Veggie-Day: Gemüse ist schön“ – unter diesem Titel wurde vor zwei Wochen hier geschrieben, als die Idee vom Veggie-Day bundesweit in einer ordnungspolitisch-ideologischen Debatte zu versinken drohte. Andreas Otto (Bündnis 90/Grüne) griff die Gedanken auf – und lud die Wahlkreiskandidaten der Parteien zum Essen ein. Gestern traf man sich bei VEGO Foodworld in der Lychener Strasse, zum vegetarischen „Sumatra-Burger“ und „Veggie-Burger“.

Veggie Day in Prenzlauer Berg am 22.8.2013

Veggie Day mit Lars Zimmermann, Andreas Otto, Klaus Mindrup und Stefan Liebich

Statt vom „Feldherrnhügeln“ einer Wahlkampfentrale herab zu diskutieren, wurde der praktische „Feldversuch“ im Kiez gewählt: „Selbst essen und schmecken“ – statt über „die Menschen“ zu reden.

Es kam ein entspanntes Mittagessen zustande: vier Kandidaten saßen am Tisch, und philosophierten aucn über ihre persönlichen Präferenzen und Gedanken zum vegetarischen Essen.

Stefan Liebich (Die Linke) gab freimütig zu: “ er sei schon traurig, wenn einmal kein Fleisch“ auf den Tisch kommt, betonte aber gleichwohl die grundsätzliche Notwendigkeit, den Fleichkonsum einzuschränken.

Andreas Otto ließ sich auch nicht von rhetorischen Fragen provozieren, „… eigentlich sei ein Veggie-Day doch wie ein Verbot, an diesem Tag Fleisch zu essen.“
Stattdessen warb er für den Gedanken, und beschrieb seine Auffassung, es handle sich hierbei um eine „werbende Kampagne“, die er mit der Idee des „Fairtrade-Kaffees“ verglich – die heute hohe Popularität erlangt hat.

Klaus Mindrup aß einen Sumatra-Burger, und war offensichtlich nicht das erste Mal im Restaurant: er kannte schon die Speisekarte und wählte gezielt aus.

Lars Zimmermann (CDU) stimmte der grundsätzlichen Zielsetzung zu, und bekannte sich zu seinem ambivalenten Verhältnis zu Fleischkonsum und vegetarischen Essen. Besonders interessiert blätterte er in der von Stefan Liebich überreichten Büchlein „Ich nehm DIE LINKE“, dem Kochbuch der Fraktion, das von Landwirtschaft, Öko, Gentechnik, fairen Handel und Löhnen und leckeren Kochrezepten handelt.

In entspannter Debatte wurden aktuelle Themen, und das „Prenzlberg-Feeling“ in der Politik angesprochen: „Mir gefällt, wenn die Parteien werbend auftreten und argumentieren, statt aufeinander loszugehen“, meinte Stefan Liebich.

Hier deutete sich ein breiter Konsens an – denn auf Wahlkreisebene ist man längst beim „Du“ angelangt – man kennt sich. Umso mehr kann man sich auch auf intelligente Spitzen und Kritik an Details einlassen. Ideologen bekommen hier keinen Stich – und Martin Lindners FDP ist wohl auch deshalb am Tiefpunkt angelangt.

Klaus Mindrup erinnerte an die aktuelle Stellungnahme Liebichs zum Vertrag zum Mietenbündnis, in dem nun doch eine „Zimmer-Regelung“ enthalten sei. Stefan Liebich wieder fand es einigermaßen seltsam, wenn „Land Berlin“ und „landeseigene Wohnungsgesellschaften“ miteinander Verträge zu Mietenbündnissen schliesen.

Interessant wurde es noch beim Thema Koalitionsfragen: Lars Zimmermann, der sich selbst als linksliberal sieht, schließt bekanntlich eine schwarz-grüne Koalition nicht aus „… auch wenn das noch etwas Zeit braucht“.

Interessanter war die Frage Liebichs, warum nicht auch „Schwarz und Rot“ geht? Schließlich gibt es in Ostdeutschland durchaus erfolgreiche Beispiele für die Zusammenarbeit von Linkspartei und CDU. Die Antwort blieb in der Luft hängen – noch ist das Thema wohl zu ungewöhnlich.

Gleichwohl: nur wenige Kilometer von der Pankower Stadtgrenze regiert seit über 20 Jahren erfolgreich ein CDU-Bürgermeister zusammen mit der Linken: Hubert Handke, in Bernau bei Berlin.

Beim Veggie-Day in der Lychener Strasse war auch das Fernsehen dabei: die RBB-Kameraleute waren zurückhaltend, unauffällig – es war eine ungestörte Szenerie, die eine lockere Gesprächsatmosphäre aufkommen liess.

Womöglich haben sie etwas vom „Prenzelberg-Feeling“ in der Politik im RBB-TV aufgezeichnet, das den Pankower Kiez von manchen anderen Wahlkreisen unterscheidet:

sommerliche Stimmung, leichte Kleidung und Lächeln und bisweilen intelligenter Widerstreit.

Fabricio del Canto von den Piraten fehlte, auch Linuns Vollmar, der junge Spitzenkandidat der FDP war nicht gekommen. Für eine kommunale Entspannungspolitik reichen offensichtlich „vier Mächte“ aus.

Der „Veggie-Day“ in Prenzlauer Berg scheint nicht nur gesund und ökologisch zu sein, sondern ist auch ein kleiner Gewinn für die politische Kultur. m/s