Montag, 11. Dezember 2017
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die kreative Vielfalt?

Verliert Berlin
die kreative Vielfalt?

Filmszene aus: Don The King Is Back

Berlins kreative Vielfalt ist in Gefahr! Mit dieser Warnung konfrontiert die IHK Berlin Politik und Wirtschaftspolitik. Eine „SWOT-Analyse Creative Industries“ von namhaften Experten zur KULTUR-, MEDIEN- UND KREATIVWIRTSCHAFT IN BERLIN zeigt Stärken und Schwächen, aber auch Chancen und Risiken auf.

Filmszene aus: Don The King Is Back
Filmszene aus: Don – The King Is Back” © Rapid Eye Movies HE GmbH

Die „SWOT-Analyse Creative Industries – Zur Situation der Kultur-, Medien- und Kreativwirtschaft in Berlin“, ist ein Arbeitspapier des IHK-Ausschusses „Creative Industries“ unter der Leitung von Elmar Giglinger (Medienboard Berlin), Mona Rübsamen (Radio FLUX FM) und Jürgen Schepers (Branchenkoordinator Kreativwirtschaft der IHK-Berlin).

15 Branchenbereiche der Kreativwirtschaft im Blick

Der IHK-Ausschuss „Creative Industries“ hat in 15 Arbeitsgruppen mit jeweils mindestens drei Vertretern der einzelnen Teilbranchen die SWOT-Analyse erstellt, um Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken aufzuzeigen und damit Politik und Verwaltung auf zukünftige Handlungsfelder hinzuweisen. Dabei wurden sowohl die branchenspezifischen wie auch die übergeordneten Faktoren berücksichtigt.

  • Design
  • Kreative Stadtentwicklung
  • Digitalwirtschaft
  • Clubs
  • Games
  • Musik
  • Radio
  • TV
  • Film
  • Tageszeitungs- und Zeitschriftenverlage
  • Buchverlage
  • Bildende Kunst/Kunstmarkt
  • Darstellende Kunst/freie Szene
  • Kommunikations- und Werbeagenturen
  • Mode

Warnung vor steigenden Lebenshaltungskosten

Die Autoren fassen ihre Analyse zu einer Warnung zusammen:

„Die kreative Vielfalt gehört nach wie vor zu den Stärken/Chancen des Landes Berlin. Allerdings warnen Berlins Medien-, Kultur- und Kreativwirtschafts-Unternehmen auch gleichzeitig vor dem Verlust dieser kreativen Vielfalt. Gründe hierfür sind die stetig steigenden Lebenshaltungskosten und die im Verhältnis zu anderen Wirtschaftsbranchen geringen Löhne.“

Die von Experten zusammengetragenen qualitativen Aussagen in der SWOT-Analyse sind quantitativ betrachtet noch viel ernster, weil inzwischen mehrere finanzielle Faktoren zusammen spielen.

Neben steigenden Mieten und Energiekosten schlagen auch die Neuregelungen zur Krankenversicherung mit monatlichen KV-Pflichtbeiträgen, Pflege und Rundfunkgebühr mit bis zu 340 € zu Buche. Für freischaffende Kreative erhöht sich damit der monatliche Netto-Mindest-Finanzbedarf auf weit über 1.000-1.100 €.

Wie gering der Spielraum ist, zeigt ein Zahlenbeispiel: für 41 Quadratmeter Wohnraum sind ca. 360 € Warmmiete zu zahlen, 340 € Pflichtbeiträge KV, Pflege und Rundfunkgebühr. Dazu besteht ein Mindestbedarf von ca. 390 € für die Lebenshaltung. Schon heute ist dabei klar: bei Einführung des gesetzlichen Mindestlohns von 8,50 € reicht auch ein volles Monatseinkommen kaum aus, um die notwendigen Lebenshaltungskosten zu bestreiten.

Zieht ein Fachkräfteproblem herauf?

