Mittwoch, 18. Oktober 2017
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Überzeugte Europäer besetzen das Stadtschloß

Berliner Stadtschloss um 1900

/// Glosse /// – Die größte Kulturbaustelle in Berlin steht vor einer Revolution. Neil Mac Gregor, der bisherige Direktor des British Museum, kommt nach Berlin, Paul Spiess folgt als neuer Direktor im Märkischen Museum, Chris Dercon muss sich überdies ein neues Ersatz-Spielfeld für die mit Flüchtlingen belegten Hangars suchen. Ein europäischer Spirit und Esprit zieht in die Berliner Stadtmitte ein. Klar ist: alle haben sich schon heimlich getroffen, ein ganze Korona von ideenreichen Geistern, Produzenten, Kreativen, Designern und Kuratoren in sozialen Medien um sich versammelt.

Statt Facebook gibt es eine verschlüsselte App, mit der man mit genau 186 Personen mobile Videokonferenzen abhalten kann – größer dürfen die Planungs- und Organisationsteams nicht werden. Mancher Name bleibt draußen.

Es wird kreativ und tief nachgedacht, Veränderungswünsche dringen an die Bauplaner. Der bisherige vielgelobte Schlossbauherr Manfred Rettig nahm schon Reißaus, weil wohl doch noch Umbauten gewünscht sind. Eine Wand hier, eine Gebäude-Klima-Zone da, und schon droht systemares Chaos bei der Haustechnik, die doch schön durchdacht und abnahmefähig geplant ist.

Rettig beweist Härte, anders als ein gescheiterter Vornamens-Vetter Körtgen am BER, möchte er sein Projekt nach guter alter Bautradition in der Spur halten. Brandschutzprobleme am BER, Schimmel-Probleme in der Akademie der Künste, Kostenexplosion wie an der Staatsoper – das sind Rettigs Alpträume.

Doch was kommt nur auf das Schloß, auf die Berliner und die potentiellen Metropolen-Besucher zu? Eine Schönschreibung deutscher und preußischer Weltenbummelei und die museale Vermessung der Welt? Der große Humboldt wird kuratiert und „ausgestellt“ – eine Schau, ein „ausstellendes und repräsentierendes Museum“?

Oder kommt ein interaktives Humboldt-Forum, in dem Besucher mit Smartphones herumgeistern, Daten, Bilder und Digits saugen? Hat man in den Umgängen auch extra Spuren und Leitssysteme für Smartphone-User eingeplant, damit diese nicht gegen Exponate und andere Besucher laufen? – Oder kommt ein brutales Smartphone-Verbot? Oder werden gar museale „Smartphone-Swatter* ausgegeben, um Sichtachsen und den ungestörten Blick zu sichern?

Ein paar Zauberformeln sind schon aus dem Humboldt-Lab nach draußen gedrungen: „Content is King!“ – so wird es bei den digitalen Auswüchsen des Humboldt-Forums wohl heißen. Eine Menge Apps und mobile Internetseiten werden die Menschen einladen, begleiten und später noch per App-Tracking in alle Welt verfolgen.

Aber wo bleibt die Wirkung, der Eindruck auf die Besucher? Neil Mac Gregor wird für das Erlebnis sorgen wollen: „Great Experience is the Queen!“

Sein Wunsch nach einer modernen Präsentation des Islam könnte die Gebäudetechnik überfordern – denn ein authentischer Islam ist kaum ohne Trockenheit und Wüstenhitze darstellbar. Wie sollen sich zivilisierte Mitteleuropäer eine alte islamische Hochkultur vorstellen können, in der Denker und Gelehrte ihren Kopf unter dem Turban kühlten? Unter Museumskühle funktioniert der Turban nicht, Mitteleuropäer bekommen eine feuchte Stirn.

Wie authentisch soll das Erleben werden? Entsteht etwa ein „veranstaltendes Museum“, das Besucher einzeln in Klimakammern geschickt? Oder kommt schon das nächste „Big Thing“ zum Tragen: Besucher werden mit digitalen Brillen in virtuelle Räume geschickt und mit Heißluft angefönt?

