Mittwoch, 18. Oktober 2017
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Touristische Petitessen #9

Prime Time Theater: Real sex is only Wedding

Ist Prenzlauer Berg immer noch noch hip? Szenebezirk? Oder haben Grentrifizierungsdebatte, „Ratten am Falkplatz“ und die Diskussionen um die „Ekellisten“ das Stadtimage dauerhaft beschädigt? Sind „Latte-Macciato-Mütter“ und kinderwagenabweisende Poller vor einem Café nur Reizbilder, oder sind sie Ausdruck eines gewandelten Zeitgeistes?

Tatsächlich wandelt sich die Zeit in Berlin besonders schnell. Nicht mehr die Generation, sondern die Alterskohorte wird zum Maßstab. Fangemeinden und kurzfristige Trends bestimmen die Stadt.

Für Kulturbetriebe, Restaurantbesitzer und Händler von Modeartikeln ist es meist zuerst spürbar, wenn sich eine Lage ändert. Sie merken es in der Kasse. Doch sie reagieren, sie wechseln das Sortiment, und manche Location erweist sich dabei als elastisch. Sie wird aufs Neue „hip“ – und zieht immerneues Interesse und Publikum an.

Doch lenkt man den Blick einmal von Außen – und verläßt Prenzlauer Berg, und schaut gezielt nach Informationen über Prenzlauer Berg, so ist man sehr verwundert.
An vielen Orten liegen kostenlose Reiseführer aus, Pocketguides, in denen Berliner Szenebezirke kurz in englisch erklärt werden.

Prenzlauer Berg ist dort nicht mehr auf den ersten Blick zu finden, stattdessen prangt dort „The gentrification of the North: Prenzlauer Berg“.

Das Stadtimage wird von dem Schlagwort Gentrifizierung umgeprägt – und ein ganzer Bezirksteil wird auf einen einzelnen politischen Begriff reduziert. Stimmt das Bild?

Auch andere Bezirke sind von derartigen Veränderungen betroffen. Waren noch 2006 in der Imagebefragung des Berliner Senats die Bezirke Mitte und Prenzlauer Berg positiv vermerkt:

„Wenn Mitte als die „Diva“ unter den Bezirken empfunden und bewundert wird, so ist Pankow-Prenzlauer Berg für die Touristen „everybody’s darling“.“

Doch inzwischen profilieren sich andere Bezirke als neue „Kulturbezirke“ und greifen dabei auch zu unlauteren Mitteln.

Unweit des Berliner Fernbus-Bahnhofs ZOB prangt eine Werbung des Weddinger Prime-Time-Theaters an einer Bushaltestelle, die zum Glück aufgrund der zur S-Bahn Messe-Nord strebenden Pankow-Besucher leicht übersehen wird. An der Haltestelle halten vorwiegend Busse der Linien X49 und X34, in Fahrtrichtung Spandau.

Doch vielleicht wird die Werbung auch in anderen Stadtteilen gezeigt?

Oberhalb von Wechsel-Plakaten mit Anna Netrebko, Autopreiswerbung, einem Pflegedienst-Slogan „Toll in Berlin“ und einer Ausstellung des Käthe-Kollwitz-Museums in Berlin-Charlottenburg, wirbt das Weddinger Theater für die Theater-Reihe „GUTES WEDDING – SCHLECHTES WEDDING.

Daneben der motivierende Slogan, der zum Besuch einlädt: „Mitte is Schitte, Prenzlberg is Petting, Real Sex ist only Wedding“.

Natürlich wissen die Theatermacher dabei nicht wirklich, was sie tun! Als Ortsteil des Berliner Stadtbezirks Berlin-Mitte werden sie vom Kulturamt des gleichnamigen Bezirks gefördert.

Und als unmittelbare Nachbarn des Bezirks Pankow wissen die Macher noch immer nicht: es heißt Prenzlauer Berg!

Prime Time Theater: Real sex is only Wedding
Bushaltestelle Messe Nord: Prime Time Theater: Real sex is only Wedding

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m/s