Samstag, 16. Dezember 2017
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im Coffee Shop

Terror der Intimität
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EQUINOX : COMMIT TO SOMETHING

/// Glosse /// – „The Barn Roastery“ in der Schönhauser Allee 8
 steht mal wieder ganz Oben in den Kommentarspalten. Inhaber Ralf Rüller
 hat sich gegen das „allzu öffentliche Stillen“ im Fenster seines Coffee Shops verwahrt. Johanna Spanke, angehende Kunstwissenschaftlerin fühlte sich diskriminiert, weil sie in eine stille Ecke verwiesen werden sollte. Schüller betreibt ein auf bewußten Kaffeegenuss ausgerichteten Coffee-Shop. Ihn interessiert mehr die hochwertig geröste Kaffeebohne und gediegene Espressoqualität – Milch und Sahne sind nur Zutaten.

EQUINOX : COMMIT TO SOMETHING
EQUINOX : COMMIT TO SOMETHING – Foto: Screenshot, Equinox/ Steven Klein *

Sensorisch und ästhetisch ist separat und exklusviv verabreichte Muttermilch für jeden Kaffeeliebhaber ein störendes „Setting“ und „Statement“- Die kulinarische Intention und das Design des heiligen, röstbraunen Ortes werden empfindlich gestört.

Es gibt einen Konflikt zwischen der Kunst, einen Coffee Shop zu führen, und einer Kunstwissenschaftlerin, die ihr Baby ausführt. Philosophien, Lebenstile, Design und Bedürfnisse treffen so in Raum und Zeit zusammen.

Die Mutter fühlte sich ihrer Freiheit beraubt, und startete sogleich eine Petition, und schrieb die „Mutter aller Mütter“ an:

„Sehr geehrte Frau Ministerin Schwesig, wir fordern ein Gesetz zum Schutz des Stillens in der Öffentlichkeit! Mütter sollten in Deutschland das Recht haben, ihre Kinder an öffentlichen Orten, wie Cafés und Restaurants zu stillen, ohne des Ladens verwiesen zu werden!“

Eigentlich ging es nur um einen Coffee-Shop in Prenzlauer Berg, die Petition macht aus dem „persönlichen Anlegen eines Babys“ nun ein „nationales Anliegen“. Aus einem Konflikt um „Lebensart“ und „Lebenskunst“ wird ein Konflikt um die Öffentlichkeit aufgeschäumt:

„Auch stillende Frauen haben das Recht, am öffentlichen Leben teilzunehmen, ohne diskriminiert und beschämt zu werden! In anderen Ländern gibt es bereits Gesetze zum Schutz des Stillens in der Öffentlichkeit, wie etwa in Großbritannien, wo 2010 ein Gleichheitsgesetz verabschiedet wurde, das verbietet, stillende Mütter zu diskriminieren.“

Doch wird Grundlegendes verwechselt: ein Coffee-Shop ist ein privater Raum, der von einer öffentlichen urbanen Sphäre her zugänglich ist. Kulinarik und Gastronomie leben von der „Einladung in den Gastraum“, und dem feinsinnig komponierten Angebot.

Gastronomisches Konzept, kulinarisches Angebot, Design und Setting gestalten das Erlebnis. Der Habitus und dezente Gestus der Gäste tragen mit dazu bei, ein „Genußerlebnis“ zu inszenieren, das den Genuß selbst verstärkt.

„The Barn Roastery“ erzeugt so eine gewünschte, geliebte und notwendige „kulturelle Differenz“ in Prenzlauer Berg, das längst von einer allumfassenden „Mamafizierung“ bedroht ist! Latte macchiato gibt es überall, Mutter-Kind-Cafés sind der Ort, um sich etwas angemessene fürsorgliche Privatheit zu sichern.

Cafés und Coffee Shops nach Art der „The Barn Roastery“ sind eben keine „Wohnzimmervergrößerung“. Stattdessen gilt hier ein ungeschriebenes Gesetz, das uns den gastronomischen Raum mit „Öffentlichkeit“ verwechseln lässt.

Der Terror der Intimität

Richard Sennett hat es schon vor langer Zeit in den siebziger Jahren beschrieben (The fall of Public Man, 1977). In der deutschen Ausgabe lautet der Titel des renommierten Werks „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität.“ Sennett zeichnet darin den Weg zur intimen Gesellschaft nach, in der das Private immer stärker das Öffentliche überlagert. Sennet beklagte später auch den Wandel der Kommunikationskultur: „Die Leidenschaft gehörte (früher) der Sache, dem „es” und nicht dem „ich”. Heute liege die Betonung mehr beim „ich” als beim „es”. – Dies habe in Politik und Gesellschaft schreckliche Folgen, so der Professor an der „London School of Economics“.

In der neuen „sozial-medialen Internetgesellschaft“ prägt sich nun das „Herzeigen-Wollen“ oft stärker aus, als die Angst vor dem Verlust der Privatsphäre. Stillende Mütter versuchen den öffentlichen Raum zu erobern.

Aus einem öffentlichen Café wird einfach ein „privater Ort“ gemacht, ohne Rücksichtnahme. Das „Ich & das Baby“ stehen im Mittelpunkt – die Kaffeehauswelt hat sich danach zu richten!

Der Gastwirt jedoch verteidigt seinen Coffee Shop als öffentlichen Ort! Das ist angesichts zahlenmässiger Übermacht und emphatischer Parteinahme für die Mütter wirklich bewundernswert!