Eintauchen in Erlebnisse, das haben schon die Dioramen im Naturkundemuseum am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ermöglicht.

Heute geräte das Eintauchen zur körperlich erfahrbaren Simulation. Das Zauberwort „Immmersion“ war auch schon zu vernehmen.

Schon die nächste Smartphonegeneration wird wie ein „Brett vor dem Kopf“ getragen, um in virtuelle Welten einsteigen zu können. Die Rundpanoramen von Yadegar Assisi werden durch virtuelle Räume nach Art von Holo-Decks abgelöst.

„Kommt etwa das „Humboldt-Deck“ als „Eintauchzone und Zeitmaschine“?

Die Kreativität wird explodieren, soviel ist schon sicher! Doch authentische Exponate bleiben unerläßlich, um den musealen Charakter und das Originäre zu wahren. Aus bautechnischer Sicht genügt es womöglich, das „Runde in das Eckige“ hinein zu bauen.

Das „immersive Kabinett“ wird vorzugsweise kreisrunde Grundrisse und lichtundurchlässige leichte Wände haben. Auch ein multi-thematisches „immersives Forum“ könnte die Welt und ganze Dialoge in das Stadtschloß holen. Und obendrein brächte es die digitale Versöhnung aller Themen, weil das Publikum nacheinander in viele Inszenierungen eintauchen kann, mitreden und fragen kann: Humboldts Vermächtnis, außereuropäische Sammlungen, Welt.Stadt.Berlin und andere Themen können variiert werden.

Schön für die Baukosten – nur Einbauten werden benötigt, anschließbare „Steckdosen-Technik“ und drahtloses Internet der schönen projezierenden und aufnehmenden Dinge.

Museumsdirektoren können ihre Sammlungen als „Premieren“ inszenieren, und Content und Experience und Immersion anbieten. Sogar der Echtzeitdialog mit Aborigines, Inuit und anderen Vertretern von 186 Kulturen auf unserem Planeten ist dank mobilen Satelliten-Internet möglich. Nur die Antenne muss irgendwo versteckt werden, damit nicht neben der historischen Kuppel eine Schüssel auf dem Dach glänzt.

Ich höre schon Neil Mac Gregor flüstern: „Content is King, Great Experience is the Queen – and Immersions are the Royal Family!

Tatsächlich werden die Besucher nicht in das Stadtschloß hineinschreiten, sondern „Eintauchen“ – und sich neu inspirieren lassen! Neue Gedanken, alte Gedanken neu gedacht, alte Bilder, neue Bilder und einprägsame Erlebnisse werden mitgenommen.

Und wer dann aus dem Stadtschloß wieder in die Realität der Metropole eintaucht, wird vielleicht auf die Skelette und Mumien der alten Hohenzollern im Berliner Dom und auf die Statuen von Marx und Engels stoßen, sie dabei ertappen, wie sie sich in einem Weltmuseum der „vergleichenden Geschichte“ einprägen.

Paul Spiess wird die Chance nutzen, das moderne und das ganz alte Berlin im Märkischen Museum zu einer fußläufigen Zeitreise zu verbinden.

Vorbei die Zeiten, in denen Touristen durch die Stadt hetzten, jetzt müssen sie sich Zeit nehmen, und können „´was Erleben und Mitehmen“.

Vorbei die Zeiten, als um 14 Uhr Museumsbesuche mit dem Blick auf die Uhr abbrachen: „Wir müssen noch den Flieger nach Rom oder Paris schaffen!“ – Unter 3 Tagen kommt künftig niemand mehr aus Berlin heraus!

Und manche überzeugten Europäer werden die Riesenchance entdecken, sich eine neue „Europäisierung Europas“ im Aufeinandertreffen der Weltgeschichten und Dialoge der Weltkulturen im Zentrum Berlins zu erfinden. Es wird! Einmalig sowieso!

Autor: Michael Springer

* Smartphone-Swatter – eine Erfindung von Rocky Ramone – Link

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a/m