Dienstag, 22. August 2017
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Von Treckschuten und verschwundenen Orten

Treckschuten Verschwundene Orte

Kunst im Heimatmuseum: eine für Kunstfreunde und Heimatkundler interessante Ausstellung aus den Sammlungsbeständen der Kommunalen Kunstsammlung wird in der Heynstraße 8 gezeigt – und lüftet ein altes Geheimnis.

Die ehemalige Wohnung von Fritz Heyn (* 21. September 1849; † 13. Januar 1928), Fabrikant und Lokalpolitiker, ist heute Standort des Museums Pankow – und zeigt die bürgerliche Wohnatmosphäre um 1900. Der Stuhlrohr-Fabrikant hatte die Verarbeitung von Peddigrohr (Rattan) nach Pankow gebracht und hier 1887 seine Fabrik aufgebaut. Die reich mit Stuck verzierte Wohnung steht heute unter Denkmalschutz und ist einzigartig in Berlin. Originale Wandbemalungen und Möbel dokumentieren das bürgerliche Leben der Jahrhundertwende.
Die Räume beherbergen seit Anfang des Jahres 2012 eine beachtliche Sammlung von Kunstwerken, die einen künstlerischen und geschichtlichen Bezug zur Heimatgeschichte.

Die Gemälde und Zeichungen stammen alle aus der Kommunalen Kunstsammlung des Bezirkes Pankow. Diese verwaltet Kunstwerke des Museums Pankow, die ursprünglich durch die ehemaligen Bezirksmuseen bzw. musealen Sammlungen und Archive von Pankow, Weißensee und Prenzlauer Berg erworben wurden. Dieser Sammlungsbestand umfasst 410 erschlossene Gemälde, Grafiken und Plastiken, von denen in dieser Ausstellung erstmalig eine Auswahl zusammenhängend gezeigt wird. Eine der frühesten Arbeiten in dieser Schau, das „Zirkuszelt auf dem Pankower Anger“ von Paul Kuhfuss, stammt aus dem Jahre 1911. Die jüngste Arbeit ist eine Radierung der Weißenseer Malerin und Graphikerin Linde Bischof aus dem Jahre 1989. Sie porträtierte den Gründer und Leiter des legendären Malik-Verlages, Wieland Herzfelde.

Treckschuten Verschwundene Orte
Otto Cermy o.T. Öl auf Pappe 16 x 21,4 cm

Die Ausstellung lüftet auch das Geheimnis der Treckschuten, die einst auf der Panke fuhren. Die Ursprünge der Region des heutigen Bezirkes Pankow reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Der Name Pankow lässt sich aus der slawischen Wortherkunft der Panke als „Fluss mit Strudeln“ herleiten. Diese ländliche Gegend wurde unter Lehnsherrschaft der Markgrafen ursprünglich von Kossäten und Büdnern bewirtschaftet. Nach dem Dreißigjährigen Krieg siedelten sich in der Region zusätzlich Migranten, darunter Holländer,
Hugenotten und Juden aus östlichen Provinzen an.
In früherer Zeit schwoll die Panke bei übermäßigem Niederschlag zusätzlich an. Friedrich I., König in Preußen, veranlasste um 1704 die Erweiterung der Flussgräben rund um die Panke, um damit zugleich den Transport mit Treckschuten, kleinen Holzbooten, welche vom Ufer aus von Tieren und Menschen gezogen wurden, zu befördern. Außerdem war die Schaffung eines direkten Wasserweges zwischen den Schlössern Charlottenburg und Schönhausen, in welchem ab 1740 Elisabeth Christine, die Gemahlin von Friedrich II. in den Sommermonaten residierte, beabsichtigt.

In die Bezirksgeschichte führen auch die Arbeiten der „Künstler des Nordens“. Die Gründung dieser Vereinigung im Jahr 1926 war eine Initiative der in dieser Region ansässigen Künstler, die damit zur Belebung der „kulturell vernachlässigten“ nördlichen Berliner Vororte beitragen wollten.
Zu ihren Mitgliedern zählten Paul Kuhfuss, Franz und Margarete Stock, Curt Jäger und Fritz Hildebrandt. Sie alle sind mit einigen Arbeiten in der Ausstellung vertreten. Ihre Motive dokumentieren zugleich die Entwicklung des heutigen Bezirks Pankow, darunter Ansichten der ländlichen Gebiete, das um 1857 einsetzende Markttreiben bis hin zu Bauvorhaben in der jüngsten Vergangenheit, wie den Bau des Pankower Freibades im Jahr 1959. Das Bild Fritz Hildebrandts „Die Panke bei Buch“ (1936) zeigt eine noch unverbaute ländliche Idylle.
Der künstlerische Einzelgänger und Chronist Heinrich Werrmann knüpfte in seinen Pankower Ansichten an die Milieuschilderungen Heinrich Zilles rund um die Mühlenstraße in Pankow an.
Von verschwundenen Orten, wie den alten Kossätenhäusern um 1900, zeugen die Arbeiten von Otto Cerny. „Die alte Mälzerei“ von Paul Schultz-Liebisch aus dem Jahr 1963 zeigt das Porträt eines bekannten und bis heute weithin sichtbaren Industriedenkmals in Pankow.

Zu den weiteren verschwundenen Orten zählt auch das Gelände des ehemaligen Städtischen Gaswerkes in Prenzlauer Berg. Mit der Sprengung seiner Gasometer und dem Umbau ehemaliger Industriebauten beschäftigten sich zwischen 1985/86 Christine Perthen und Roland Nicola in eindrucksvollen Grafiken und Aquarellen.

Die Bilder zeigen Stadtlandschaften, verfallene Hinterhöfe und Ruinen und waren in allen drei Ortsteilen ein viel beschriebenes und gesammeltes Motiv. Die Grafiken von Hanns Schimansky, Christine Donath, Robert Rehfeldt, Linde Bischof, Margot Sperling oder auch Eva Vent greifen diese Themen auf.
Der Wasserturm in Prenzlauer Berg wurde von Klaus Roenspieß in zahlreichen Variationen dargestellt.

In dieser Sonder-Ausstellung stehen die Intentionen der ehemaligen Regionalmuseen als Sammler im Mittelpunkt. Bei der Auswahl ihrer Erwerbungen wurde neben künstlerischen Aspekten stets auch der regionalgeschichtlich-topografische Bezug der Kunstwerke beachtet. Im Überblick ergibt sich ein Bild der Geschichte des Bezirks Pankow und seiner Ortsteile.
Heike Roßfeldt, Mitarbeiterin der Kommunalen Kunstsammlung und der Fachbereich Museen haben diese Ausstellung gemeinsam erarbeitet und öffnen mit dieser Ausstellung einen interessanten Blick auf Kunst und Geschichte in Pankow.
Die ursprünglich bis Ende Mai geplante Ausstellung wurde bis zum 26.8.2012 verlängert.

Museum Pankow – Panke-Museum
– Heynstr. 8 – 12187 Berlin-Pankow
Öffnungszeiten:
Di, Do, Sa, So 10 – 18 Uhr – Führungen nach telefonischer Anmeldung: Tel.: (030) 4 81 40 47

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m/s