In der SWOT-Analyse wird auch bei der künftigen Fachkräfteentwicklung gewarnt, denn schon heute leiden Unternehmen unter der Problematik, intern ausgebildete Fachkräfte oder Externe dauerhaft zu halten: „So darf bei niedrigen Löhnen und immer höheren Lebenshaltungskosten die Anziehungskraft anderer Kreativstandorte gerade für die Generation über 30 nicht unterschätzt werden,“ warnen die Autoren.
Im Bereich der Darstellenden Künste ist etwa längst eine Abwanderung zu verzeichnen, die freie Szene wächst praktisch nicht mehr. Die Bildende Kunst hat mit enormen Rückgängen bei preiswerten Ateliers zu kämpfen, das Ausweichen nach Brandenburg ist längst im Gang. Damit ist ein wichtiger Aktivposten der Kreativmetropole in Gefahr.

In der Landschaft der Buchverlage herrscht etwa große Unsicherheit, Verlage sind alle unterkapitalisiert und sind noch nicht auf die Digitalisierung eingestellt. Sie bieten damit keine ausreichenden Karrierechancen für Köpfe, die neue digitale Innovationen antreiben.

Die konkete Gefahr: in Berlin konzentrieren sich vor allem Studenten und Absolventen und „Artists-in-Residence“ in den Kreativ-Branchen und sorgen untereinander für eine hohe Konkurrenz, die eine Professionalisierung und ein Aufkommen selbsttragender Ideen- und Geschäftsmodelle verhindert.

Berlin verharrt dann als Experimentallabor und Durchlauferhitzer auf einem niedrigen Niveau der Wertschöpfung, und schöpft seine Potentiale und Synergien unzureichend aus.

IHK Berlin: Ludwig Erhard Haus
IHK Berlin: Ludwig Erhard Haus – Berlin wächst – Wachstum will befördert sein! Foto: IHK Berlin

Heterogenität der Teilbranchen und differenzierte Chancen

Aufgrund der großen Heterogenität innerhalb der Kreativwirtschaft und den damit verbundenen unterschiedlichen Bedürfnissen in oder bei Produktion und Vertrieb kommt die SWOT-Analyse in den Teilbranchen aber zu durchaus unterschiedlichen Ergebnissen.

Im Bereich Design macht sich das Fehlen der Industrie bemerkbar. Der Fachkräftemangel macht sich bereits bemerkbar. Zudem sorgen steigende Kosten für eine Ausrichtung auf kurzfristige Erfolge. Eine übergreifende Designstrategie fehlt.

Clubs bilden einen zentralen Kristallisationskern für die Jugend- und Musikkultur und sind Impulsgeber für Branchen wie Mode, Film und Werbung und Keimzelle der Musikwirtschaft.
Sie haben aber unter dem steigenden Druck von Mietkosten und GEMA besonders zu leiden. Zudem sind viele Clubs unzureichend finanziert, benötigen Beratung und andere Hilfen, um den Betrieb weiter zu entwickeln. Lärmschutz, Stadtplanung und Lohnkosten bilden weitere Konfliktbereiche, an denen die Betreiber unter Druck stehen.

Am Besten sieht es derzeit in der IKT-Wirtschaft aus, weil sich eine Startup-Szene etabliert hat, die aber viel zu wenig strategische Innovationen und Geschäftsmodelle hervorbringt.
Problematisch ist die Modebranche, die zwar zehn Ausbildungsstätten hat, jedoch über kein langfristiges künstlerisches/
wirtschaftliches Modekonzept als Modestadt verfügt – ein nationales und international wahrnehmbares Manko.

Die Verlagsbranche der Hauptstadt leidet unter vielseitigen Strukturproblemen, und ist mental nicht ausreichend auf die Herausforderungen der digitalen Wirtschaft eingestellt.

Bei Zeitungen und Zeitungsverlagen herscht hoher Wettbewerb, andererseits hoher Kostendruck, der die Chancen begrenzt.

In TV- und Film-Branche macht sich das Fehlen großer Sender und die verstärkte Förderung in Bayern und NRW bemerkbar. Hohe Kosten verteuern zunehmend Produktionen. Die Produzenten wandern zu den Sendeanstalten und Filmstudios ab.

Kreative Stadtentwicklung

Strategische Wirkungen sind im Bereich „Kreative Stadtentwicklung“ zu verzeichnen. Flächenverknappung und -verteuerung drohen Akteure an den Rand zu drängen. Die Autoren der SWOT-Analyse haben eine umfangreichen Problemsicht formuliert.

