Mittwoch, 28. Juni 2017
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Volksbühne: Räuber-Rad ab! … nach Afrika!

Volksbühne bei Nacht

/// Kommentar /// – Die 25 Jahre währende Volksbühnen-Ära des Intendanten Frank Casdorf endet im Sommer. Für das politische Sprechtheater ist es eine tiefe Zäsur, womöglich sogar eine katastrophale Zäsur. Für Schauspieler und Ensemble ist es auch eine künstlerische und persönliche Katastrophe, denn vergleichbare an Tradition und Denken gebundene Theaterorte fehlen in Berlin. Mit der zwanzigsten Intendanz unter Chris Dercon, die im kommenden Sommer beginnt, bricht eine lange Tradition.

Doch das Haus hat seit seiner Gründung 1890 weitaus tiefere Brüche bei Intendantenwechsel erlebt, die auch zwischen Widerstand und Staatstreue der Intendanten wechselten. Das Ende der Ära Max Reinhardt und seine Flucht in die USA markierte 1937 die für ganz Berlin beginnende Katastrophe.
Erinnert sei an die Finesse von Bertold Brecht, der sich sein Berliner Ensemble gegen den Vertreter des Komödiantischen Theaters Fritz Wisten erstritt, der so zum Volksbühnen-Intendanten wurde (Jürgen Hillesheim | 20.11.2010 | WELT).

Erinnert sei auch an den Streit zwischen Maxim Gerhard Vallentin und Wolfgang Langhoff um die Ausrichtung des Deutschen Theater-Instituts in Weimar, in dem es um die Ausrichtung des Lehrplan nach dem Stanislawski-System ging, während Langhoff die durch Brecht geprägten Schule vertrat. Streite mit ambivalenten Langzeitwirkungen.

Ambivalenzen des Übergangs

Das Buch von Anne Dietze: „Ambivalenzen des Übergangs´: Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin in den Neunziger Jahren“ öffnet den Blick für die unter der Oberfläche des Feuilletons ausgetragenen Widersprüche und Konflikte, die die Volksbühnenbewegung im Wandel durchlebt hat. Vor allem der Epochenbruch der Deutschen Wiedervereinigung und die damit verbundenen Geschichts- und Identitätskonflikte werden offenbart.
Durch die Geschichte hindurch begleiten Ambivalenzen zwischen Politik und Spektakel das Theatergeschehen, und konstruieren einen Mythos des Widerständigen im kollektiven Gedächtnis.

Doch Casdorf selbst relativierte den politischen und moralischen Impetus:

»Ich habe tiefes Mißtrauen gegen eine letzte Moral, gegen die Frage: `Was bedeutet das?´ Die Kunst und Ästhetik des Surrealimus und Dadaismus, der ich verbunden bin, hat immer wieder versucht, alles in Frage zu stellen. Und so geht es mir im Augenblick auch. Programme bitte möglichst vielfältig. Sie gleichzeitig verneinen, zumindest relatvieren. Das entspricht mir! Es mag zu wenig sein.«

Räuber-Rad ab! …

Das von Bert Neumann entworfene Rad mit Füßen ist zur Bildikone geworden. Doch mit der Ära Casdorf ist es Zeit, für Neues, für Transformation – und für Zukunftsweisendes.
Die Idee zum Abbau des „Räuber-Rades“ stammt aus der Volksbühne selbst. Die Mutation des Kampfsymbols zum zum musealen Emblem des vergehenden Ruhms der Casdorf-Ära soll verhindert werden! – Eine gute Idee!

Die „kreative Zerstörung“ des Symbols scheint der beste Ausweg zu sein, um aus allständigen Vergangenheitsdebatten in die Realität und Zukunft zu kommen.

Christof Schlingensief hat den Weg in die Zukunft gewiesen, als er sein Vermächtnis in Form eines Theaterdorfes in Burkina Faso schuf. Das „Village Opéra“ ist in eines der ärmsten Länder der Welt „gesetzt“ und „gesät“ worden, als Werkzeugkasten und Kreativitätswerkstatt – als Hilfe zur Selbsthilfe für die „Burkinabés“.

Alljährlich betreten 20 Millionen neue Menschen die Theaterbühne des Planeten! Es ist das größte Volksbühnen-Publikum aller Zeiten, das nach Kultur und Essen hungert.

Das rostige Räuber-Rad kann Kunst und Leben retten! Als Luftfracht-Gepäck kann es direkt vom Ross-Luxemburg-Platz per Hubschrauber nach Ziniaré in Burkina Faso transportiert werden. Etwas afrikanische Schmiedekunst, und die in der rostigen Konstruktion verborgene Getreidemühle kann aus der Umklammerung eines vergänglichen Symbols befreit werden!

Der interkulturelle Ort des Operndorfes in Ziniaré, 30 km nordöstlich der Hauptstadt Ouagadougou, ist ein lebensrettendes Konzept für das Zusammenleben von Nord und Süd.

Diébédo Francis Kéré, der Architekt des Operndorfes steht für diesen interkulturellen Neuanfang, und kommt mit frischen Ideen aus Afrika im Gefolge von Chris Dercon nach Berlin.

Die Transformation des rostigen Räuber-Rads in eine Getreidemühle wäre jener lebensspendende symbolische Akt, der die kommende Interkultur mit Kunst und Leben ausfüllen kann.

Schmiedet das Rad zum Lebenskunstwerk um!

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