Mittwoch, 18. Oktober 2017
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emotionaler Abschied
aus der Politik

Wolfgang Thierse:
emotionaler Abschied
aus der Politik

Abschied: Thierse trifft am 21.3.2014

Wolfgang Thierse war der Gast des Abends. Die SPD Pankow hatte „Pankower Vereine, Genossinnen und Genossen und Weggefährten“ in den Pfefferberg eingeladen, um „einen großen Sozialdemokraten und Pankower nach 24 bewegten Jahren im Bundestag und auf der bundespolitischen Bühne zu verabschieden.“

Abschied: Thierse trifft am 21.3.2014
Abschied: Thierse trifft am 21.3.2014 mit Hans Misselwitz und Wolfgang Thierse

Am vergangenen Freitag, dem 21. März 2014 fanden sich im Pfefferberg Haus 13 rund 150 Freunde, Parteimitglieder und Sympathisanten ein, um den politischen Abschied und Dank gebührend zu begehen. Rund zehn Prozent der Pankower SPD-Mitglieder waren zugegen, eine Zahl, die manche nachdenklich machte.

Gemeinsam führten Reinhard Kraetzer, ehemaliger Bürgermeister von Prenzlauer Berg, Hans Misselwitz, früherer Kreisvorsitzender der SPD Pankow und Niko Karsten (MdA), ehemaliger Juso-Vorsitzender, durch den Abend. Musikalisch umrahmt wurde das Programm durch die Pankower Musikschule und die Gruppe RambaZamba.

Im Gespräch mit Hans Misselwitz lies Wolfgang Thierse noch einmal wichtige Stationen seiner politischen Biografie lebendig werden, und erinnerte sich an Anekdoten und Begebenheiten zurück.

Thierse sprach „von seiner Ost-SPD“, etwa als er sich an einen Wahlkampfbesuch in Thüringen erinnerte, als er noch vor dem Wahlplakat auf einer angekündigten Veranstaltung eintraf, und die eiligen Bemühungen sah, noch schnell ein Wahlplakat aufzustellen. Etwas kokettierte Thierse auch mit seiner Biographie, als er von seiner Wahl zum Vorsitzenden der Ost-SPD am 9. Juni 1990 erzählte, und die Umarmung mit Willy Brandt schilderte “ Das hilft …“ flüsterte Brand zu Thierse.

Zum Publikum gewandt gab Thierse sein damaliges Gefühl wieder : „Ich dachte, jetzt bin ich am Höhepunkt meiner politischen Laufbahn angelangt …“ – und wurde sofort vom Lachen des Publikums im Saal eingefangen. Aus heutiger Sicht war es ja erst der Beginn einer nunmehr 25-jährigen politischen Karriere, die bis in höchste Ämter führte.

Abschied für Wolfgang Thierse am 21.3.2014
Musikalischer Rahmen der Pankower Musikschule am 21.3.2014
Abschied für Wolfgang Thierse am 21.3.2014
Abschied für Wolfgang Thierse am 21.3.2014

Stationen der politischen Biographie

Wolfgang Thierse, Jahrgang 1943, wurde als Sohn eines Rechtsanwaltes und Mitglieds der katholischen Zentrumspartei (später CDU-Kreistagsabgeordneter) in Breslau geboren. Nach der Vertreibung aus Breslau siedelte die Familie in thüringische Eisfeld um, wo Thierse die Oberschule besuchte und in die FDJ eintrat. Nach dem Abitur im südthüringischen Hildburghausen erlernte er den Beruf des Schriftsetzers beim Thüringer Tageblatt in Weimar.

