Montag, 25. September 2017
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x / groove space in den Sophiensälen

x / groove space © Foto: Katja Illner

Die Tanzperformance x / groove space eröffnete das Festival „Tanz im August“ in den Sophiensälen. Schon beim Eintreten in den Vorraum der Sophiensäle kam das Gefühl auf, in eine Vorstellung einzutauchen. Ein malerischer Raum mit meterhohen Wänden, zwei metallene Lüftungskanäle brutal an die Decke geschraubt, Installationsspuren, herausgehauener Putz, vergilbte Wände und Farben. Große helle Holztüren zum Saal, abblätternde Farbe. Die Sophiensäle sind eines jener unfertigen Berliner Provisorien, die in die Jahre kommen und gleichzeitig einen unvergeßlichen Ewigkeitswert eines Kulturortes aufbauen.

Besucher kamen, und hatten sich auf dem Boden gegenüber den Eingangstüren zum Tanzsaal niedergelassen. Lockere Erwartung. Sie warteten in Grüppchen, teilweise in Gespräche versunken auf den Beginn der Tanz-Performance. Am anderen Ende des Vorraums sorgte die Bar für Getränkeausschank und Garderobe. Große Taschen waren im Bühnenraum nicht erwünscht.

Zwei ältere Damen saßen auf den einzigen Sitzhockern im Raum. Auch sie in abwartender Haltung wie alle anderen Gäste. Ein junges Publikum traf ein, viele Tänzer dabei, nach und nach kam das Premierenpublikum dazu – bunt gemischtes Großstadtpublikum fand sich ein.

Der Raum füllte sich. Kurz vor Beginn der Vorstellung kniete ein japanischer Tänzer in der Mitte des Raumes. Er begann bedruckte Din-A4-Zettel nebeneinander auszulegen. Ein großes Rechteck entstand aus diesen Bögen. Viele Besucher beobachteten sein Tun neugierig. Die Zettel waren beliebige Ausdrucke aus der Büroablage, darunter viele E-Mail-Ausdrucke. War das schon Teil der Performance? Ein Rätsel entstand.

Ortswechsel in den Saal

Die Vorstellung sollte unmittelbar beginnen. Die beiden älteren Damen wurden mitsamt ihrer Sitzhocker in den Bühnenraum gebeten. Wenig später öffneten sich die Türen auch für die anderen Gäste.

Das Publikum betrat einen großen dunklen, kaum beleuchteten Raum. Mehrere Leuchtstoffröhren blinkten im Takt. Vier Lichtinstallationen, mit drehenden Rotorgestängen bewegten sich unaufhörlich. Eine Neonröhre stand zentral im Raum vor zwei großen Lautsprechern und einem Stuhl.

Die Platzwahl war frei – es gab keine Sitzplätze, der Raum blieb frei begehbar. Zuerst strömten die Besucher in die Mitte des Raumes, verteilten sich danach etwas unschlüssig. Die beiden älteren Damen auf den Sitzhockern blieben ruhender Pol. Lichtblitze und elektronische Tonspitzen tanzten im Takt.

Auf dem Stuhl zwischen den Lautsprechern hatte zwischendurch unbemerkt ein Musiker Platz genommen. Die Neonröhre lag auf seinem Schoß, mit den Händen ahmte er Gitarrenspiel nach. Oder war es der Wechselrichter der Leuchtstoffröhre, der den Synthesizer-Ton antrieb? Gleichzeitig ertönten harte Anschläge aus den beiden flankierenden Lautsprechern.

Zwischen dem Besuchern begann Bewegung. Mitten aus dem Publikum heraus bewegten sich Tänzer aus der Anonymität heraus. Wie Bienen tanzten sie einzeln durch den Raum, schlängelten sich zwischen den Zuschauern hindurch, streiften den einen oder anderen, lächelten Einzelne an.

Flirrendes Leben entwickelte sich, zu erst in getakteten Klängen, später in anschwellenden robusten rhythmischen elektronischen Bassklängen. Grooves statt Melodien. Großstadtleben.

Die Tänzer bewegten sich mal kreisend, schwärmend wie Bienen, mal bewegten sie ihre Glieder wie Roboter – zackig, mit kurzen Unterbrechungen und dennoch im Ganzen harmonisch.

x / groove space © Foto: Katja Illner
x / groove space © Foto: Katja Illner

Plötzlich gaben einige der Performer Laute von sich, in verschiedenen Tonlagen. Die Töne schienen jedoch keinen Sinn zu ergeben. Nur die Spitzen der groovigen, bassreichen Sounds untermalten das Geschehen im Raum.

