Samstag, 21. Oktober 2017
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„Verschnöselung“ in Prenzlauer Berg?

WHITE TRASH FAST FOOD - Schönhauser Allee 6

Nach Städtebauförderung und Sanierung kam die Gentrifizierung nach Prenzlauer Berg – erst Schwaben, schwäbische Lebensart und Investoren, danach die Latte-Macciato-Mütter und das späte Bionade-Biedermeier. Die Bevölkerung wurde praktisch völlig ausgetauscht – viele wurden auch verdrängt. 80 Prozent der Bewohner in Prenzlauer Berg sind erst in den letzten 20 Jahren zugezogen. Die junge Szene folgt den bezahlbaren Mieten – und zieht weiter nach Friedrichshain, Kreuzkölln und Treptow. Nun wird die letzte Phase eingeleitet: „die Verschnöselung des Prenzlauer Berg“.

Jüngstes Zeichen dieser Entwicklung: Walter Potts verlässt mit seinem Szene-Restaurant „White Trash Fast Food“ den Prenzlauer Berg und zieht nach Treptow an die Puschkinallee.
Stadtsoziologen und „Berufs-Prenzlberger“ rätseln noch – ob das nur ein individueller Abgesang ist – oder ob hier eine mächtige Grundströmung am Werke ist.
Der Amerikaner Walter Potts zieht wohl dem Touristenstrom nach – und der Kohorte paarungswilliger Touristen und Berliner hinterher, die ihren Bachelor und ihre Familiengründung noch vor sich haben – und noch nach wilden Lebensszenen und Musik streben.

Potts war von steigenden Mieten und mitunter kritischen Besucherzahlen genervt – der alte Hype um das White Trash Fast Food war auch in die Jahre gekommen – obwohl sich hier immer wieder tolle Music-Acts die Klinke in die Hand geben.
Aber auch die vielen Loft-Bewohner und Luxus-Narzisten aus den benachbarten Kiezen verdarben nach und nach die trashige Atmosphäre. Luxuskarossen und Luxus-Leerstand dezimieren die nächtlichen Gästezahlen – und prallten mitunter auf grölende britische Touristen. Keine zukunftsfähige Mischung. Die Geselligkeit verlagert sich in üppige private Lofts – und Partystimmung im Club macht sich rar. Die üppige Dekoration erdrückt an manchen Abenden die Gäste.

15 Jahre hat das White Trash Fast Food die Szene an der unteren Schönhauser Allee mitgeprägt. Doch irgendwie ist der BASSY COWBOY CLUB – unmittelbar gegenüber – heute viel frischer, und beliebter allemal. Auch die 8mm Bar lockt nun am Pfefferberg – gleich nebem dem BASSY CLUB – ihre Fans an. Voller Bauch tanzt auch nicht gern – und wer mit steigenden Mieten und prekären Löhnen zu kämpfen hat, strebt in Prenzlauer Berg lieber zum Hungry Monday in FRANNZ CLUB und die Alte Kantine in der KULTURBRAUEREI. Das junge Publikum fehlt … das White Trash Fast Food hat sich überlebt – und stößt nun auch an Mietgrenzen.

Die verbleibende Szene an der südlichen Schönhauser Alle wechselt einfach die Straßenseite. Der BASSY CLUB wurde zum beliebteten Club der Stadt gekürt. Musik-Release-Partys und RadioEins tragen den Club, Musik und Party stehen ganz im Mittelpunkt – während das White Trash bisweilen als Musik-Imbiß verspottet wird. Die Baukräne zeigen: der Pfefferberg holt schon wieder tief Luft – um eine Neuerfindung vorzubereiten.
Das „White Trash Fast Food“ in der Schönhauser Allee 6 wird noch bis zum Sommer 2013 seinen Mythos pflegen – dann ist Schluß. Was kommt steht noch in den Sternen. Sylvester 2012 gibt es noch einmal „pralle Party“ zu saftigen Preisen. Für 50-100 € gibt es ein 7-Gänge Menu.

In der nächsten Nachbarschaft kämpft auch das STEINHAUS um das Überleben, gegen die eigene Genossenschaft – die Genossenschaft Gewerbehof Saarbrücker Straße e. G.. Auch hier ist ein im 18. Jahr bestehender Club noch immer in Gefahr. Der Streit dauert schon seit 2007 – und man streitet nun vor Gericht.
Hier hat der „Verschnöselungs-Virus“ eine eingesessene Gewerbegenossenschaft befallen, die nun auf hochwertige Senioren-Wohnungen setzen will – und ein Genossenschaftsmitglied loswerden will.
Prenzlauer Berg – der Stadtteil scheint nun in die Jahre zu kommen. Doch wer hält die „Verschnöselung“ auf? Allein Touristen werden es nicht schaffen. Der Bezirk hängt heute mehr als je zuvor von neuen Ideen und Impulsen ab. m/s

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m/s