Er studierte von 1964-1969 Germanistik und der Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, und wurde danach in der Sektion Kulturwissenschaften/Ästhetik der Humboldt-Universität wissenschaftlicher Assistent von Wolfgang Heise, der auch die späteren Dissidenten Rudolf Bahro und Wolf Biermann mit seinen Lesungen zur utopischen Philosophie beeinflußte.
Ab 1975 war Wolfgang Thierse im Ministerium für Kultur der DDR in der Abteilung Bildende Kunst tätig. Hier wurde er entlassen, als er sich weiterte, eine Erklärung zu unterzeichnen, mit der er die Ausbürgerung von Wolf Biermann befürworten begrüßen sollte.

1977 wurde Thierse wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Hier arbeitete u. a. als Mitverfasser des Historischen Wörterbuches ästhetischer Grundbegriffe. Bis 1987 wirkte er an den Drehbüchern für sieben DEFA-Dokumentarfilme mit.

Bis zur Wende war Thierse parteilos, und trat im Oktober 1989 dem Neuen Forum bei. Anfang Januar 1990 wurde er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der DDR (SDP). Nach dem Rücktritt von Ibrahim Böhme wurde Thierse am 9. Juni 1990 auf einem Sonderparteitag zum Vorsitzenden der SPD der DDR gewählt und traf erstmals mit Willy Brandt zusammen.

Wichtige Stationen in der Bundespolitik

Thierse zählte zu den 144 von der Volkskammer gewählten Abgeordneten, die am 3. Oktober 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages wurden und wurde am 4. Oktober 1990 zum stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion gewählt.
Damit begann eine beispiellose Karriere. Am 26. Oktober 1998 wurde Thierse zum Präsidenten des Deutschen Bundestages gewählt, und vier Jahre spter am 17. Oktober 2002 im Amt bestätigt.

Im Gespräch mit Hans Misselwitz erinnerte sich Thierse an die CDU-Parteispenden-Affäre, nur an die Höhe der festgelegten Strafzahlungen an die CDU konnte oder mochte er sich nicht mehr recht erinnern, außer „.. sie war hoch“! Das und seine Beharrlichkeit trugen ihm fortan die Feindschaft vieler CDU-Bundestagsabgeordneter ein, die ihm jahrelang die Stimme verweigerten. Schließlich hat Thierse als Bundestagspräsident über die Jahre alle angestrengten Gerichtsverfahren der CDU gegen die Strafauflagen zum Parteispendenskandal gewonnen.

Angesprochen auf die Qualität der Arbeit im Bundestag im Vergleich zu anderen Demokratien war Thierse noch ein bemerkenswerte Satz durch Hans Misselwitz zu entlocken. Thierse lobte die Arbeit des Bundestages im Ganzen und sagte, „der Bundestag gehört zu den besten Parlamenten der Welt“.

Auch das Thema Aufbau-Ost kam zur Sprache, und das Verhältnis zum ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Als es um die Verhandlungen um den Solidarpakt II ging, stellte sich Thierse 2001 offen gegen Kanzler Schröder und warnte, das „… der Osten auf der Kippe steht!“.

Thierse gewann mit seinem Widerspruch wohl erstmals Respekt bei Schröder, wie er freimütig einräumte. Doch Thierse stellte sein Wort „von der Kippe“ nochmals mit den Worten aus seinem damaligen Buch klar:

„Wenn ich heute sage: ‚Der Osten steht auf der Kippe‘, dann heißt das in erster Linie: Jetzt ist die Zeit, Weichen zu stellen – weg vom ‚Weiter so’…“.

Viele Ämter und viel Einfluß

Neben seinen wichtigen politischen Wahlämtern hat Thierse viele ehrenamtliche Ämter und Schirmherrschaften wahrgenommen. Eines der wichtigsten Ämter: der Vorsitz des Vorstands des Kulturforums der Sozialdemokratie mit den Themenschwerpunkten Künstlerische und kulturpolitische Grundsatzfragen, Kulturpolitische Programmatik, Erinnerungskultur, Berlin-Kultur sowie Werte und Religion.
Als Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Christen in der SPD hat Thierse lange gewirkt. Als Präsident der Europäischen Bewegung Deutschland (1998-2000), als Schirmherr der Georg-Elser-Initiative Berlin und als Mitglied des Kuratoriums von Aktion Deutschland Hilft e. V., dem Bündnis der Hilfsorganisationen war Thierse aktiv. Daneben war er Mitglied des Beirats des Cusanuswerks und hat sich bei AMCHA Deutschland für die psychosoziale Hilfe von Überlebenden des Holocaust und ihren Nachkommen in Israel eingesetzt. Maßgeblich hat Thierse auch zum Bau des Holocaust-Mahnmals in Berlin beigetragen.

