Donnerstag, 19. Oktober 2017
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Touristische „Petitessen“ #1

Kommentar: Galoppierende Gentrifizierung

// Kommentar // : Galloppierende Gentrifizierung

Pankow ist schon lange Ziel- und Sehnsuchtsort für Touristen und Besucher aus anderen Erd- und Stadtteilen. Das urbane Lebensgefühl und das quirlige Leben in Prenzlauer Berg locken viele Gäste an. Doch der Touristen-Boom folgt sensiblen Konjunkturen. Zeitgeist, Stimmungen und politische Debatten bewirken auch einen schleichenden Stimmungswandel. In der Gastronomie ist es sogar zu spüren – die Verschiebung vom Kneipier zum Patîssier, vom Clubbetreiber zum Lukullus. Doch die vielfältige urbane Mischung bleibt vital und spannend – für alle Gruppen und Alterskohorten.
Kommentar: Galoppierende Gentrifizierung

Manches Thema führt zum Abschwung – zuerst in den Zeitungsspalten, dann in den Köpfen – und zu letzt bei den Reisebuchungen und Gästezahlen. Das Thema Gentrifizierung führt inzwischen zu medialen Zerrbildern – die sich virusartig, schwarmhaft und dumpf vereinfachend über Prenzlauer Berg verbreiten.
Prenzlauer Berg und die hier lebenden, wohnenden, arbeitenden und hypothekenabzahlenden Menschen stehen unter besonderer Beobachtung der ganzen Republik. Jeden Tag lauern hier Dutzende Journalisten bei Latte Macciato & Wein in Cafés und Restaurants – und warten auf das nächste brandheiß anbahnende Thema. Prenzlauer Berg ist längst „Themengenerator“ für Schlagzeilenjäger und Kommentatoren.

Schon ein einziger Poller in einer Gaststätte kann eine bundesweite Diskussion auslösen: ob es kinderfeindlich ist, Kinderwagen aus engen Gasträumen zu verbannen. Und eine Warteschlange vor Eisdielen wird schnell zum „gentrifizierungspolitischen Happening“ – Lovestorm und Shitstorm im sozialen Netz inklusive.

Clubsterben und Gentrifizierung stehen ganz oben auf der Themen-Hitliste. Sogar Reiseführer und radelnde Touristenführer werden vom Virus der „galloppierenden Gentrifizierung“ befallen.

Der „Zerr-Filter“ Gentrifizierung schiebt sich unmerklich vor das Gesichtsfeld, ein „neuronal-ästhetischer“ Prozess, der professionelle Beobachter, Mittler und Vermittler im Tourismusgeschäft interessieren muss.

Wie wirkt es auf eine Reisegruppe, wenn jüngst sogar der radelnde Reiseführer mitten auf dem Hof der Kulturbrauerei minutenlang über Gentrifizierung doziert – und danach zum flirrendneuen Clubleben nach Friedrichshain-Kreuzberg überleitet?
Ist das gedankenlos- oder gedankenversonnen? Ist das überhaupt wahrhaft und professionell? Werden die Gäste wiederkommen? … oder ein „Disliking Prenzlauer Berg“ organisieren?

Muss der Mythos Prenzlauer Berg vielleicht auch ein bischen gehegt und gepflegt werden – oder ist der Ruf schon im Ausverkauf?

Eigentlich sollte man neu hinschauen, und das real vorhandene Leben neu entdecken: Prenzlauer Berg erfindet sich an vielen Orten täglich neu – und ist dabei im Werden. Diskussionen um Frühstücksbrötchen dauern hier mindestens einen Monat – gleich danach übernehmen Autoren das Thema und machen ein Musical oder Theaterstück daraus. Zeichen von Vitalität und Kreativität sind überall zu finden.

Um den Gentrifizierungsvirus bei touristischen Reiseführern zu kurieren, sollte man nicht nur auf internes Marketing und Multiplikatoren-Schulungen setzen. Vielleicht lässt es sich auch mit Prävention und Immunisierung bekämpfen: ein paar Einladungen und Freikarten für die Reiseführer und radelnden Führer kurieren den Virusbefall – noch bevor der Bezirk eine „Gentrifizierungs-Influenza“ bekommt.

Vielleicht hilft auch ein Bruch mit lange eingeübten Routinen: etwas mehr Herz als Kopf – neuer Entdeckermut. Und: Hinschauen und Hingehen – statt nur Reden.

Michael Springer

Unter dem Titel „Touristische Petitessen“ beleuchtet die Pankower Allgemeine Zeitung künftig
augenzwinkernd in loser Reihenfolge die Angebote, Abgründe, Hintergründe, Kochtöpfe & O-Töne
der „touristischen Leistungsanbieter“ im Bezirk.

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m/s