Sonntag, 17. Dezember 2017
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Ulf Poschardt versteht Berlin nicht mehr!

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Die Berliner haben abgestimmt, die Hausmedien der Immobilien- und Investoren-Lobby schicken nun wutschnaubende Kommentaroren ins Nachgefecht. Es muß jetzt schnell die Umdeutungsschlacht gewonnen werden, die den Bürgerwillen im Nachhinein diskreditiert, und wieder freie Bahn für Spekulation und Zinsgewinne entstehen lässt.

WELTonline schickt Chefkommentator Ulf Poschardt ins Rennen, der Berlin zur „Kleingärtner-Metropole“ kleinschreiben und kleinpolemisieren will:

Tempelhof-Entscheid: Berlin ist doch nur eine Kleingärtner-Metropole – WELT 26.05.14

Ausgerechnet die Kolonie Oeynhausen nimmt er sich zum Ziel, eine der letzten Grünflächen im gutbürgerlichen Stadtbezirksteil Wilmersdorf, in dem 77 Prozenz der WählerInnen für den Erhalt der Kleingärten als öffentliche Grünflächen gestimmt haben.

Dummerweise sind im anderen Stadtverzirksteil Charlottenburg Kleingärtner auf 7% der Bezirksfläche zu Hause, und können jedem Stadtrat drohen, ihn nicht mehr zum jährlichen Spargelessen mit Sauce Hollandaise einzuladen. Die Folge: ein irreparabler Karriereknick.

Korruption 2.0

Die Kolonie Oeynhausen steht im Mittelpunkt dessen, was in Berlin als „Korruption 2.0“ längst in die Handbücher von Compliance Experten gehört: eine finanzielle Fruchtfolge und Spekulationskette, die mit der Privatisierung von Bahn, Post und des sozialen Wohnungsbaus begann.

Ausgerechnet die Groth-Gruppe steht auffällig oft am Ende dieser Kette, als „öffentlicher Kreditnehmer“, als „Investor mit streitbarer Absicht“ und in anderen Fällen als späterer Arbeitgeber von ausgeschiedenen Mitarbeitern von Liegenschaftsfonds, Grundstückgesellschaften aus ehemaligen Bundes- oder Landesbesitz, wichtigen Informanten und WissensträgerInnen.

Im Fall Oeynhausen ist es eine 100 Jahre bestehende Kleingartenanlage, in der prominente Senatsbeamte, Mitarbeiter öffentlicher und landeseigener Unternehmen und die fleissig arbeitende Klasse aus kommunalen Stadtbetrieben ihr grünes Freizeitidyll finden.

Poschardt beschreibt diese diskriminierend als „Favela der unteren Mittelschicht“, schreibt von „ewigen Studenten, Projektprekariat und schmerbäuchigen Wenignutzen“ und greift damit in die unterste Schublade journalistischer Bürgerverachtung.

Was ist das für ein elitärer Gecko, was für ein Herrenmensch, der hier schreibt? Wer sind die Ansprechpartner dieser Polemik?

Haßerfüllte Predigt

Poschardt wünscht, „… dass der Investor, der die Kleingartenkolonie gekauft hat, den Bezirk nach Strich und Faden verklagt. Die Konsequenz dieses launischen Abstimmungsverhaltens muss spürbar werden, dafür sollten andere Projekte gestoppt und beerdigt werden.“

Ausgerechnet der Investor Groth wird hier zum Ziel des begünstigenden Kommentars. Ein Investor, der in langen Zügen an der Planungshoheit der Stadt vorbei agiert und mit allen Mitteln klagt und freiklagt, wenn es geht, und die Kolonie Oeynhausen schon fast 30 Jahre auf dem Schirm hat.

Wieviel Geld von seinem Journalistenhonorar hat Poschardt eigentlich schon aus Anzeigeneinnahmen der Groth-Gruppe erhalten? Wieviel Immobiliengeschäft ist in einem Verlag notwendig, um soviel bürgerverachtende Kommentierung zu bezahlen?

Wieviel Journalismus und wieviel Lobbyarbeit für Immobilienkunden gehen eigentlich in einem „Hauptstadtmedium WELTonline“ zusammen?

Groth klagte – der andere Groth gewann

Die erste Schlacht um die Kolonie Oeynhausen hatte Investor Groth verloren, Namensvetter Rechtsanwalt Groth gewann für die Kleingärtner und erhielt die kleingärtnerische Nutzung als öffentliche Grünanlage.

Der nördliche Teil der Kolonie gehörte der Deutschen Post, die dieses Grundstück (9,3 ha) nach ihrer Privatisierung 2008 für 0,6 Mio. Euro verkaufte (6,45 Euro/qm). Eigentümerin ist heute die Luxemburger Lorac Investment Management S.à.r.l., eine Tochter der großen US-Heuschrecke Lone Star Funds („Einsamer Stern“), die 2008 bundesweit rund 1.300 Post-Immobilien im Paket zum Spekulieren erwarb. Die Lorac hat Ende 2012 die Kolonie mit einem bedingten Vertrag (Baurecht muß erreicht werden) an die Berliner Groth-Gruppe verkauft.

Eben jene Groth-Gruppe beschäftigt nun den einstigen Prozeßgegner als Anwaltskanzlei, und verhindert damit eine erneute juristische Expertise jenes Rechtsanwalts Groth. Dieser ist nicht ganz zufällig auch Mitglied der Stiftungsrates der Berliner Stiftung Naturschutz ist, und einstmals von Bündnis 90/Grünen im Abgeordnetenhaus vorgeschlagen wurde.

Duzen als Geschäftsbasis

Die derzeit handelnden Figuren, Immobilien-Entwickler „Groth“, Lorac, der Senat von Berlin, und der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf haben gerade im Fall Oeynhausen ein mächtiges Wutpotential entfacht. Hier wurde Durchstechen und Fehlverhalten des Stadrates offenbar, kriminelle Machenschaften werden sogar bald vor Gericht stehen werden.

Auch das Duzen von Baurechts-Experten in Gerichtspausen sollte unter die Lupe genommen werden: so mancher Baujurist im Senat oder im Bezirk kennt die beauftragten Rechtsanwälte der Investoren noch aus dem „DU an der FU“.

Es ist der alte West-Berliner Filz, diesmal sogar mit „Grünanteil“, der hier neue Urstände zu feiern sucht. Diesmal wurde die Bürger in Charlottenburg-Wilmersdorf mächtig provoziert.

Ein Herr Poschardt wird den Gang der Dinge in Oeynhausen mit seinem Kommentar nicht aufhalten – doch ein übler Nachgeschmack bleibt: „Ulf Poschardt versteht Berlin nicht mehr!“ m/s

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m/s