man begreift: sozial konfigurierte Märkte mit Marktregeln benötigen auch „sozialtechnische Mindesstandards“ für einen fairen Wettbewerb.

Wenn „Socialengineers“ und „digitale Masterminds“ die ökonomischen Lebensgrundlagen von Menschen aushöhlen, unterminieren – und als praktische Folge Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit hervorrufen – dann muß dem unbedingt Einhalt geboten werden!

Vor allem jene Konzerne, die das Kapital aufgrund internationaler Steueroptimierung für derartige Großexperimente sammeln, müssen reguliert werden.

Die spanische Regierung hat schon reagiert, und wird die Angebote der neuen Apps gesetzlich einschränken. Taxifahrer benötigen unsere Solidarität, weil sie die Ersten sind, in einer großen „sozialtechnischen Revolution“, die das Internet und unsere Welt und Zivilisation zerstörerisch umgestaltet. m/s

Weitere Informationen:

www.taxiinnung.org

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