Ehemaliger Juso fragt nach

Im Gespräch zwischen Thierse mit dem Abgeordneten Nikolaus Karsten (MdA) wurde es noch persönlicher. Karsten fragte nach, wieso Thierse ausgerechnet einen italienischen Orden erhalten hat. Es folgte eine kleiner Exkurs über Begegnungen mit italienischen Politikern wie Craxi, Andreotti, Cossiga, die heute fast vergessen sind. Thierse konnte kein konkretes Verdienst nennen, und beschrieb die Ordensverleihung als eher unbedeutende protokollarische Geste.

Nicht gelingen wollte es Nikolaus Karsten, Wolfgang Thierse auf das Gebiet der Lyrik zu locken. Karsten kam auf das eher private Thema zu sprechen, und lobte Thierses Stimme. Immerhin: „Als Germanist“ wollte sich Thierse zu seinen Aktivitäten als Sprecher für Hörbücher äußern, zu denen auch eines mit Lieblingsgedichten zählt.

Bücherfreund Thierse offenbarte eine seiner Leidenschaften: er produziert seit 2003 Hörbücher, deren Erlöse jeweils gemeinnützigen Zwecken zufließen.

Abschied für Wolfgang Thierse am 21.3.2014
Abschied für Wolfgang Thierse am 21.3.2014 im Pfefferberg Haus 13

In seinen Schlußworten bedankte sich Thierse bei vielen Genossinen und Genossen, und war wohl auch ein wenig gerührt. Wolfgang Thierse will sich nun aus der Politik zurück ziehen, und anders als Andere keine Ratschläge mehr geben.

Auf die Frage, ob er denn am Kollwitzplatz wohnen bleiben wolle, räumte Thierse ein: “ Mit seinen vielen Büchern käme ein Umzug einer Brandschatzung gleich“, und bekannte seine Liebe zum Wohnort, an der er wohl gern alt werden möchte. Die Treppe zum ersten Stock werde er wohl noch eine ganze Weile schaffen.

Einen Rat gab er dennoch: Thierse erinnerte sich an die Querelen im Vorfeld der Bundestagswahl 2013, und hätte sich selbst einen würdigeren Abgang gewünscht. „Ich wünsche mir auch eine andere Kultur in der Partei!“.

Hier war wohl auch ein bischen Selbstgewißheit und Selbstverklärung im Spiel, denn Thierse blendete damit alle Gespräche und Absprachen in seinem SPD-Ortsverband seit 2005 und 2008 aus, in denen sein Nachfolger aufgebaut werden sollte. Auch seine selbst angekündigter Rückzug vom 28. August 2012 fiel dabei unter den Tisch.

Der harmonische Abschiedsabend für Wolfgang Thierse endete mit vielen persönlichen Gesprächen. Einige Genossinen und Genossen übergaben zum Schluß persönliche Blumensträuße und drückten ihren ganz persönlichen Dank aus.

Eine lange politische Ära endet – und Thierse bleibt bodenständig am Kollwitzplatz. Ganz Loslassen ist nicht sein Ding. m/s

Weitere Informationen:

www.thierse.de

Wolfgang Thierse: „Zukunft Ost. Perspektiven für Ostdeutschland in der Mitte Europas“.
Rowohlt Berlin, 2001, 160 Seiten; 29,12 Mark.

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m/s