Samstag, 16. Dezember 2017
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Wired startet deutsche Ausgabe

WIRED #ICH

/// Glosse/// – Das „Zentralorgan der kalifornischen Ideologie“ (Wikipedia) startet seine neue deutsche Ausgabe. Die Zeit kündigt das Magazin als „Wundertüte für Wissensjunkies“ an.

Doch Vorsicht – geht es hier um das Wissen, oder um eine fortgeschrittene Version der „digitalen Californication“, die Menschen hintersinnig und ohne Humor abhängig von den in Kalifornien beheimatetet Internet-Diensten macht?

„Wired“ – schon der Titel mahnt zur Vorsicht! In deutscher Übersetzung wird klar, was gemeint ist: „verdrahtet, verkabelt, beschaltet, kurzgeschlossen,“ so lauten einige der möglichen Übersetzungen.

Und das neue Heft legt auch gleich los, und versucht unser bisheriges kulturelles Verständnis umzuwidmen und umzudefinieren.

Kostprobe gefällig?

Die Zukunft des #ICH – die Titelstory ist ein tief angesetzter Angriff zur Erlangung von philosophischer und kultureller Definitionsmacht. Der Hashtag unterstreicht dies, er sorgt für die Wiederauffindbarkeit der Zeichenkette, und für eine endlose Debatte um das „Ich“ – eigentlich aber um „Mich“ als User entfacht.

Immerhin, man ist sich nicht so ganz sicher – oder es ist nur ein rhetorischer Kniff, um Neugier zu wecken?

Werden die „Leserhühner“ den Stoff aufpicken?

Ein „Philosoph und Google-Berater Luciano Floridi“ wird angekündigt, und läßt sich über Authentizität im Netz aus. Früher hießen die Typen „Evangelisten“, bis es Google irgendwann zu peinlich wurde, Visitenkarten mit „Chief Evangelist“ auszugeben.

Heute also schickt Google „Philosophen“ ins Rennen, und okkupiert philosophische Begriffe und Kategorien, um die Hirne und das „Ich“ kompatibel zu machen – eben zu „beschalten“ und per E-Pay kurzzuschließen. In Englisch heißt das dann „Hot wired“ – aber das macht nix, weil das Geld aus der Tasche des „verdrahteten Kunden“ „by wire“ in die Taschen der Chefs der kalifornischen Philosophen wandern soll.

Dieser Luciano Floridi ist ein echter philosophischer Hallodridi – er präsentiert in dicken Lettern einen Taschenspielertrick, der milliardenschwere Technosofie – statt Philosophie ist:

„Zu glauben, das Nicht-Digitale wäre echter als das Digitale, ist philosophisch Blödsinn.“

Dazu garniert er noch eine ganze Reihe von Argumenten, um am Ende die für Google unternehmenspolitisch und betriebswirtschaftlich wichtigste „Deklaration“ auszusprechen:

„Wir müssen lernen, dass es ein Undo im Narrativ des Lebens nicht gibt.“

Luciano Floridi ist Philosophieprofessor in Oxford, Spezialgebiet Informationsethik. Im Sommer berief Google ihn in eine Kommission, die das „Recht auf Vergessenwerden“ regeln soll. Natürlich ist Google gegen das „Löschen und Vergessen“, weil das heißen würde, die gesamten alten Datenbestände zu entwerten.

Immer wenn etwas gelöscht wird, gehen auch Bezüge, Kontext und künstlich hergestellte Zusammenhänge verloren – es wäre eine Katastrophe, weil das die Big-Data-Grundtechnosophie in Frage stellen würde. Wären Kohärenz und Integrität der Archivdaten nicht mehr zu sichern, würde aus Big-Data sehr schnell „Big-Dada“ werden, ein Zeichensalat, den man vielleicht noch in Grafiken und Töne verwandeln könnte, aber nicht mehr in „Sinn“.

Mehr Umdefinieren war noch nie!

Natürlich gehört heute auch eine schräge Künstlerin in so ein neues Magazin, die natürlich Model ist, und dazu auch noch „Bonnie Strange“ heißt. Bonnie Strange wurde 1986 als Jana Weilert geboren und wohnt in Berlin. Sie ist Model, Fotografin, Bloggerin – und auf Instagram ein Superstar. Ihr Modelabel heißt „The Shit“. Ein Gespräch über Follower, Food-Fotos, Sponsoren und das letzte Tabu.