Prenzlauer Berg ist bereits von Mutter-Kind-Cafés übersäht, die privatisierende Gemütlichkeit definiert urbane Räume um.

Sennetts These: Öffentliches Handeln ist stets ein Handeln mit Masken. Wenn diese Masken fehlen, entstehe so etwas wie der „Terror der Intimität”. Der Raum wird umdefiniert, das „sich selbst ausdrücken” ersetzt offene Begegnung und Gespräch.

Sennett lenkt den Blick auf einen kaum mehr wahrnehmbaren Widerspruch: „Nicht die Mutter hat das Recht, in der Öffentlichkeit zu Stillen, die Öffentlichkeit selbst muss vor der (ungefragt) aufgewzungenen Privatheit stillender Mütter geschützt werden!“

Die „undefinierte Öffentlichkeit“ lockt auch ganz andere Zielgruppen, denn sie ist erotisch viel anregender, weil Mann & Frau sich unverfänglich auf Augenhöhe begegnen können. Kaffeehaus-Kultur & „Mutter-Kind-Café-Kultur“ markieren ganz unterschiedliche urbane Sphären!

Kreativer Ausweg einer stillenden Mutter

Für all jene toleranten, respektvollen und kreativen Eltern, die Kaffeehaus-Atmosphäre um keinen Preis missen wollen, sich zurückhaltend bewegen, und auf das Stillen im Café nicht verzichten wollen, hat sich Astrid Wulf als Journalistin in Elternzeit eine Lösung ausgedacht.

Still-Ecke dezent & bequem
Still-Ecke dezent & bequem – Foto: René Münzer www.eyelab-media.de

Astrid Wulf hat ihre Not als stillende Mutter kreativ verarbeitet: „Ich träumte von einem Café mit einer Ecke, speziell eingerichtet für stillende Mütter wie mich. Mit einem Stillkissen, denn ohne kann ich nicht. Ein bisschen blickgeschützt, ich kann nämlich auch nicht, wenn jemand zuguckt. Wenn es dann noch guten Käsekuchen gibt, wäre dieses Café in den ersten Monaten nach der Geburt mein zweites Wohnzimmer geworden, schätze ich. So ist unser zweites Baby geboren. Still-Ecke.de – Ausstatter und Plattform für stillfreundliche Cafés, Restaurants und Läden.

Weitere Informationen:

www.thebarn.de

* Titelfoto aus der Werbekampagne EQUINOX : COMMIT TO SOMETHING – Foto: Screenshot, Equinox/ Steven Klein

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2 thoughts on “Terror der Intimität
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  1. Hallo
    ich bin der Meinung, dass Sie in ihrem Artikel trotz aller manieristischer Stil und Wortspiele allzu leichtfertig mit dem Wort Terror umgehen.
    Ferner finde ich nicht, dass eine abgeschirmte Ecke keine „kreative Idee“ ist, allenfalls eine unternehmerische. Denn – das können Sie als Mann vielleicht nicht wissen – ist ein Baby manchmal nur am nuckeln oder gar am schlafen an der Brust, was allen und der betroffenen Mutter voran ein stilles und friedliches miteinander mit ihrer Tasse und Freunden beschert. Da möchte man nicht in einer abgeschirmten Ecke sitzen, dafür kann ich auch zu Hause bleiben. Als Mutter eines Säuglings sucht man in einem Café Menschenkontakt, das ist natürlich! Ich habe drei Kinder, die ich alle gestillt habe, und ich will auch darauf hinweisen, dass man keine Brust „herausholen“ muss, um dies zu tun. Da sieht man auf jeder Abendveranstaltung mehr Busen. Sollte ich ein viertes bekommen, mache ich es genauso. Darüber hinaus kenne ich den „stillfeindlichen“ Wirt ziemlich gut, ich war viele Jahre eine Stammkundin. Er hat auch mit höflichen Sechsjährigen ein Problem, wenn die einen quietschenden Stuhl erwischen: Da laufen ganz andere Prozesse… Ihre Theorien von einer versuchten Eroberung in Ehren, ihren Artikel finde ich undifferenziert. Anders: Viel Humbug dabei.

  2. Ich finde die ganze Aufregung doch recht lächerlich. Augerechnet im Prenzlauerberg fühlt sich eine Mutter dikriminiert weil sie in einem der unzähligen Cafes nicht ihr Kind stillen soll. Und es muss auch genau dieses Cafe sein, nicht etwa eines der vielen Cafes in denen sich niemand daran stört.
    Wenn der Laden eben eine Klientel hat, die gerne auf nackte, stillende Brüste verzichtet…so what? Das sind vielleicht auch genau die Leute die extra nicht in die Cafes gehen, in denen Eltern mit ihren Kindern sind. Jeder sollte das Recht haben auch mal nach einer Fasson ungestört zu sein. Und wie das Schicksal es will ist ausgerechnet im Prenzlauerberg der Ort, wo dies auch möglich ist, an dem es Geschäfte, Restaurants, Cafes für fast jede Vorliebe gibt.
    Also warum ist es nötig augerechnet diesen einen Cafebesitzer anzugreifen, der eben eine Zielgruppe hat, die nicht zwischen stillenden Müttern sitzen möchte? Zur Tolleranz, welche die betroffene Mutter ja ganz offensichtlich einfordert, gehört eben auch zu akzeptieren, dass vielleicht einer von zehn Läden keine stillenden Mütter bei sich sitzen haben möchte. Auch das gehört zur Vielfalt.

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