Donnerstag, 19. Oktober 2017
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Willkommen im Suebi-Land

Suebi-Land

/// Glosse/// Der Schwabenstreich ist auch nicht mehr, was er mal war: anstelle schwäbischer Leibgerichte wird nun Currysauce auf ein Denkmal geschmiert. Große Berliner Pressemedien lassen sich dabei wie ein Pawlowscher Hund an der Nase herumführen – und publizieren die geistigen Machwerke anonymer Blogger im mordsernsten Gestus der Kulturkritik.

Der TAGESSPIEGEL um 16:59 Uhr – gefolgt von BZ, Morgenpost und WELT. Die Redaktionen bemerken dabei nicht: sie machen „Volksverhetzung mit Speiseresten“ zum Salongespräch – und vollenden das perfide Werk anonymer Macher.

Zuerst war es eine anonyme Schwabenguerilla aus Prenzlauer Berg, die mit Spätzle und Maultauschen zur Denkmalsschändung und zum Schwabenhass aufrief. Nun macht eine neue Initiative „Schwaben ausbürgern“ in Berlin Mitte mit Curry-Sauce von sich reden, und besudelt eine der philosophischen Leitfiguren der Aufklärung, nur weil sie schwäbischer Herkunft ist.

Die Presse macht wie ein Pawlowscher Hund an den bunt-geschmacklosen Treiben mit. Eine anonyme Mail und ein Verweis auf einem impressumsfreien Blog werden der Redaktion „hingehalten“ – und schon schnappt eine auflagen- und klickgeile Redaktion zu.

Die deutsche Presseagentur (dpa) sorgt schließlich dafür, bundesweit Redaktionen in Besorgnis und Empörung zu versetzen – um dazu aufgeregte Diskussionen in den Kommentarspalten in Gang zu setzen.

Noch nie war es so einfach, Fremdenhass zum publizistischen Spektakel zu machen. Bei fast allen Redaktionen ist die Mailbox offen, für anonyme Sudeleien mit Speiseresten – und für die Multiplikation fremdenfeindlicher Inhalte – solange es nur die Schwaben sind.

Als Berliner fragt man sich, wie weit das noch gehen soll – wie weit die tätige Mithilfe der Redaktionen noch reichen wird?

Tatbestand Volksverhetzung?

Erinnert sei an den Tatbestand der Volksverhetzung, definiert in § 130 Absatz 1 des Strafgesetzbuchs:

„Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,

1. gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordert oder

2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung oder einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet,

wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.“

Es ist richtig, wenn nun der Staatsschutz ermittelt – und auch die Redaktionen davon nicht ausnimmt. Auch Dummheit sollte einmal bestraft werden. Vielleicht kann man dazu den Presserat einschalten – und dem journalistischen Automatismus ein paar Argumente entgegen setzen?

Oder soll man etwa auf die Ambivalenz des Schwabenstreichs verweisen – und das Phänomen in gelassener Ironie ersäufen?

Suebi-Land Römisches Reich um 125 n. Chr. – ganz Ostdeutschland ist SUEBI-Land

Der Schwabenstreich – die totale Ambivalenz

Schwabenstreich – Die Gegner von „Stuttgart 21“ nennen ihren Widerstand „Schwabenstreich“. Was meinen sie damit? Spielen sie selbstironisch auf die Sieben Schwaben an, die glaubten, ein Monster zu bekämpfen, das sich dann als Hase herausstellte? Oder wollen sie an den legendären Schwaben erinnern, dessen antimuslimischer Hieb noch Ludwig Uhland inspirierte: „Zur Rechten sieht man, wie zur Linken, / Einen halben Türken heruntersinken“?

Oder sind „Schwabenstreiche“ doch nur „alberne Handlungen“, die törichtes oder ungeschicktes Handlungsvermögen ausdrücken? Oder stimmt die im Schwabenland übliche positive Konnotation des Wortes, wonach es doch „wagemutige Handlungen“ sind, die gewisse intellektuelle Fähigkeiten voraussetzen?

Im 19. Jahrhundert gab es sogar ein Verb für den ambivalenden Ausdruck „Schwabenstreiche machen“: es hieß „suebisieren“. Es meinte eine besonders geschickte Form der Neckerei, die den Getroffenen zwischen bösen Ernst und Humoreske im Unklaren liess.

Letztlich sorgt das Opfer eines Schwabenstreichs selbst für die böse Selbstspiegelung – und vollendet ihn im „tödlichen Betroffensein“.

„Suebisieren“ scheint nun in Mode zu sein. Es öffnet die Köpfe und löst böse Gedanken, Hasstiraden, Tabuverletzung und Betroffenheit aus.

Wer steht dahinter? Löst etwa schwäbischer Hintersinn diese Guerilla-Humoresken aus? Spielt dazu das Theater „Schwabenhatz“ mit schwäbischer Selbstironie?

Wir wissen es nicht – wir wissen nur: hier war schon zu Römers Zeiten „Sueben-Land“ – und ein gewisser „suebischer Grundhumor“ scheint sich hier bodenständig gehalten zu haben! Willkommen im Suebi-Land! m/s

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m/s