Montag, 20. November 2017
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Zerstört das „Pankower Tor“ die Pankower Mischung?

Helmut Jagdfeld

Das Vorhaben des Investors Kurt Krieger auf dem 45 Hektar Gelände des ehemaligen Rangierbahhof Pankow stößt auf immer mehr Kritik. Der Senat plant hier, ohne ausreichende städtebauliche Vorklärung und Planung einen bindenden Rahmenvertrag mit abzuschließen, und so Politik und Bürger ohne ausreichende Bauauflagen an die antiquierten Vorstellungen des Investors zu binden. Auch wenn im Tagesspiegel (20.8.2016) vor kurzem scheinbar Entwarnung gegeben wurde, so finden doch hinter verschlossenen Türen Verhandlungen mit Kurt Krieger statt, die kurz vor der Wahl noch eine Überraschung bringen können – eine böse Überraschung.

Als prominenter Gegner hat sich heute die DI-Gruppe zu jüngsten Berichten zum Projekt „Pankower Tor“ in Berlin gemeldet, und eine scharfe ablehnende Haltung eingenommen. Die inhabergeführte DEUTSCHE IMMOBILIEN GRUPPE (DI-Gruppe) ist seit über 30 Jahren
in Entwicklung und Management von Einkaufscentern, Büro- und Retail-Immobilien tätig.

Helmut Jagdfeld, Geschäftsführer der DI-Gruppe, und in Berlin Betreiber u.a. des „Rathaus Centers Pankow“ und des „Forum Köpenick“ befürchtet eine Zerstörung der in Pankow gewachsenen Einzelhandels-Struktur:

„Das „Pankower Tor“ ist ein seit vielen Jahren höchst umstrittenes Projekt. Jetzt entsteht leider der Eindruck, dass wesentliche Rahmenbedingungen noch unmittelbar vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus und zur Bezirksversammlung vertraglich festgeschrieben werden sollen, wogegen wir uns entschieden wehren.“

Im Telefongespräch mit der Redaktion wurde auch die wachsende Bedeutung des Online-Handels erörtert. Jagdfeld geht davon aus, dass in absehbarer Zeit rund 20% des Berliner Einzelhandelsvolumens über Online-Versand abgewickelt werden.

Für die bisherigen Planungen würde dies auch bedeuten: das Einzelhandelskonzept mit den Planzahlen für den Handelsflächenbedarf ist nicht mehr aktuell, weil es den Zuwachs im Online-Handel nicht berücksichtigt. Damit wird aber eine wichtige Genehmigungsvoraussetzung hinfällig, denn das Kriterieum „Zentrenverträglichkeit“ muss damit neu definiert werden.

Flächennutzungsplan-Änderung Pankower Tor
Flächennutzungsplan-Änderung Pankower Tor: Vorläufige schematische Darstellung zur Änderung des FNP gemäß der Ergebnisse der
Steuerungsrunde vom 12.02.2016 – Screenshot

Mehr Transparenz, Nachhaltigkeit und Zukunftsperpektive für Pankow

In seiner schriftlichen Stellungnahme führte Jagdfeld weiter aus:

„Die grundlegenden Fragen der Entwicklung des ehemaligen Bahngeländes sind gerade für das wachsende Pankow von erheblicher Bedeutung und müssen in einem offenen und transparenten Prozess entschieden werden. Dazu zählen sicher auch noch ungeklärte Fragen des Städtebaus, etwa wie das neue Viertel integriert werden soll.

Es muss den am 18. September gewählten Volksvertretern vorbehalten sein, ob sie dem offenkundigen Deal zwischen Investor und Senat – 1000 Wohnungen und davon 250 vergünstigte Mietwohnungen, eingekesselt von einem überdimensionierten Einkaufszentrum
auf der einen Seite und einem Möbelmarkt mit 49.000 m² sowie zweier weiterer (Möbel-) fachmärkte auf der anderen Seite – zustimmen wollen oder eine ganzheitliche und langfristig gesunde Entwicklung bevorzugen.“

Jagdfeld rechnet bei dem geplanten Vorhaben übrigens auch mit anderen Zahlen: er sieht auf der von der Pankower Politikern verhandelten Fläche des Einkaufszentrum nicht nur 30.000 Quadratmeter Grundfläche, sondern kalkuliert eine „vermietete Fläche“, die viel höher liegt. Krieger und die SPD-geführte Pankow-Lobby der Befürworter den Vorhabens haben womöglich bei der Vermietfläche getrickst.

"Blumen-Königin" in der Florastrassse
„Blumen-Königin“ in der Florastrassse

Bedrängnis und Verdrängungseffekte befürchtet

Jagdfeld schrieb weiter: „Wird das überdimensionierte Einkaufszentrum indes gebaut, so gerät nicht nur das „Rathaus Center Pankow“ in Bedrängnis. Auch die anderen Center im Einzugsbereich wie etwa das „Gesundbrunnen-Center“ und die „Schönhauser-Allee Arcaden“ werden die Auswirkungen spüren.

Vor allem die zahlreichen kleinen Einzelhändler wie etwa im Pankower Flora-Kiez oder auf der Schönhauser Allee kommen so zwischen die Mühlsteine der Einkaufszentren, die um dieselbe Kundschaft werben. Das wachsende Pankow benötigt an adäquater Stelle zusätzliche Handelsflächen, die das ursprüngliche Zentrum stärken und nicht schwächen. Es müssen ergänzende und nicht ersetzende Angebote sein.
Die mehr als ernüchternde Entwicklung der jüngsten Neueröffnungen von Shopping Centern in ganz Berlin unterstreicht diesen Befund einmal mehr. Niemandem nutzen sich kannibalisierende Einkaufszentren.“

Quadratmeter bedeuten noch nicht Qualität und Höherentwicklung

Jagdfeld ist als Investor und langjähriger Projektentwickler architektonischer und urbaner Qualität verpflichtet. Im Gespräch wurde auch auf die fehlenden städtebaulichen Pläne zur Einbindung des Vorhabens „Pankower Tor“ in die umgebenden Stadt-Quartiere abgehoben. Hier fehlen Nachhaltigkeit, Qualität und übergreifende städtebauliche Pläne zur Verkehrsanbindung

Im Einzelhandel sieht Jagdfeld auch die Nähe zum Alexanderplatz, der nur 10-12 Einkaufsminuten vom Pankower Tor entfernt liegt. Die für das Pankower Zentrum wichtige Höherentwicklung der Handelssortimente stösst bereits heute auf Schwierigkeiten, wie man an der Schließung von Boutiquen im Pankower Zentrum bereits sehen kann.

Pankower Tor
Pankower Tor: Verkehrsknotenpunkt und städtebaulicher Engpaß am 31.5.2015

Quo vadis Pankower Tor?

Das Radverkehrskonzept des Berliner Senats, die Vorschläge des ADFC für die Panke-Trail und das herannahende Thema der Stickoxid-Belastung von Kraftfahrzeugen werden neue Anforderungen an den Städtebau bringen. Auch die Idee, den Rundlokschuppen in die größte beheizbare Schul-Aula der Welt umzubauen, ist unseriös, verlagert Kosten des Investors in die öffentlichen Hände.

Die Pankower Politik wird sich wohl entscheiden müssen, wer die Planungshoheit in Pankow wahrzunehmen hat – und ob der Poker mit Investor Kurt Krieger hinter verschlossenen Türen weiter gehen soll.

Ein Ausweis kompetenter zukunftsweisender Stadtentwicklungspolitik ist das Projekt Pankower Tor bisher nicht – für keine der in der BVV beteiligten Parteien!

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