Nach einer Weile näherten sich die Tänzerinnen und Tänzer auch untereinander, zwei oder drei interagierten in ihren Bewegungen und drifteten wieder auseinander bis ein weiteres Paar zum nächsten Intermezzo zusammentraf. Dann wurden die Treffen häufiger, und mehrere Tänzer kamen auf einander zu. Schließlich tanzten sie in einer ganzen Traube durch den Raum um die Zuschauer herum, deren Augenpaare den Akteuren unermüdlich folgten. Großstadtbewegungen?

Auch die Trauben lösten sich wieder auf. Plötzlich trugen die Tänzer schwarze Plastiksäcke in das Aktionsfeld und stellten sie beliebig zwischen den Besuchern ab. Kniend öffneten sie die Säcke, Berge von geschreddertem Papier kamen zum Vorschein. Papierschnipselwerk. Großstadt-Allegorie?
Die Tänzer warfen die Papierschnipsel in die Höhe im Raum, verteilten Papierberge unter den Gästen. Einladung zur Schnipselschlacht, Übermut und viel Freude im Publikum, aber auch abwartende Gestalten, die das Papiergestöber still über sich ergehen ließen. Schließlich war der Boden im Saal fast gänzlich mit weißen Papierschnitzeln und -streifen übersät.

Die erste Spur mit dem Besen zog der afrikanische Hausmeister. Nach und nach legten Tänzerinnen und Tänzer selbst Hand an, auch das Publikum fegte mit. Das Papier wurde zusammen gekehrt.
Mit großen Besen wurden künstlerische Linien und Bahnen durch den Raum gezogen, legten den schwarzen Tanzboden wieder frei. Als das Papiergestöber beseitigt war, schlichen die Tänzerinnen und Tänzer aus dem Saal … . Wo aber bleibt der Applaus? Das Publikum folgte ihnen in den Vorraum.

Hubschrauber-Perspektive

Hier versammelte man sich um das große Rechteck aus Din-A4-Zetteln, das zwischenzeitlich zur Projektionsfläche geworden war. Von Oben wurden Bilder auf zusammengelegte Papierfläche projeziert. Ein Video – das das Geschehen der letzten Minuten im Tanzsaal wiedergab. Aus der Hubschrauber-Perspektive wirkten die Bewegungen der Menschen und die Hell-Dunkel-Kontraste wie sich verändernde und flirrende dynamische Muster. Menschen und Besen wurden zu zweidimensionalen Schemen, die über das Bild wischten.
Nach und nach verschwanden die reflektierenden Papierschnipsel, das glänzende Schwarz des sauberen Tanzbodens sorgte für Verdunkelung der von Oben aufgenommenen Szenerie.
Erst als der letzte Papierstreifen aus dem Sichtfeld war, verdunkelte sich das projizierte Bild. Der bildhafte Epilog war zu Ende. Endlich Applaus. „x / groove space“ hatte alle Rahmen der Erwartung gesprengt.

Über „x / groove space“

„x / groove space“ ist eine Tanzperformance der Produktions-Serie „groove space“ von Sebastian Matthias. Das Stück spürt den gemeinsamen Groove zweier Großstädte – Düsseldorf und Tokio auf. Der besondere Blick gilt dabei der Dynamik und dem tänzerischen Kunstraum, der verschiedenen Ebenen der städtischen Wirklichkeit abbildet.

Die Tanzperformance präsentiert Tanz auf eine neue Weise und verändert den Blick auf den Alltag, den wir im Großstadtgetümmel täglich erleben.
Es ist ein Blick von Aussen – wie auch von Innen heraus – auf das Geschehen und das Zusammenwirken der Menschen. Es ist ein Kommen und Gehen, ein zufälliges Aufeinandertreffen und ein Auseinandergehen. Belanglosigkeit und Monotonie bestimmen den Alltag aus dieser Sicht. Wie Tag und Nacht wechselt der Blick vom Schwarzen zum Weißen und dann wieder zum schwarzen Hintergrund.

Der Beobachter des Stücks ist gleichzeitig im Geschehen und außerhalb. Das Stück nähert sich auch existentiellen Fragen und Antworten des Menschseins schlechthin. Was sind wir nun? Teil dieser Welt – oder externe Betrachter? Wo liegt unsere wahre Identität? Und was umgibt uns?

Sebastian Matthias freie Produktionen bestehen aus „modularen Improvisationssystemen“ und werden in Zusammenarbeit mit anderen Tänzern entwickelt. Das Thema von „Versammlung und Teilhabe“ spielt dabei eine zentrale Rolle. In seiner Produktions-Serie „groove space“ vertieft er seinen künstlerischen Ansatz und weitet ihn auf partizipative Prozesse mit Zuschauern aus.

Die Tanzperformance findet noch bis Mittwoch, den 17. August 2016, jeweils um 19 Uhr in den Sophinesälen statt.

Weitere Information:

www.tanzimaugust.de/programm/

Sebastian Matthias „x / groove space“

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