Wichtigste Problempunkte:

„Kulturbruch zwischen Nutzern, Akteuren, Politik, Verwaltung und Immobilienwirtschaft; keine gemeinsame Sprache und Wahrnehmung der Zustände (> Vermittler/Intermediäre fehlen).“ Auch das Fehlen einer „verwaltungsunabhängigen „Freiraumbörse“ für temporäre Nutzungen wird beklagt.

Unter den Chancen werden wichtige Aspekte genannt, die erst auf den zweiten Blick die Konjunktur der kreativen Stadt beeinflussen:

„Die Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern, Initiativen und Institutionen, gesellschaftlichen Gruppen und der Wirtschaft eröffnet die Möglichkeiten einer Entwicklung Berlins, die auf einem breiten Konsens beruht!“

Der wichtigste Aspekt unter den Chancen kommt mit nur zwei Worten aus: „Sozialer Frieden“.

Hauptstadt nach wie vor attraktiv

Bei den übergeordneten Standortfaktoren ergibt sich in der Sprache der Volkswirte ein klares Bild: „Die Hauptstadt ist nach wie vor ein attraktiver Standort für die Kultur-, Medien- und Kreativwirtschaft.“

Doch der Glanz hat nachgelassen, der Blick ist nicht mehr uneingeschränkt positiv wie noch vor wenigen Jahren. Die Autoren raten zur Neubesinnung:

„Es bedarf jetzt eines vorausschauenden Handelns von Politik und Verwaltung im Schulterschluss mit den Unternehmern der Branche, egal ob übergeordnet oder spezifisch auf die einzelnen Teilbranchen ausgerichtet.“

Strategieempfehlungen der SWOT-Analyse

Die SWOT-Analyse des IHK-Ausschusses „Creative Industries“ beruht auf der Söndermannschen Definition der Teilbranchen: Kultur-, Medien-und Kreativwirtschaft.

Zusätzlich wurden, entsprechend der besonderen Situation in Berlin, die Mode- und Clubwirtschaft sowie die digitale Wirtschaft und die kreative Stadtentwicklung betrachtet.

Um kontinuierlich steigende Beschäftigungszahlen und wachsenden Umsätze dauerhaft zu sichern und auszubauen, bedarf es nach dem Rat der Autoren der SWOT-Analyse eines „neuen Modells für ein länderübergreifendes Cluster „IKT, Medien- und Kreativwirtschaft“ und einer weiteren Verbesserung des Austausches zwischen Kreativwirtschaft und Politik/Verwaltung – besonders bei der Mitgestaltung durch und Teilnahme von fachkundigen Branchenrepräsentanten in Gremien auf Senats und Bezirksebene, wenn es um Entwicklungen und Entscheidungen in der Kreativwirtschaft geht.“

Gefordert wird auch eine Einbindung von Unternehmen und eine stärkere Einbindung der Wirtschaft in Steuerung, Strategiefindung und -umsetzung.

Die Mittel aus dem Berliner Kulturhaushalt sollten auch nach Ansicht der Autoren ausgeglichener verteilt werden. „Die fast ausschließliche Förderung von institutionell gebundenen Häusern wie Oper, Theater, Orchester und Konzerthäusern schwächt die Vielfalt der Berliner Kulturlandschaft. Gerade mit Blick auf die freie Szene; hier muss eine Umverteilung stattfinden.“

Ferner wird gefordert, „Leuchtturmveranstaltungen der Kreativwirtschaft stärker für Tourismus- und Marketingaktivitäten des Landes zu nutzen“ – eine Forderung, die in den Raum gestellt wird, und noch für weiteren Diskussionsbedarf sorgen wird, weil sich bisher „Tourismus- und Marketingaktivitäten“ vor allem als „Top-Down“-Aktivitäten von Hauptstadtmarketing und Kulturverwaltung darstellen. m/s

Weitere Informationen:

www.ihk-berlin.de

KULTUR-, MEDIEN- UND KREATIVWIRTSCHAFT IN BERLIN
SWOT-Analyse Creative Industries
Die SWOT-Analyse ist auch als Gratis-Download und als ebook auf www.ihk-berlin.de unter der Dok.-Nr. 118216 abrufbar oder kann postalisch bei der IHK Berlin, Bereich Kreativwirtschaft, bestellt werden.

Die Bildrechte für das Titelbild aus dem kommenden Film „Don – The King Is Back” wurden von der
© Rapid Eye Movies HE GmbH in Köln zur Verfügung gestellt.

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m/s