Im Interview outet sie sich: „Es ist krass, wie mein digitales Ich ins richtige Leben geschlüpft ist.“ Das ist Futter für wenig kategorienfeste Leserhühner, die neugierig sind, und jeden relativistischen Mist aufpicken.

Die Wired-Macher wollen natürlich die vielen Leser-Ichs sturmreif schießen, für den nächsten technopolitischen Eiertanz. Instagram zeigt uns ja heute schon, wo die einsam-narzistischen Einzelkinder aus der Hip-Hop-Ära ihren Lebensunterhalt beziehen:

WIRED: „Es ist ein offenes Geheimnis, dass Models wie Sie auf Instagram auch Product Placement betreiben.

Strange: Bei mir sind das vor allem Klamotten. Ich mache das entweder gegen Honorar oder im Gegenzug, wenn ich von den Labels ausgestattet werde. Meine Gagen gebe ich sowieso komplett für Mode aus, und ich würde nie mit einer Marke posieren, die ich nicht wirklich gut finde. So ist das eine Win-win-Situation.“

Doch irgendwie trägt das alles doch nur kurze Zeit, solange man in das Medium guckt! Bonnie Strange ist ehrlich:

„Bekannten von mir sagen, dass ich auf Instagram wie eine dumme Göre wirke, die immer nur abgefuckt zu Hause sitzt und raucht“.

Great Poodle Dog

In der neuen Ausgabe von Wired darf auch ein Tierfoto nicht fehlen, sowas stimmt emotional. Doch der graue Pudel ist nur Deko. In Wahrheit geht es um das Akronym POODLE (Padding Oracle On Downgraded Legacy Encryption) in dem ein Fehler entdeckt wurde. Sie betrifft das 18 Jahre alte Verschlüsselungsprotokoll SSL 3.0. Nun es wird bald behoben sein!

Interview mit einem Herrn Schmidt

Eric Schmidt, CEO ist inzwischen auch gealtert, er guckt stahlblau durch eine klassische Brille, Google Glass wäre wohl etwas heftig gewesen.

Eric Schmidt: Aging is a bitch. Altwerden ist eine Plage. Es macht einem erst bewusst, wie viel härter es mit den Jahren wird, auf der Höhe der Zeit zu sein. Man erkennt, dass das, was man zwischen 25 und 35 Jahren gelernt hat, keine ewigen Wahrheiten waren. Mein wichtigster Rat ist deshalb: Umgebt euch mit jungen Leuten. Hört ihnen zu. Lernt von ihnen.“

Irgendwie ist das aber nicht abgestimmt mit Professor Luciano Floridi. Sagte der doch, dass es kein „Undo“ geben würde. Schmidt will als alter Mann also offensichtlich junge Leute verführen, statt seinen Posten selbst in Frage zu stellen.

Aber Schmidt will noch weiter bedeutsam bleiben und macht zugleich ein Angebot, das ziehen soll:

„Für mich ist das auch persönlich wichtig: Ich bin überzeugt, dass Jugendarbeitsosigkeit das weltweit größte Problem ist. Deshalb brauchen wir Innovationen.“

Er setzt die „digitale Californication“ in seinem Sinne fort, und geht natürlich auch auf Berlin ein, als Wired fragt:

„WIRED: Gesetze sind da, um Menschen zu schützen.

Schmidt: In Europa sind viele im Regeldenken gefangen. Es gibt hier eine Tendenz, Leute zu zwingen, schon im Vorfeld nach Erlaubnis zu fragen. In den USA gibt es auch Grenzen. Aber trotzdem gilt mehr die Devise: Lasst uns etwas Neues ausprobieren und dann sehen, wie wir damit zurechtkommen. Das ist ein wichtiger Ansatz für Innovation. Darum ist es auch wichtig, dass das Berliner Start-up-Experiment erfolgreich verlaufen und Anerkennung finden wird. Auch wenn wir alle wissen, dass die meisten Start-ups und Innovationen scheitern. Das muss man akzeptieren. Das ist auch okay und in unserer Branche kein Stigma.“

… so einfach ist das! Schmidt kümmert sich nicht um Widersprüche, Einzelheiten und Nebensächlichkeiten die man akzeptieren muß – Wired übrigens auch nicht!

Weitere Informationen:

www.wired.de

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