Sonntag, 20. August 2017
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Touristische Petitessen #15

Plakat-o-Meter

Auf Berlins Straßen tobt ein leiser, schmatzend glitschiger Kampf: Plakatkleber und wild verklebte Plakate mit Veranstaltungs- und Kulturwerbung ringen um die sichtbare Fläche im Straßenland.

Der stille Kampf ist nur schwer zu bemessen, aber es werden täglich tausende Euros in wilde Kulturwerbung gesteckt. An den dicht besuchten Hot-Spots stehen besondere Anzeigegeräte: Die „Plakat-o-Meter“.

Plakat-o Meter
Beliebtes Plakat-o Meter:
Ampelmast mit dicker Plakat-Bauchbinde

Es sind meist Licht- und Ampelmasten, oder Straßen- und Verkehrsschilder, die wie Meßinstrumente funktionieren, und die schnelle Klebefolge der wilden Plakatkleber meßbar machen.

Rock-Konzerte, Ü-30-Parties und vor allem Ü-40-Parties werben, dazu Art-Events, Sex-Toy-Messen und Singer-Wongwriter, die wilde Plakatfolge hat nur das System des schnellen Orderns und Beklebens.
An der Ecke Eberswalder Straße, Danziger Straße und Schönhauser Allee tobt der Kampf der Plakatkleber besonders heftig. Hier sind manche Masten schon kilogrammschwer beklebt. Zwanzig Zentimeter dicke Plakatpakete sind um den Mast an der Ecke herumgeklebt, ca. fast 300 Plakate kleben übereinander am Mast.

Die Plakatkleber wechseln sich täglich mehrmals ab. Von einigen Hotspots in Berlin ist bekannt: schon nach 25 Minuten ist ein Plakat durch ein neueres Plakat überklebt.

Auch an der meistbelebten Kreuzung in Prenzlauer Berg wechselt täglich mehrmals das Erscheinungsbild der „Plakat-o-Meter. Zwischen 40 Cent und 1 € bezahlt man für ein Plakat, das angeklebt ist, einige „Agenturen“ scheinen davon sogar zu leben.

Inzwischen könnten dickbeklebte Flächen und Masten als modernes Großstadtarchiv dienen, sogar die Haltbarkeit von Tapetenkleister im „schweren Außeneinsatz“ ließe sich hier testen.

Ob hier auch die Geduld von Politik, Bürgern und Ordnungsamt gestetet wird, ist offen. Niemand scheint bisher die wilden Plakatierer per Abmahnung und Schadensersatzforderung zu stoppen. Der mnorbide Charm der wild verklebten Zettel und Plakate hat sich längst in der Großstadt-Ästhetik als chaotische Form verankert. Sorgen die wilden Plakat- und Zettelwirtschaften etwa für Flair und Stadtgefühl? Ist der tägliche Kampf um Plakat-Aufmerksamkeit unverzichbarer Ausdruck von Urbanität?

Wir sollten die wilden Kleber selbst befragen, wenn wir sie wieder heimlich mit ihren Kleistereimern an den Hotspots flitzen und herumkleckern sehen.

„Was treibt Dich an?“ „Gibt es Frust, wenn Du gleich überklebt wirst? – Oder überklebst Du Deine eigenen Plakataufträge selbst dreimal am Tag?“ – “ … oder machst Du das nur wegen dem Geld?“ – „Nein, ich musiziere bei meinem eigenen Konzert!“ … so eine überraschende Antwort.

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m/s